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Das ehemalige Gaswerk in Sindelfingen

 

Wie die meisten größeren Städte in Württemberg hatte auch Sindelfingen einst ein eigenes Gaswerk. Es wurde 1903 am Hirnach erbaut und versorgte 30 Jahre lang die Stadt mit Gas und Koks. 1908 schloss sich Böblingen an das Gaswerk an. Mit dem zunehmenden Verbrauch durch die wachsende Bevölkerung und besonders durch die sich rasch entwickelnden Industriebetriebe - vor allem die neuen Daimler Motorenwerke -, reichten die Kapazitäten auch nach einer Erweiterung und einem Neubau nicht mehr aus. Deshalb schloss sich die Stadt im Jahr 1928 an das Ferngasnetz der Technischen Werke Stuttgart an und wurde ab 1933 von ihnen beliefert. Das Sindelfinger Gaswerk wurde danach an die TWS verkauft. Um 1970 erwarb IBM das Gelände und ließ die Gebäude für die neuen Versorgungsgebäude ihres Leiterplattenwerks abbrechen. Heute stehen an ihrer Stelle Gebäude von Mercedes-Benz.

An die Ferngasversorgung erinnert ein Brunnenstock in der Stumpengasse. Er wurde der Stadt von den Technischen Werken Stuttgart zum 50-jährigen Jubiläum der Gasversorgung geschenkt. Heute schlummert er, vom Rost stark angegriffen, im Dornröschenschlaf und wartet auf seine Restaurierung oder vielleicht sogar auf seine Wiederbelebung hier oder an einem anderen Ort.

 

Die Entwicklung Sindelfingens in der Zeit von Wilhelm Hörmann

Er war von 1895 bis 1930 Stadtschultheiß und dann bis zu seinem krankheitsbedingten Ausscheiden aus dem Amt im Jahr 1932 Bürgermeister der Stadt Sindelfingen. 1946, zwei Jahre nach seinem Tod, wurde ihm für seine vielfältigen Verdienste um die Stadt die Ehrenbürgerwürde verliehen und die Landhausstraße oberhalb des Klostersees nach ihm benannt.

Wilhelm Hörmann führte Sindelfingen durch den 1. Weltkrieg und die Inflation. Er weihte 1905 die Gartenstraßenschule ein, gründete 1909 die Stadtbücherei und ließ von 1919 bis 1923 die Siedlungen Schnödeneck und Zimmerplatz erbauen. In der schwierigsten Zeit der Inflation wurde 1922/23 das Krankenhaus „Wilhelminenheim“ gebaut, wofür Wilhelmine (Minna) Moscherosch Schmidt der Stadt aus ihrer neuen Heimat Chicago wiederholt sehr bedeutende Summen spendete. Das Projekt der Gartenstadt am Mönchsbrunnen scheiterte, aber 1929 konnte er die Höhere Bezirksschule am Goldberg - von 1933 bis 1945 „Adolf-Hitler-Oberschule“, heute „Goldberg Gymnasium“ - einweihen.

Die Zeit der Industrialisierung

Unter Wilhelm Hörmann entwickelte sich Sindelfingen zur bedeutenden Industriestadt. Mit seinem Namen ist vor allem die Ansiedlung des Werks der Daimler-Motoren-Gesellschaft im Jahr 1915 verbunden. Schon 1897 hatte sich die Firma Emil Kabisch an der Böblinger Allee angesiedelt, wofür ihr der Grund und Boden unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden musste. Sie stellte Maschinen- und Webereiutensilien her. 1918 ging sie in die Optima Maschinenfabrik AG über und stellte zunächst DASCA - Waagen sowie Fleisch- und Wurstaufschnittmaschinen her. Später stellte sie das Programm um auf Zubehör für Tabelliermaschinen und Zeitrechner (Horographen) und Akkord- und Zeitstempelapparate. 1934 wurde sie in die Deutsche Hollerith-Maschinen-GmbH in Berlin-Lichterfelde integriert. Nach dem Krieg erhielt sie den Namen IBM Deutschland GmbH. Das IBM Werk Sindelfingen mit Produktionsgebäuden an der Tübinger Allee, an der Leibnitz- und Sindelfinger Straße in Böblingen sowie auf der Hulb war bis 1995 das bedeutendste Produktionswerk der IBM in Europa. Über die Verbindung mit dem einstigen Gaswerk wird weiter unten berichtet.

Zu den bedeutenden Jacquardwebereien in Sindelfingen gehörten die Firmen Zweigart & Sawitzki und I.C. Leibfried, sowie die Firma Dinkelacker an der Leonberger Straße. Zahlreiche weitere Firmen, wie die Schuhfabrik Dinkelacker, kamen nach Sindelfingen. Der Eisenbahnanschluss bot ihnen gute Verkehrsverbindungen, es gab hier qualifizierte Arbeitskräfte und die Löhne waren deutlich niedriger als in Stuttgart.

Wilhelm Hörmann schuf auch die erforderliche Infrastruktur. 1900 wurde die Webschule gebaut. 1901 wurde die Mahdentalstraße angelegt und mit der Staatsstraße von Vaihingen durch das Diebskarrental nach Böblingen (heute die Alte B14) verbunden. Im gleichen Jahr wurde eine neue Wasserleitung und ein Hochbehälter gebaut. 1906 wurde der Bau einer Kanalisation begonnen und 1907 wurde die elektrische Beleuchtung eingeführt.

Die Gasversorgung 

Da Sindelfingen außer der geringen Wasserkraft der Schwippe und des Goldbachs, die kaum für die Mühlen ausreichte, über keine anderen Energiequellen verfügte, war die Industrialisierung zunächst von Dampfmaschinen abhängig. Der Neckar war damals noch nicht bis Stuttgart schiffbar. Also wurden die enormen Kohlenmengen zu hohen Kosten mit der Eisenbahn aus dem Ruhrgebiet nach Stuttgart und von dort auf der Gäubahn zum Böblinger Bahnhof transportiert. Dort wurden sie auf Ochsenkarren und später auf Lastwagen umgeladen und zu den Verbrauchern gebracht. Die Eröffnung der Bahnlinie von Böblingen nach Sindelfingen im Dezember 1914 erleichterte den Antransport der Kohle und den Warenverkehr und machte die Stadt für weitere Industrieansiedlungen attraktiv.

Mit der Zeit verdrängten stationäre Gasmotoren die großen, im Betrieb teuren Dampfmaschinen. Gas wurde nicht nur in den Industriebetrieben sondern auch für die Straßenbeleuchtung und zum Heizen und Kochen in den Wohnungen gebraucht. Deshalb wurde der Bau einer Gasfabrik in Sindelfingen beschlossen.

Das Sindelfinger Gaswerk

Für das Gaswerk wurde am 14. August 1903 die „Gaswerk Sindelfingen Aktiengesellschaft“ gegründet.  Die Stadt beteiligte sich mit 60 % des Aktienkapitals. Vorsitzender des Aufsichtsrats wurde Stadtschultheiß Wilhelm Hörmann.

Mit der Planung und dem Bau wurde die „Firma Carl Francke, Bremen – Kesselschmiede, Maschinenfabrik und Metallgießerei, Spezialitäten: Bau, Finanzierung und Verwaltung von Gas- Wasser- Elektrizitätswerken“ beauftragt. Das Gaswerk sollte Ende 1903 fertiggestellt werden. Dass die Genehmigung lange auf sich warten ließ und es dadurch zeitliche Probleme gab, zeigt ein Schreiben vom 12. Oktober 1903. Hier ein Auszug:

„Herrn Stadtschultheiß Hörmann Sindelfingen

Ich wurde eben auf dem hiesigen Polizei-Bureau vernommen, weil eine Anzeige vorliegt wegen Beginn des Gaswerkbaues in Sindelfingen ohne Bauerlaubnis. Ich habe ausgesagt, dass ich als Vorstand den Auftrag zum Beginn des Baues an die Unternehmer gegeben habe, weil ich dazu gedrängt wurde und weil das Gaswerk sonst in diesem Jahre nicht mehr rechtzeitig fertiggestellt werden könne. ... Am 10. September ist die Bauerlaubnis eingegangen. …

Es ist Ihnen vielleicht möglich, auf den weiteren Gang der Angelegenheit einzuwirken, dass eine etwa in diesem Falle von der Gesellschaft Gaswerk Sindelfingen zu zahlende Strafe möglichst gering ausfällt, da ja schließlich jeder Pfennig, den wir bezahlen, von der zukünftigen Dividende abgeht.

Hochachtungsvoll Fritz Francke.“  (Quelle Stadtarchiv)

Die Anrede ohne Höflichkeitsformel und das förmliche und knappe „Hochachtungsvoll“ am Ende lässt auf seinen großen Unmut schließen. Die Antwort auf das Schreiben ist nicht archiviert.

 

Bild 1 Amtsblatt neu

Amtsblatt vom 28. Oktober 1903   Bild: Stadtarchiv

Das Gaswerk wurde am 1. Dezember 1903 in Betrieb genommen und bis zum Produktionsende im Jahr 1934 von Herrn Balduin Schaarschmidt verwaltet. Wir lesen seinen Namen im Gründungsdokument unseres Schwarzwaldvereins. Er war einer der Gründungsväter unserer Ortsgruppe im damaligen Württembergischen Schwarzwaldverein, die am 28. Dezember 1913 im Gasthaus Hirsch feierlich gegründet wurde. Im Sindelfinger Straßenverzeichnis von 1927 findet man das „Gaswerk Sindelfingen-Böblingen“ unter der Adresse Böblinger Allee 29 - 31.

Bild 2 Gaswerk 1903

Das Sindelfinger Gaswerk 1903    Bild: Stadtarchiv

Dieses Bild zeigt das erste Gaswerk am Hirnach. Von links nach rechts sieht man das Verwaltungsgebäude, das Kokereigebäude mit den Schornsteinen und rechts den Gaskessel. Davor stehen links die Mitarbeiter der Herstellerfirma Francke, in der Bildmitte Herr Schaarschmidt mit seinen Kindern und rechts die Gaswerksmitarbeiter.

 

1908 schloss sich die Stadt Böblingen an die Gasversorgung an, und das Gaswerk musste dafür erweitert werden. Mit dem Aufbau des Daimler Motorenwerks und dem Bevölkerungszuwachs wuchs die Nachfrage nach Gas erheblich und schon 1917 entstand der Neubau einer wesentlich größeren Gasfabrik an gleicher Stelle.

1921 stellte man zusätzliche Kokereiöfen auf und erzeugte mit ihnen Wassergas. Aus 1 kg Kohle konnte man lediglich 0.3 cbm Leuchtgas herstellen. Wenn man den entstandenen Koks danach mit Wasserdampf reagieren ließ, konnte man aus 1 kg Koks noch 1.7 cbm Wassergas herstellen. So konnte die Gasmenge deutlich erhöht werden, wobei die knappen und mit Transportschwierigkeiten behafteten Kohlen besser ausgenutzt werden konnten. Allerdings hat Wassergas eine deutlich niedrigere Verbrennungswärme als Leuchtgas

Bild 3 Luftbild Grauton

Blick aus der Luft auf das Gebiet am Hirnach   Bild: Stadtarchiv

Auf diesem Bild sieht man in der linken unteren Ecke das neue Gaswerk von 1917. Die Bahnhofstraße führte in der Verlängerung der Planiestraße bis zur südlichen Stadtgrenze. Danach führte sie als Böblinger Allee über freies Feld zum Böblinger Bahnhof. Nach dem Straßenverzeichnis von 1927 lag an ihr das Gebäude der Eisenbahn (Nr. 3), das Gelände der Baresel AG (Nr. 13-15), das Gaswerk (Nr. 29) mit dem Wohnhaus des Verwalters Balduin Schaarschmidt (Nr. 31), die Villa des technischen Direktors der Optima Maschinenfabrik, Eugen Kaun (Nr. 45) und das Werksgelände der Optima (Nr. 49). Gegenüber steht heute noch das Gasthaus von Michael Haselmaier „Im schönsten Wiesengrund (Nr. 48).

Beim Bau der Bahnlinie wurden beschrankte Bahnübergänge nötig, und durch die Erweiterung des Daimlerwerk wurde die Böblinger Allee in diesem Bereich dann ganz aufgehoben. Der verbliebene südliche Teil heißt jetzt Tübinger Allee und endet an der Autobahn A81.

An der rechten Tragflächenspitze sieht man die Höhere Bezirksschule auf dem Goldberg.

Rechts neben dem Gaswerk stehen die ersten Häuser am Hirnach und unterhalb des Gaswerks die Gebäude der Optima Maschinenfabrik.

Übergabe der Gasversorgung an die Technischen Werke Stuttgart

Als das Daimler Motorenwerk immer weiter ausgebaut wurde, die Industriebetriebe in der Stadt wuchsen und immer mehr Haushalte Gas verbrauchten, reichten die Kapazitäten des neuen Gaswerks nicht mehr aus. Die benötigten Kohlemengen nahmen so stark zu, dass ihr Transport zum Gaswerk ohne direkten Bahnanschluss nicht mehr durchführbar und rentabel war. Jetzt musste eine neue Lösung gefunden werden.

Zusammenschluss der Gaswerke in Württemberg

Inzwischen hatte sich die Situation auf dem Gasmarkt geändert. 1926 war in Essen vom Ruhrkohlesyndikat die „Aktiengesellschaft für Kohleverwertung“ gegründet worden. Diese hatte das Ziel, das im Ruhrgebiet in großen Mengen anfallende aber nur schwer absetzbare Zechengas über ein neu zu bauendes Fernleitungsnetz in den Süden zu leiten und dort zu verkaufen. Auch das Gaswerk in Stuttgart erhielt ein Angebot. Zu der Zeit stand die Erweiterung des Gaswerks in Gaisburg zur Entscheidung.

1923 war Dr. Strölin, der an der Universität Gießen in Staatswissenschaften promoviert worden war, als Referent für Statistik und Organisation eingetreten. Er formulierte die Ablehnung des Angebots und begründete sie vor allem mit der Gefahr einer Monopolstellung des Ruhrkohlesyndikats gegenüber den Gemeinden. Stattdessen schlug er vor, dass sich die württembergischen Gemeinden mit eigener Gasversorgung zusammenschließen und eine eigene Ferngasversorgung aufbauen sollten. Das fand breite Zustimmung und das Stuttgarter Stadtschultheißenamt wurde ermächtigt, darüber mit dem Württembergischen Städtetag in Verhandlung zu treten. Dr. Strölin wurde in der neu gegründeten „Kommission der württembergischen Gemeinden mit eigenen Gaswerken“ Schriftführer und später ihr Geschäftsführer. Die Fernversorgung aus dem Ruhrgebiet wurde einhellig abgelehnt, denn die Gaswerke stellten zusammen mit den Elektrizitätswerken die wichtigsten Einnahmequellen der Gemeinden dar.

Dr. Strölin wurde ein anerkannter Fachmann auf dem Gebiet der Energieversorgung, besonders der wirtschaftlichen Probleme und der Organisation in den Kommunen und erwarb sich überall Achtung. Im heftigen Meinungsstreit zwischen der Bedeutung von Gas und Elektrizität wirkte er ausgleichend und stellte die Vorteile beider Energiearten dar: Gas war besser geeignet für das Heizen mit Gasöfen, für Kochherde und Durchlauferhitzer zur Warmwasserbereitung, während die Elektrizität für die Beleuchtung und bestimmte Elektrogeräte (Haushaltsgeräte, Staubsauger usw.) ihre Vorteile hatte.  Anfang der 1930er Jahre erhielt Dr. Strölin das Angebot, die Geschäftsführung des Verbands der Energieversorger in Berlin zu übernehmen, aber er lehnte es ab und blieb in Stuttgart. Seine Fachkompetenz in Energie- und Organisationsfragen war im In- und Ausland auch dann noch gefragt, als er ab 1933 Oberbürgermeister von Stuttgart war.

Das Gaswerk in Gaisburg lag direkt am Neckar. Die enormen Kohlemengen für die große Kokerei konnten nach der Kanalisierung des Neckars und dem Bau von Schleusen und Staustufen jetzt mit Schiffen viel besser und kostengünstiger als mit der Eisenbahn angeliefert werden. Das Gaswerk und die Kokerei wurden mehrfach vergrößert und zwei mächtige Gaskessel gebaut. All das ist heute Geschichte. Der größere Gaskessel steht immer noch dort, aber seine Funktion wurde durch einen großen Flüssiggastank abgelöst.

Gasversorgung in Sindelfingen durch das Stuttgarter Gaswerk

Der Sindelfinger Gemeinderat beschloss 1928 den Liefervertrag mit dem Stuttgarter Gaswerk. Die Gaslieferungen begannen am 10. Juni 1933. Dazu wurde eine neue Ferngasleitung von Vaihingen nach Sindelfingen und eine Gasübergabestation auf dem Gaswerksgelände gebaut.

Bild 4 Verkaufsinserat

Inserat zum Verkauf des Gaswerksgeländes     Bild: Stadtarchiv

Die Stadt Sindelfingen inserierte 1929 den Verkauf des Geländes in der Zeitung, fand aber keinen Käufer. Am 20. Februar 1934 (Datum des Kaufvertrags) wurde das Gelände samt Gebäuden und Einrichtungen für 37.500 RM an die Technischen Werke Stuttgart (TWS) verkauft, die im Jahr zuvor durch den Zusammenschluss des Gaswerks, der Wasserwerke und der Elektrizitätswerke entstanden. Der Zweckverband Gaswerk Sindelfingen – Böblingen wurde zum Jahresanfang 1935 aufgelöst.

 Auch die TWS konnten das nicht mehr benötigte Gelände nicht verkaufen. Sie erbauten darauf eine Trafostation, eine Lastwagenhalle und 1935 ein Mehrfamilienhaus. Die anderen Geländeteile wurden an Fremdfirmen verpachtet. Nachdem die Gebäude mit der Zeit verfielen, forderte die Stadt die TWS wiederholt auf, sie entweder instand zu setzen oder notfalls abzureißen.

Das Sindelfinger Gaswerksgelände heute

1969 begann die IBM Deutschland, das Gelände von der TWS und eine Teilfläche von der Firma König zu erwerben. Die Stadt Sindelfingen erklärte sich bereit, den nötigen Abbruch öffentlich auszuschreiben und zu beauftragen. Er umfasste die Gebäude und befestigten Flächen bis 30 cm unter Erdniveau und das Einschlagen und Wiederauffüllen der unterirdischen Gewölbe. Die Kosten dafür wurden von IBM übernommen.

Bei den Ausschachtungsarbeiten für die Versorgungseinrichtungen des Leiterplattenwerks stieß man auf umfangreiche Bodenverunreinigungen. Bis in große Tiefen fand man Teer, Benzol, Naphthalin, polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe und Schlacken. Das Gelände musste sehr aufwändig und mit hohen Kosten saniert werden. Der verunreinigte Boden wurde als Sonderabfall entsorgt und mit unbelasteter Erde aufgefüllt.

Inzwischen ist auch das Leiterplattenwerk Geschichte. Nach dem Ende der dortigen Produktion kaufte Mercedes-Benz das ganze Areal und errichtete darauf mehrere große Gebäude.

Ein Brunnenstock in der Stumpengasse

In der Stumpengasse steht zwischen den Gebäuden Nr. 2 und 4, unter Ranken versteckt, ein gusseiserner Brunnenstock. Er ist reich verziert und hat einen schön geformten Wasserauslauf in Form eines Löwenkopfes. Das Wasserbecken hat einen Gitterrost zum Abstellen eines Eimers, und der Säulenkopf ist von einer klassizistischen Schale gekrönt.  Er ist ein richtiges Prachtexemplar.

Auf der linken Seite findet man eine kleine Tafel mit der Aufschrift „50 Jahre TWS - Gasversorgung in Sindelfingen" und unten am Sockel findet man den Hersteller: Firma G. Kuhn, Stuttgart Berg, Eisengießerei.

 

Bild 7 Gießereiprägung neu Bild 7 Gießereiprägung neu
Bild 7 Gießereiprägung neu

Brunnenstock in der Stumpengasse Bild: Archiv Hinderer

 

Ein Brunnen als Jubiläumsgeschenk

Der Brunnenstock war ein Jubiläumsgeschenk der Technischen Werke Stuttgart (TWS) zum 50sten Jahr ihrer Gaslieferung an die Stadt Sindelfingen.

Ursprünglich stand der Brunnen vor dem Eingang des Alten Friedhofs an der Böblinger Straße links vom Weg nahe dem einstigen Geräteschuppen der Freiwilligen Feuerwehr Sindelfingen. Vermutlich musste der Brunnen beim Bau des Oberlichtsaals weichen. Er wurde in die Stumpengasse versetzt, wo sich an der neu gebauten Wohnanlage zwischen den Wohngebäuden 2 und 4 einmal ein kleiner Kinderspielplatz mit Sandkasten befand. Die Kinder in der Umgebung werden sich über den Brunnen sehr gefreut haben.

Der Spielplatz ist längst abgebaut. Der Brunnenstock steht aber noch immer dort und schlummert, in einer Nische vor den Blicken etwas verborgen, im Dornröschenschlaf. Man muss genau hinschauen, um ihn zu finden. Inzwischen wurde das Gebüsch zurückgeschnitten und der Ablauf geöffnet, damit sich das Regenwasser nicht mehr im Becken sammeln kann. Es besteht jetzt sogar Hoffnung, dass der Brunnen an anderer Stelle zu neuem Leben erweckt wird. Wenn das Projekt erfolgreich abgeschlossen ist, wird an dieser Stelle darüber berichtet werden.

Herr Peter Leonhardt (†) und ich haben den Brunnenstock 2015 im Auftrag der Stadt Sindelfingen für das Kreisarchiv in Böblingen als schützenswertes Kleindenkmal erfasst und dokumentiert.

Die historischen Bilder wurden mir vom Stadtarchiv Sindelfingen zur Verfügung gestellt und ihre Veröffentlichung in der Homepage des Schwarzwaldvereins gestattet. Frau Gerzic und Frau Holzmann sei dafür und für ihre vielfältige, freundliche Unterstützung meiner heimatkundlichen Projekte herzlich gedankt. Herrn Axel Schumacher vom Stadtplanungsamt danke ich dafür, dass er sich des Brunnens angenommen und ihn vor dem weiteren Verfall bewahrt hat.

Dr. Alfred Hinderer