Information
615 Aufrufe

Universität Tübingen

 

Gründungsgeschichte der Alma Mater Tubingensis von 1477

 

Hintergrundinformationen zum Stadtspaziergang der Wandersenioren im August 2017 von Dr. Alfred Hinderer

Im Sommer 1477 zirkulierte an Universitäten, Lateinschulen und in Klerikerkreisen eine  gesiegelte Herrscherproklamation. Es war der offizielle Werbeprospekt der soeben neu gegründeten Universität in Tübingen, zu deren zahlreichem sowie kollegfreien Besuch der Stifter aufrief.

 

Graf Eberhard im Bart

Ihr Stifter war Graf Eberhard V., genannt „im Bart“ (1445-1496), der knapp zweiunddreißigjährige Landesherr von Wirtemberg-Urach, des westlichen und südlichen Landesteils der seit 1442 geteilten Grafschaft mit dem Regierungssitz in Urach. Er war der Sohn von Graf Ludwig I. (1412-1450) und seiner Ehefrau Mechthild von der Pfalz 1419-1482). Nach dem Tod von Graf Ludwig hatte Mechthild nach zweijähriger Witwenzeit auf dem Böblinger Schloss das Heiratsgesuch von  Albrecht VI., Erzherzog von Österreich, angenommen. Er starb 1463, und Mechthild nahm ihren neuen Witwensitz im vorderösterreichischen Rottenburg.

Im östlichen Landesteil, der Grafschaft Wirtemberg-Stuttgart, mit dem Regierungssitz in Stuttgart, regierte bis 1480 Eberhards Onkel Graf Ulrich V., genannt der Vielgeliebte (1413-1480). Nach dessen Tod führte Eberhard die beiden Landesteile im Jahr 1482 mit dem Münsinger Vertrag wieder zusammen und regierte von da an in Stuttgart. Im Hof des Alten Schlosses steht das 1857-59 von Ludwig Hofer geschaffene imposante Standbild, das Graf Eberhard hoch zu Ross, im vollen Harnisch und mit gezogenem Schwert darstellt.

Die Quellen überliefern Eberhard als einen ungewöhnlich begabten und fähigen Herrscher, der nach einer ausschweifenden Jugend auf den Pfad der Tugend zurückfand und nach einer Jerusalem Wallfahrt 1468 in die Rolle eines lernbegierigen und verantwortungsbewußten Landesvaters und Staatsmanns hineinwuchs. Seinen Mut - getreu seiner persönlichen Devise „attempto“, das heißt „ich versuche es“ - stellte er immer wieder unter Beweis.

Sein Symbol war die Palme, die er vermutlich von seiner Jerusalemreise mitgebracht hatte. Zahlreiche Palmen zieren bis heute den großen Festsaal, den Palmensaal, im Uracher Schloss, wo er 1474 Barbara Gonzaga, die Markgräfin von Mantua geheiratet hatte. Die Palme ist auch das Logo der Universität Tübingen. Es wurde von HAP Grieshaber, entworfen.

Kaiser Maximilian, der 1495 die Grafschaft Wirtemberg zum Herzogtum erhoben hatte, sagte über Graf Eberhard nach dessen Tod: „Hier liegt ein solcher, mit Klugheit und Tugend dermaßen begabter Fürst, desgleichen ich im ganzen Reich keinen gehabt“.

 

Gründung der Universität Tübingen

Die offizielle Verlautbarung zeigt, dass Graf Eberhard die Universitätsgründung als einen Akt der ganz privaten Dankbarkeit gegenüber seinem Schöpfer verstanden wissen wollte abseits von wirtschaftlichen Interessen für Staat und Bevölkerung und allen Prestigegesichtspunkten. Immerhin befand sich der junge Graf eines sehr kleinen und ziemlich armen Landes jetzt im Kreis erlauchter Hochschulgründer neben Kaiser, Erzherzog, Herzogen, Markgrafen und Bischöfen. Die Errichtung eines „Studium Generale“ zur Pflege göttlicher und menschlicher Wissenschaften erschien ihm allemal gottgefälliger als die Errichtung prachtvoller Kirchenbauten.

Nun war die Gründung einer Universität kein einfacher Akt. Es gab gleich mehrere mächtige Gegenspieler, die überzeugt, und Mitspieler, deren Hilfe gewonnen werden musste. Eberhard hat dies mit außerordentlichem Geschick und mit der Hilfe eines politik- und welterfahrenen, einflussreichen Beraters geschafft. Und an seiner Seite war auch seine hochgebildete und ranghohe Mutter.

 

Gegenspieler und Unterstützer

Ohne die Zustimmung von Papst Sixtus IV. war die Verlegung des Sindelfinger Chorherrenstifts nicht möglich. Als Gegenleistung erhielt er das Versprechen, dass an seiner Stelle ein neues reguliertes Kloster mit Augustinermönchen vom besonders strengen Kloster Windesheim bei Bad Kreuznach entstehen solle. So war er ein zweifacher Gewinner.

Ohne die Zustimmung von Friedrich III. von Österreich, dem Kaiser des HRR Deutscher Nationen, konnte keine Universität gegründet werden. Nach der Gründung der Ruprecht Karl Universität in Heidelberg, derältesten deutschen Universität, und der Albertina Ludovica Universität in Freiburg bekam er eine weitere Universität in Tübingen und weiteres Ansehen.

Der Papst und der Kaiser waren seit dem Konstanzer Konzil wegen des andauernden  Bistumsstreits indes tief zerstritten. Dort hatte der damalige Kaiser seinen eigenen Kandidaten gegen den des Papstes durchgesetzt und damit eine Doppelbesetzung geschaffen.

Eberhard war durch die Heirat seiner Mutter Mechthild mit dem Erzherzog Albrecht VI., dem Bruder des Kaisers, dessen Neffe geworden und stand auf der Seite des Kaisers. Eine Universität war in der vorreformatorischen Zeit ein „corpus ecclesiasticum“, eine geistliche Korporation und stand unter der Ämtergewalt des Papstes. In dieser Konstellation war die Gründung einer weltlichen Universität nicht zu erreichen.

Um dieses Problem zu lösen, vollzog Eberhard unter Vermittlung seines Schwagers, des Kardinals Francesco de Gonzaga, dem Bruder seiner Ehefrau Barbara Gonzaga von Mantua, in der Fastenzeit 1476 einen Frontwechsel hin zur Papstseite. Das brachte ihm  vorübergehend den Unwillen des Kaisers ein, aber der Weg war nun frei für die ersten offiziellen Schritte zur Universitätsgründung.

Die dritte im Bunde war Eberhards Mutter Mechthild von der Pfalz, Erzherzogin von Österreich. Bei ihrer Heirat mit Graf Ludwig waren ihr die Gebiete und Einnahmen der Städte Böblingen und Sindelfingen und die Vogtei über das sehr reiche Chorherrenstift Sindelfingen als Widdum verpfändet worden. Nach ihrer erneuten Heirat hätte sie das Widdum zurückgeben müssen, aber ihr Sohn Eberhard hatte es ihr geschenkt. Mechthild hatte hohes persönliches Ansehen und genoss als Schwägerin des Kaisers unausgesprochene Macht und hohen Einfluss.

Der Vierte in diesem Kräftefeld war das Kloster Bebenhausen. Ihm war die Pfarrkirche St. Georg in Tübingen unterstellt, und es zeigte zumindest eine gewisse Reserve gegenüber den neuen Chorherren aus Sindelfingen und der Errichtung einer Universität im benachbarten Tübingen. Der Papst beruhigte den Abt und den Konvent, indem er ihnen eine ausdrückliche Erklärung für ihre Besitzstandswahrung gab. Später überließ das Kloster - über den Grad ihrer Freiwilligkeit ist nichts bekannt - der neuen Universität sogar ihren alten Pfleghof in der Münzgasse für den Lehrbetrieb. Die St. Georgskirche erhielt jetzt den Namen „Stiftskirche St. Georg und St. Martin“.

In der ganzen Aktion gab es noch einen weiteren sehr wichtigen Akteur, den Sindelfinger Chorherren Johannes Vergenhans. alias Nauclerus. Ohne sein hohes persönliches Ansehen, sein außerordentliches Geschick und seine wertvollen Verbindungen wäre das Projekt wohl kaum so leicht durchgegangen.

Johannes Vergenhans wurde 1425 geboren. Das genaue Datum und der Geburtsort sowie sein leiblicher Vater sind nicht bekannt. Er entsprang vermutlich einer „Verbindung zur linken Hand“, also aus einem unehelichen Verhältnis mit einem Mann aus dem Ritterstand. Sein jüngerer Bruder, Ludwig Vergenhans, wurde später Dompropst in Stuttgart und württ. Kanzler. Beide Brüder änderten ihre Namen Vergenhans (Ferge = Fährmann) wie damals durchaus üblich, ins Griechische und nannten sich fortan „Nauclerus“ (Schiffsherr, Steuermann, Lotse).

Johannes Nauclerus wurde Gelehrter, Theologe, Rechtswissenschaftler und Historiker.

Bis 1459 war er Erzieher des jungen Eberhard und wurde später dessen Vertrauter. 1461 wurde er Pfarrer in Weil der Stadt., 1464 erscheint sein Name als promovierter Jurist an der Universität Basel, wo er auch unterrichtete. 1466 verließ er Basel wieder und erhielt die Propstei zum Heiligen Kreuz der Stuttgarter Stiftskirche, die mit der reichsten württ. Pfründe ausgestattet war. 1472 rief Graf Eberhard seinen alten Lehrer in seinen Uracher Landesteil zurück und belohnte ihn mit einer kirchlichen Pfründe als Chorherr am Sindelfinger Chorherrenstift St. Martin.

Schon 1459 war Vergenhans auf dem Kongress in Mantua Papst Sixtus IV. begegnet und war danach vermutlich längere Zeit in Italien gewesen. 1466 war er in Rom bei der päpstlichen Kammer. All das prädestinierte ihn in hohem Maße dafür, beim Papst für die Genehmigung der Universität zu werben. Dabei war er aber wohl mehr im Hintergrund tätig gewesen. In seiner später geschriebenen „Weltchronik“ berichtete er bescheiden: “1477, auf Ansuchen des berühmten Grafen Eberhards von Wirtemberg und Mömpelgard, des Älteren, und seiner Durchl. Frau Mutter, ist auf Apostolisches Ansehen die Universität der allgemeinen Schul in diesem Städlein Tübingen ... aufgerichtet worden“.

 

Verhandlungen mit dem Papst in Rom

Ohne die Absicht einer Universitätsgründung zu erwähnen, baten im Frühjahr 1476 Erzherzogin Mechthild und ihr Sohn Graf Eberhard den Papst um die Verlegung des größten Teils des Sindelfinger Stifts St. Martin an die Tübinger Pfarrkirche St. Georg sowie um deren gleichzeitige Umwandlung in eine Kollegiatskirche. Dazu sollten die meisten Pfründe des Sindelfinger Stifts mit nach Tübingen gehen. Als Grund nannte Eberhard, dass das reiche Sindelfinger Stift ungeschützt außerhalb der Stadtmauern lag und somit einer zu großen Gefahr ausgesetzt sei. Das leuchtete dem Papst ein, und er stimmte der Verlegung am 11. Mai 1476 zu.

Erst danach enthüllte Eberhard seinen eigentlichen Universitätsplan. Er beantragte jetzt beim Papst die Gründung einer Universität, die mit den reichen Pfründen des Sindelfinger Stifts und dazu mit den Einkünften von fünf weiteren Pfarreien aus dem Land wirtschaftlich gut ausgestattet würde. Auch dieser Bitte entsprach der Papst. Am 11. März 1477 wurde eine päpstliche Bulle, datiert vom 13. November 1476, in der Residenzstadt Urach feierlich publiziert. Mit ihr wurde die neue Universität in Tübingen für nunmehr rechtlich bestehend erklärt. Der päpstliche Kommissar klärte am 28. Mai 1477 noch die Vermögensaufteilung zwischen Sindelfingen und Tübingen, und danach konnten Boten  die Proklamation im ganzen Land verteilen.

 

Tübingen zur Zeit der Universitätsgründung

In der geteilten Grafschaft Wirtemberg war Tübingen die einzige Stadt neben der  Residenzstadt Urach. Sie war aber alles andere als ein Hort von Urbanität und Kultur, vielmehr ein Provinzdorf. Tübingen war die kleinste unter allen Universitätsstädten des Reiches. Es hatte vielleicht 3000 Einwohner, die als Professoren, Studenten, Notare und Rechtsanwälte, Pedelle und Schreiber, Gesinde usw. mit der Zeit hierherkamen. Jahrhunderte später schrieb Goethe, nachdem er seinen Verleger Cotta dort besucht hatte, „die Stadt selbst ist abscheulich“. Und Friedrich Nicolai nannte die Zustände „uneben, eng, schmutzig, elend, schlecht, baufällig, klein, unglaublich dunkel, unförmlich, unbequem...“ Bevor Herzog Carl Eugen 300 Jahre später beim Jubiläum von 1777 die Stadt besuchte, wurde den Bewohnern befohlen, den Mist und den Unrat aus den Gassen zu räumen, das Vieh nicht mehr durch die vornehmsten Straßen zu treiben, den Abfall aus „Wassersteinen und Geschirren“ nicht länger vor die Häuser zu schütten und die Hunde nachts keineswegs auf die Gasse zu lassen“. Erst 1828 wurde eine Straßenbeleuchtung installiert. Gepflasterte Straßen gab es noch lange nicht, man watete manchmal knöcheltief im Schlamm. Tübingen war bäuerlich und keineswegs städtisch.

 

Start der Universität

Schon 1470 hatte Graf Eberhard mit der Absicht einer Universitätsgründung den Grundstein für eine neue, größere Stadtkirche auf dem Grundriss der kleineren romanischen Vorgängerkirche gelegt. Östlich davon ließ er auf einem neuen hohen Fundament einen gotischen Chorraum mit dem prächtigen Gewölbe in seiner heutigen Höhe und Gestalt aufrichten. Er wurde rechtzeitig im Jahr 1476 fertig, und in ihm fand ein Jahr später die feierliche Gründungsveranstaltung der neuen Universität statt. Danach wurden bis 1498 die restlichen Teile der alten Kirche und der Turm abgebrochen oder einbezogen und die Kirche mit einer flachen Holzdecke hergestellt. Ihre heutigen Gewölbe wurden erst 1866 fertiggestellt. Im Chor der Kirche sowie im Alten Pfleghof des Bebenhäuser Klosters an der Münzgasse wurde 1477 der Lehrbetrieb aufgenommen.

Die neue „Alma Eberhardina“ startete mit 14 Professoren in den vier traditionellen Fakultäten: Theologie, Jurisprudenz, Medizin und den freien Künsten („artes liberales“, der späteren philosophischen Fakultät). Fünf der Professoren waren Sindelfinger Chorherren, darunter Johannes Vergenhans, alias Nauclerus, der Kirchenrecht lehrte und im ersten Jahr ihr Rektor war. Durch seine guten Beziehungen gelang es ihm, ausgezeichnete Lehrkräfte nach Tübingen zu holen, darunter Johannes Heynlin, Heinrich Bebel und Johannes Reuchlin, den späteren württ. Reformator.

Nauclerus blieb auch nach dem Tod von Graf Eberhard – 1495 zum Herzog erhoben - der wichtigste Mann an der Universität, bis er sein Amt 1509 im hohen Alter abgab. Er hatte hohen Einfluss auf die Landespolitik, begleitete Eberhard auf seinen Reisen nach Italien und war am Münsinger Vertrag zur Wiedervereinigung Württembergs 1482 und an der Ausarbeitung einer neuen Landesverfassung beteiligt. 1500 wurde er einer der drei Richter des Schwäbischen Bundes und übergab das Amt 1502 an den Humanisten Johannes Reuchlin. Nauclerus starb 1510 und vermachte vorher der Universität die hohe Summe von 1000 Gulden. Die Nauklerstraße in Tübingen erinnert an ihn.

 

Päpstliche Anerkennung der Universität

Über sechs Jahre später, am 20. Februar 1484, wurde die päpstliche Universitätslizenz durch die kaiserliche Anerkennung komplettiert. Damit gehörte die Universität Tübingen zu den wenigen Hochschulen des Spätmittelalters, denen von beiden universellen Mächten des Abendlandes ihre Privilegien verbrieft worden sind.

 

Umbenennung in „Eberhardina Carolina“

Sie geht auf eine Verordnung Herzog Carl Eugens von 1769 zurück. Der Ruf der Tübinger Universität war über die Zeit verblasst und sie war wirtschaftlich ausgezehrt. Herzog Carl machte sie zu einer Landesuniversität und strukturierte sie gründlich um. Er griff in Organisation, Verwaltung und Finanzen ein, förderte neue wissenschaftliche Einrichtungen und nahm auch Einfluss auf die Lehrstuhlbesetzungen. Er erließ eine moderne Grundordnung und auch ein neues Ordnungsrecht und übernahm selbst das Amt eines „Rector Magnificus“, eines Ehrenrektors auf Lebenszeit. Am 17. Dezember 1769 verfügte er schließlich die Namensänderung in „Eberhardina Carolina“, die heutige Eberhard-Karls-Universität. Der Universität hat sein Eingreifen nicht geschadet. 1770 gründete er zusätzlich die „Militärische Pflanzschule“, später „Hohen Karlsschule“ genannt und führte sie zu hohem Ansehen. Sein jüngerer Bruder Ludwig Eugen löste sie nach Carls Tod aus Kostengründen auf. Damit waren auch die Ängste der Tübinger und die  Rivalitäten zwischen den beiden Universitäten aufgelöst.

 

Professoren

Zwischen den Professoren gab es ein großes Problem. Da gab es zum einen die Geistlichen Professoren des Stifts, die „Kanonisten“, die Beamte auf Lebenszeit und durch ihre Pfründe fürstlich besoldet waren. Zum anderen gab es die „Legisten“, die Rechtsprofessoren und Mediziner. Sie waren schlecht bezahlte Gehaltsempfänger und lediglich Professoren auf Zeit.

Graf Eberhard begriff das Problem rasch und löste es auf seine Weise: Als der letzte Sindelfinger Chorherr gestorben war, löste er die Verbindung zwischen Universität und Stift auf und legte die Pfründe zusammen. Der einzige Verbindungsmann war der Propst, und den bestellte Eberhard. „Dux est papa in territoriis suis“ (der Fürst ist der Papst in seinem Herrschaftsbereich). Jetzt konnte er Professoren seiner Wahl attraktive Angebote machen und begabte Leute an seine im Vergleich zu Heidelberg, Freiburg, Wittenberg und Ingolstadt recht kleine Universität holen.

 

Studenten in der Burse

Die Studienanfänger kamen damals zumeist im Knabenalter von 14 oder 15 Jahren von der Lateinschule. In der Artistenfakultät wurde das Studium der „artes liberales“, der sieben freien Künste, gepflegt. Diese bestanden zum einen aus dem sprachlich ausgerichteten „Trivium“ mit Grammatik, Dialektik und Rhetorik als Schule des Denkens, das sie zu theoretischer Arbeit befähigen sollte. Nach diesem Abschluss erhielten sie die Würde eines „Bakkalaureus“. Danach folgte das Quadrivium mit den Realienfächern Mathematik, Geometrie, Astronomie und Musik. Für fast alle Fächer waren die Schriften des antiken Philosophen Aristoteles maßgebend. Mit diesem Abschluss erwarben sie den Titel eines „Magister Artium“. Erst jetzt durften sie das Studium der drei „oberen Fakultäten“, Medizin, Jura und Theologie beginnen. Grundlage aller Wissenschaften war die Lateinische Sprache. Manche lernten gleich noch Griechisch und sogar hebräisch dazu, das sie zumindest für das Theologiestudium benötigten.

Die jugendlichen Schüler waren einem strengen Regiment unterworfen mit zahllosen Vorschriften, einer strengen Kleiderordnung und bis 1819 mit einem rüden Aufnahmeritus, der sog. „Deposition“. Durch sie sollten den Schülern die „Hörner abgenommen“ werden. Die Universität und die Stifte hatten eine eigene Gerichtsbarkeit. Wer über die Stränge schlug, wurde kurzerhand in den Karzer gesteckt. Davon gab es vier Stück, den städtischen in der Münzgassse 20 und einen in der Neuen Aula der Universität, einen im evangelischen Stift und einen im katholischen Konvikt.

Für die jungen Studenten wurden Bursen benötigt, in denen sie während der ersten Semester wohnen und essen mussten und gleichzeitig ihren Unterricht erhielten. Vor der Fertigstellung der Burse hörten die Theologen ihre Vorlesungen im Augustinerkloster, dem späteren Stift. Die Juristen kamen im Fronhof des Bebenhäuser Klosters unter. 1478 wurde der Bau der „Burse“ an der Bursagasse 1 begonnen und schon 1482 bezogen. Die Baukosten wurden von der Stadt vorgestreckt, das Bursengelände war von Steuern befreit.

Das lateinische Wort „bursa“ bedeutete einen Ledersack oder Beutel. Daher leitet sich das Wort „Börse“ und „Geldbörse“ her. Im mittelhochdeutschen stand die „Burse“ dann für ein gemeinschaftlich bewohntes Studentenheim. Von „Burse“ leitet sich danach der Begriff „Bursche“ und „Burschenschaft“ ab und stand für die Studenten im allgemeinen. In unserer Zeit hat sich der Begriff noch beim „Offiziersburschen“ erhalten, einem kräftigen Kerl fürs Grobe.

Die „Alte Burse“ zeigt von außen zwei getrennte Treppenhäuser, und das Gebäude war ursprünglich auch im Inneren getrennt. Schon im Mittelalter gab es in der Philosophie  zwei konkurrierende Bewegungen, die nicht miteinander harmonieren wollten. Im Ostflügel (von außen gesehen rechts) wohnten die „Realisten“, während im Westflügel die „Nominalisten“ wohnten. Mit der Einführung der Reformation hob Herzog Ulrich im Jahr 1535 die Trennung der Burse auf. „So wollen Wür, das aus baiden Bursen eine gemacht und baid zueinander gebrochen werden“.

Die Burse wurde vom „Rector Bursae“ verwaltet, der der Artistenfakultät unterstand und mithilfe mehrerer Magister, „den Konventoren“, für Zucht und Ordnung sorgte. Dazu gab es einen „Oeconomus Bursae“, einen Mensapächter.

Außen an der Burse ist eine Steintafel angebracht , die an Philipp Schwarzerd erinnert. Er gräzisierte seinen Namen in Philipp Melanchthon (schwarz = melan, Chthon = Erde). Er studierte hier ab 1512 und wirkte als Magister, bis er 1514 nach Wittenberg ging und sich dort Martin Luther anschloss.

 

Umwandlung der Burse zum Autenrieth'schen Klinikum

Noch vor den 30-jährigen Krieg begann der Niedergang der Burse und ihr baulicher Verfall. Sie entging 1643 nur knapp der Brandzerstörung durch die Franzosen, und Misswirtschaft des Pächters und schlechtes Essen taten das übrige. Sie war unbewohnt und sollte durch Beschluss des Senats 1799 abgerissen werden. Da ergab sich unerwartet eine neue Chance für die Burse.

Beginnend in Leiden und in Wien erkannte man die Wichtigkeit des praktisch-klinischen Unterrichts der Mediziner am Krankenbett zu erkennen. Es entstanden Privatkrankenanstalten des Tübinger Stadt- und Amtsphysikus und a.o. Professors Ferdinand Christoph Oetinger von 1760 und des Anatomen und Chirurgen Carl Friedrich Clossius. Beide blieben ohne sichtbaren Erfolg. Aufwärts ging es erst 1797 mit seinem Nachfolger Johann Heinrich Ferdinand Autenrieth. Er hatte zuvor in Stuttgart Klinikpläne entwickelt und kam mit Unterstützung seines Freundes Ludwig Thimotheus Spittler nach Tübingen und richtet mit staatlicher Unterstützung in der Burse seine Klinik ein. Dabei verkrachte er sich mit Herzog Friedrich II. von Württemberg, dem späteren König Friedrich I. Dieser hätte die Klinik lieber im Tübinger Schloss gesehen. So wurde in der Burse das erste Tübinger Klinikum eingerichtet.

1805 wurde die Autenrieth'sche Klinik mit zunächst nur 15 Betten in Betrieb genommen, 1810 erweitert und 1828 Universitätskrankenhaus. 1840 wurde es klinische Lehranstalt mit den Abteilungen Innere Medizin, Chirurgie und Geburtshilfe. Die Stadt- und Poliklinik wurde dabei von der inneren Abteilung abgetrennt.

 

Friedrich Hölderlin als Patient in der Autenrieth'schen Klinik

Bekannt wurde die Autenrieth'sche Klinik durch einen berühmten Patienten, den Dichter Friedrich Hölderlin. Er befand sich dort vom 15. September 1806 bis zum 3. März 1807 im „Narrenzimmer“ in stationärer Behandlung. Weil er nicht geheilt werden konnte, bat Prof. Autherieth den Schreinermeister Ernst Zimmer, ihn doch in sein neu erbautes Haus aufzunehmen und zu pflegen. Er würde bestimmt nur noch drei Jahre zu leben haben. Indes lebte er noch weitere 36 Jahre, überlebte seinen Pfleger und wurde danach von dessen Tochter Lotte liebevoll bis zu seinem Tod im Jahr 1843 gepflegt. An welcher Krankheit er genau litt, konnte nicht mehr festgestellt werden.

 

Der Anblick des wahnsinnigen Hölderlins, der mit einer weißen Mütze auf dem Kopf unruhig in seinem Zimmer hin und her lief, so dass man ihn bald an diesem, bald an jenem Fenster vorbeihuschen sah, inspirierte den jungen Eduard Mörike (1804 – 1874), der seit 1822 am Stift Theologie studierte, zu seinem Gedicht

„Der Feuerreiter“:

„Sehet ihr am Fensterlein
Dort die rote Mütze wieder?
Nicht geheuer muß es sein,
Denn er geht schon auf und nieder.
Und auf einmal welch Gewühle
Bei der Brücke, nach dem Feld!
Horch! das Feuerglöcklein gellt:
Hinterm Berg,
Hinterm Berg
Brennt es in der Mühle! …

 

Der Beruf des Medicus, Physicus und Baders im Mittelalter
Seit dem 14. Jahrhundert wirkten die medizinischen Künste getrennt. Fortan gab es die wissenschaftlich ausgebildeten Ärzte (Internisten) und die handwerklich ausgebildeten Wundärzte (Externisten), die Bader und die Apotheker.

Erst nach dem vierjährigen Grundstudium und dem Erwerb des „Magister Artium“ begann das eigentliche medizinische Studium. Weitere 2 bis 3 Jahre brauchte es dann, die Würde eines „Baccalareus“ zu erwerben, um dann Arzneimittellehre zu belegen und mit der praktischen Behandlung von Krankheiten zu beginnen. Nach weiteren 2 Jahren erlangte der Student nach Ablegung eines Examens sein Lizensiat. Sie studierten also insgesamt etwa 8 – 9 Jahre.

Zur Erlangung der Magisterwürde (Doktor) war noch eine feierliche Disputation zu überstehen. Die Zulassung zur Prüfung erhielt der Kandidat aber nur, wenn er eheliche Geburt, unbescholtenen Lebenswandel und einen gesunden Körperbau nachweisen  konnte. Bei Bedarf musste der junge Doktor Studenten kostenlos unterrichten und konnte nach einjähriger Gehilfenzeit bei einem anderen Arzt eine eigene Praxis eröffnen.

Einfache Bürger konnten die in Gebührenordnungen festgelegten Honorare kaum bezahlen. Um 1700 kostete ein Hausbesuch etwa 5 Wochenlöhne einer Köchin oder 6 Wochenlöhne einer Magd. Deshalb hofften die Absolventen auf eine Anstellung als Lehrer an einer Hochschule, als Leibarzt bei einem Fürsten oder als Physicus (Stadtarzt).

 

Grablegen und Stifterbilder im Chor der Stiftskirche

Die Grablege für die Grafen von Wirtemberg-Urach während der Teilung des Landes war die Kartause Güterstein, die nahe Urach in einem Seitental unterhalb der dortigen Wasserfälle Urach lag. Dort wurden Graf Ludwig I. und seine Ehefrau Mechthild beigesetzt. Mechthild hatte schon zu ihrem Lebzeiten ihre Skulptur für ihren Sarkophag festgelegt. Die Konvention verlangte damals, dass eine Witwe einen Vollschleier, das Kummertuch, zu tragen hatte, das nicht nur ihre Haare sondern das Kinn und die ganze Mundpartie verhüllte. Als selbstbewusste Frau widersetzte sie sich dieser Sitte und ließ den „Witwenzipfel“ so weit nach unten rutschen, dass die Mundpartie gänzlich unbedeckt blieb – damals sicherlich ein Affront!

Ihr Sohn Eberhard im Bart wurde seinem Wunsch entsprechend in dem von ihm gegründeten Kloster St. Peter Einsiedel begraben. Seine Ehefrau, Barbara Gonzaga von Mantua, wurde nach ihrem Tod im Jahr 1503 vom Böblinger Schloss ins Dominikanerinnenkloster in Kirchheim unter Teck überführt und beigesetzt. Da ihr kein Sarkophag gewährt wurde, ging ihr Grab nach der Auflösung des Klosters verloren.

Nach der Reformation ließen Herzog Ulrich und sein Sohn Christoph den Chor der Stiftskirche vom Chorgestühl, Grabmälern, Nebenaltären und Gemälden freiräumen und zur Grablege der württembergischen Grafen und Herzöge umgestalten. Der Chor konnte danach nicht mehr liturgisch genutzt werden.

Als das Kloster St. Peter Einsiedel verfiel, ließ Herzog Ulrich das Grab von Graf Eberhard im Bart 1537 in den Chorraum überführen und 1551 durch den Uracher Bildhauer Joseph Schmidt ein neues repräsentatives Grabmal schaffen. Als die Kartause Güterstein nach der Reformation aufgelöst wurde und danach verfiel, ließ Herzog Ulrich die Sarkophage von Graf Ludwig I. und seiner Ehefrau Mechthild ebenfalls in den Chorraum überführen.

Dort stehen auch die Grabmale von Herzog Ulrich und seiner Ehefrau Sabina von Bayern sowie von Herzog Christoph und vieler weiterer Vertreter der württembergischen Adelshäuser. Gedenktafeln an den Wänden im Chorraum erinnern zusätzlich an Graf Eberhard, Herzog Ulrich und Herzog Christoph.

Auf den drei großen Glasfenster im östlichen Chorabschluss sind Stifterbilder der wirtembergischen Grafen und Gräfinnen und von fünf Sindelfinger Chorherren zu sehen, darunter von Johannes Tegen, dem ersten Kanzler der Universität und von Johannes Vergenhans, dem ersten Rektor und späteren Kanzler.

 

Literatur:

Volker Schäfer: Aus dem Brunnen des Lebens – Gesammelte Beiträge zur Geschichte der Universität Tübingen.

Herausgeber: Sönke Lorenz und Wilfried Setzler anlässlich des 70. Geburtstags von Volker Schäfer, dem langjährigen Leiter des Archivs der Universität Tübingen.

Jan Thorbecke Verlag, 2005;  ISBN 3-7995-5505-6, 414 Seiten

Walter Jens: Eine Deutsche Universität – 500 Jahre Tübinger Gelehrtenrepublik

Kindler Verlag München, 1977; ISBN 3-463-00709-6, 419 Seiten

Jürgen Jonas: Tübingen zu Fuß – 13 Stadtteilrundgänge durch Geschichte und  Gegenwart

VSA-Verlag, Hamburg, ISBN 3-87975-537-X, 263 Seiten

Andreas Rumler: Tübinger Dichterspaziergänge, Auf den Spuren von Hölderlin, Hegel und Co; Attempto Verlag Tübingen, 2003; ISBN 3-89308-362-6, 192 Seiten

Siftskirche Tübingen, Geschichte – Architektur – Kunstschätze, Ein Führer

Herausgeber: Sibylle Setzler, Wilfried Setzler

Verlag Schwäbisches Tagblatt Tübingen, 2013, ISBN 978-3-92801-166-2, 89 Seiten

Hermann Ehmer: Johannes Brenz – Ein Lebensbild zum 500. Geburtstag;

Schwäbische Heimat. Teil 1: Heft 99/1, Seite 56 – 65, Teil 2: Heft 99/2, Seite 156 – 163

Die Abbildungen in diesen Quellen dürfen aus urheberrechtlichen Gründen hier nicht wiedergegeben werden.