Die Wandersenioren besuchten am 11. August 2016 dieses noch weitgehend erhaltene Stadtquartier mit seinen vielen architektonisch eindrucksvollen Häusern, schönen Straßenzügen und ruhigen Plätzen und danach den bedeutenden und sehr sehenswerten Friedhof. Unser Spaziergang begann am Marienplatz.

 

 

Der Marienplatz

ist der zentrale Platz und ein urbaner Szenetreff im Stuttgarter Süden. Rund um ihn finden sich heute schicke Restaurants, coole Bars und hervorragende (Eis-)Cafés. Die Zahnradbahn startet von hier ihre aussichtsreiche Auffahrt nach Degerloch, und auch der Stuttgarter Weinwanderweg hat hier seinen Anfangspunkt.

Der Marienplatz wurde 1876 angelegt und war das Bindeglied zwischen der modernen Residenzstadt und dem damals noch dörflichen Heslach. Er war benannt worden nach der Prinzessin Marie von Waldeck-Pyrmont ( * 1857 in Arolsen, 1882 in Ludwigsburg) anlässlich ihrer Verlobung mit dem Kronprinzen Wilhelm, dem späteren König Wilhelm II. In der NS Zeit wurde der Platz umgetauft zum „Platz der SA“.

Von ihm gehen sternförmig mehrere Straßen ab: die Böblinger Straße, die Möhringer Straße und die Böheimstraße nach Kaltentalund Vaihingen, die Tübinger Straße in die Innenstadt, die Filderstraße und in ihrer Verlängerung die Olgastraße in den Osten und die Hohenzollernstraße in den Stuttgarter Westen. Hier ist auch die Einfahrt zum Heslacher Tunnel.

Zwischen diesen Straßen liegt der hufeisenförmige Marienplatz. Bis zum Jahr 2002 präsentierte er sich als ein eintöniges und durch viele Büsche unübersichtliches (und unsicheres) Betonrondell mit einem Haltestellengebäude für die „Zacke„ und die Straßenbahnen. Danach wurde er ausgelichtet und mit Sitzbänken in einem Baumrund, einem Spielplatz, einem Eiscafe-Kiosk und mit Treppenstufen zum gemütlichen Sitzen aufgewertet. Eine große Freifläche gibt Raum für einen kleinen Markt oder für Feste im Freien. Heute ist der Marienplatz bei schönem Wetter von buntem Leben erfüllt.

Er ist noch immer von gründerzeitlichen Gebäuden eingefasst, wenn auch der Krieg große Lücken gerissen hat. Einst stand auf dem Platz der riesige Rundbau mit 3500 Plätzen. Er wurde von Hangleiter errichtet, und in ihm fanden große Maifeiern statt, hielten die Sozialdemokraten 1893 ihren Parteitag ab, und so mancher Zirkus machte hier Station. 1916 wurde der Bau abgerissen. Danach fanden die großen Veranstaltungen in der Stadthalle in der Neckarstraße statt. Sie wurde im Krieg völlig zerstört. Heute steht an ihrem Platz das SWR Haus.

Unter dem Platz ist noch ein großer Tiefbunker aus dem Weltkrieg vorhanden. Die Decken und Wände sind so widerstandsfähig, dass man bei der Neugestaltung um sie herumbauen und die U-Bahn ihn unterfahren musste. Er wird von Musikbands als Übungsraum genutzt.

Zwei große Gebäuden stehen am Platz, die den Krieg überlebt haben und danach wieder hergestellt wurden: der Kaiserbau der Architekten Bihl und Woltz von 1911und der Filderbau, ein Schiefer gedecktes Gebäude mit Mansarden im Stil der großen Pariser Palais.

Der stilvoll – schlichte Kaiserbau am östlichen Platzrand galt zu seiner Zeit als architektonisches und geschäftliches Aushängeschild mit einem noblen Café, riesigen herrschaftlichen Wohnungen und modernster Haustechnik mit elektrischen Aufzügen.

Der Bau wurde nicht etwa nach einem Kaiser benannt, der die Residenzstadt einst besuchte, sondern nach dem Fabrikanten Automaten-Kaiser. Um die Wende ins 20. Jahrhundert waren Automaten sehr beliebt. Es gab den Postplatz-Automaten am Rotebühlplatz, den Charlottenautomaten an der Charlottenstraße, den Residenzautomaten an der Schloßstraße, den Kaiserautomaten und den Königsautomaten. Aus den Automaten konnte man für einen Groschen belegte Brötchen oder Kuchenstücke ziehen oder Bier in Gläser zapfen. Besonders beliebt waren die gelegentlichen Fehler. Der Automat spendierte dann unermüdlich Brötchen, bis der Nachschub zur Neige ging. Und wenn der Bierautomat einmal spann, musste man flink das Glas leer trinken, um das unaufhörlich weiter strömende Bier nicht zu vergeuden. Der Beginn des 1. Weltkriegs bedeutete für die meisten Automaten das Ende, aber ein Automat stand noch im Jahr 1939 in der Unteren Königstraße 10b.

 

 

Die Zahnradbahn

 

Am östlichen Rand des Marienplatz hat die "Zacke" ihre Talstation für ihre 2 Km lange und bis zu 17 % steile Stecke die Alte Weinsteige nach Degerloch hinauf. Sie wurde 1883 durch Emil von Kessler, dem Direktor und Mitinhaber der Maschinenfabrik Esslingen in nur 3 Monaten mit Hilfe italienischer Arbeiter erbaut und überwand die Steigung "...mit einer Schnelligkeit, die dem Trabe eines Pferdes gleichkommt..." Erst wurde sie mit einer Dampflok und dann elektrisch betrieben. Die Zacke überquerte die Neue Weinsteige oberhalb des Haigst auf einer Stahlgitterbrücke, die den Namen "Türkenbrücke" trug. Er kommt davon, weil sie 1884 bei der Maschinenfabrik Esslingen für die Türkei bestellt aber nicht abgeholt wurde. So tat sie hier ihren Dienst, bis sie bei der Verbreiterung der Neuen Weinsteige ersetzt werden musste.

Oben auf der Höhe konnte man ab 1888 auf die Filderbahn umsteigen, die über Möhringen und die Filderhochfläche in Richtung Esslingen führte. Ihre einstige Trasse ist an vielen Stellen noch gut erkennbar. Die Filderbahn hatte am Bopser Anschluss an die Stuttgarter Straßenbahn. Mit ihr transportierten die Marktfrauen ihr Gemüse, Geflügel, Blumen und frische Eier von den Fildern hinunter in die Residenzstadt zum Wochenmarkt am Rathaus und in die Markthalle.

Als dann in unserer Zeit die U-Bahn vertunnelt und die Straßenbahntrasse von der aussichtsreichen Weinsteige weggenommen wurde, wurde die Zacke von der Nägelestraße bis zur Haltestelle Albplatz verlängert.

Vom Haigst hat man einen wundervollen Blick über Stuttgart. Aber auch der Blick ins Viertelesglas in einer Besenwirtschaft auf dem Haigst ist ein Erlebnis.

 

Das Degerlocher Villenviertel und einstige Sommerfrische

 

Bald nach dem Bau der Zahnradbahn entstand an der Nägele-, Melitta- und Knödlerstraße das Degerlocher Villenviertel. Die "Villa" wurde schnell zum bevorzugten Wohnort vieler Prominenter auf der Höhe über Stuttgart, darunter auch vieler jüdischer Mitbürger. Im Haus Knödlerstr. 5 wohnte von 1945 bis 1970 Ida Kerkovius, die Malerin und Weberin von Kunstteppichen, Schülerin von Hölzel. Sie wurde 1908 seine Meisterschülerin. Nach seinem Tod 1934 ging sie nach Riga und kam 1939 nach Stuttgart zurück, erhielt aber Ausstellungsverbot. Als 1945 ihr Atelier in der Urbanstraße zerstört war, ließ Max Ackermann auf einem Grundstück von Erich Schurr, dem das Kaufhaus Maerklin gehörte, zwei Behelfsheime erbauen, eines davon für Ida Kerkovius. Hier soll sie ihre selbst gefärbte Wolle für die Teppiche im Garten getrocknet haben, wie sich alte Degerlocher erinnern. Ansonsten erinnert hier nichts mehr an ihr Wirken.

Die windarme Tallage Stuttgarts brachte den Einwohnern schon immer Probleme. Im Sommer kamen sie kräftig ins Schwitzen und im Winter mussten sie im Dunst der Kohleheizungen und Industriekamine leiden. Deshalb entstanden ringsum auf den Höhen Ausflugsgasstätten: der Weißenhofbäck am Killesberg, das Jägerhaus am Hasenberg, das Schützenhaus am Kanonenweg (heute Haußmannstraße) oder die Lokale auf der Stitzenburg und am Burgholzhof. Auch Degerloch wurde so eine Sommerfrische.

Wichtiger Pate für die „Zacke“ war der Degerlocher Ziegeleibesitzer Karl Kühner, dem der Bauboom in Degerloch besonders am Herzen lag. Er spendierte an der Nägelestraße einen Aussichtsturm, der eine Hauptattraktion für die Ausflügler aus dem Kessel wurde. 1943 wurde seine Spitze weggesprengt, damit sich die alliierten Flieger beim Zielanflug nicht an ihm orientieren konnten und 1956 wurde der Rest vollends abgetragen.

Die alten, ratternden Wagen der „Zacke“ wurden inzwischen durch leisere ersetzt, was den Anwohnern sicher Freude, den alten Fans aber Trauer bereitete. Es gibt nichts Schöneres, als im Frühjahr, wenn in Stuttgart schon die Forsythien, Tulpen und dann die Osterglocken blühen, während auf den Höhen im Umland noch alles grau ist, mit der Zacke zu fahren und das Blüten- und Duftmeer zu genießen.

Der ursprüngliche an der Filderstraße gelegene Alte Zahnradbahnhof wurde 1907 von den Architekten Lambert und Stahl im Jugendstil umgebaut. 1937 wurde er an den Marienplatz hinüber verlegt. Beinahe wäre der alte Bahnhof danach abgerissen worden, aber er wurde glücklicherweise renoviert und ist seitdem Spielstätte des Theaters "Die Rampe". Die Gebäude und die Gleisanlagen hinter dem ehemaligen Bahnhofsgebäude dienen der Zahnradbahn weiterhin als Wagendepot.

Die Zahnradbahn ist heute eine große Attraktion für die Stuttgarter, für die Besucher und neuerdings auch für die Mountainbiker. Sie lassen ihre Fahrräder auf dem Vorschubwagen nach Degerloch hinauf transportieren und können dann auf der im Oktober 2015 neu gebauten offiziellen Downhillstrecke vom Dornhaldenwald wieder ins Tal hinuntersausen. Der "Woodpecker-Trail" beginnt auf der Höhe unterhalb des Degerlocher Albplatzes und endet an der Karl-Kloß-Straße in Stuttgart-Heslach. Er dabei überwindet einen Höhenunterschied von 120 Metern, verfügt über 27 verschiedene Hindernisse und ist rund einen Kilometer lang.

 

Das Lehenviertel

 

entstand um die Wende zum 20. Jahrhundert, als sich die Stadt in der Gründerzeit nach allen Richtungen ausbreitete. Die Häuser zwischen der Alten Weinsteige, der Filder-, Immenhofer-, und Zellerstraße besitzen eine große architektonische Vielfalt mit Elementen des Historismus und des Jugendstils. Das gemischte Wohn- und Gewerbeviertel mit schönen Straßenzügen und Plätzen steht mittlerweile ganz unter Denkmalschutz. Eine Bürgerinitiative kümmerte sich mit Verkehrsberuhigungen und Baumpflanzungen darum, dass das Viertel ruhig, aber trotzdem lebendig und lebenswert bleibt. Mittlerweile sind hier die Preise fürs Mieten und für Eigentumswohnungen durchaus auf dem Niveau des Killesbergs. Jedes Jahr im September wird auf dem Marienplatz und entlang der Liststraße mit Bierbänken im Freien das Lehenviertelfest „Sterne des Südens“ gefeiert, und im benachbarten Heusteigviertel wird in der Mozartstraße immer am letzten Juniwochenende groß gefeiert.

 

 

Die Weinstube Kochenbas, Immenhofer Str. 33

 

ist eine der letzten alten und gemütlichen Vesperbeizen, von denen es im alten Stuttgart einst viele gab: den Krabbendusel, die Ilge (Lilie), die Pappschüssel, die Bettlade, den Engele Buck, das Mostkasino oder den Anker.

Die ehemalige Beiz "Zum Immenhofer" wurde einst von der Wengerterfamilie Koch gekauft und von seiner Bas (Kusine) Pauline Koch betrieben. Man ging „zum Koch seiner Bas“. Vor der Jahrtausendwende hieß die Wirtin Emmy Rettenmaier. Sie betrieb die Wirtschaft bis hoch in ihre Neunzigerjahre und gab sie dann an ihre ehemalige Bedienung weiter. Später betrieb diese die Wirtschaft "Bäckerschmiede" in der Schurwaldstr. 42, wo einst der Gaisburger Marsch erfunden worden sein soll.

 

 

Der Fangelsbachfriedhof

 

wurde 1823 im Süden der Stadt in der Nähe der einstigen mittelalterlichen Siedlung Immenhof auf damals freiem Feld angelegt. Er ersetzte den Leonhards - und den Lazarettfriedhof, der 1564 wegen einer Pestepidemie erbaut worden war. Mit dem Bevölkerungsanstieg der Stadt reichten sie nicht mehr aus. Namensgeber war der gleichnamige Bach, der aus dem Wald oberhalb der neuen Weinsteige kommt und durch eine steile Schlucht in den Nesenbach mündet. Er ist 3.5 ha groß und hat 5700 Grabstätten.

Am westlichen Eingang wurde 1874, am 4. Jahrestag der Schlacht von Champigny-Villiers, ein Kriegerdenkmal für 124 Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten eingeweiht. Auf einem Sockel mit 4 Eckpostamenten mit Bronzekandelabern stand ein steinerner Sarkophag und darauf die Figur „Vaterland“ in antikem Gewand und mit einem Lorbeerkranz in jeder Hand. Auf dem Unterbau waren auf 10 Erztafeln die Namen der 124 Toten auf dem Fangelsbachfriedhof und der 14 Soldaten, die auf dem Hoppenlaufriedhof beerdigt worden waren. Das Denkmal wurde im Zweiten Weltkrieg durch eine Fliegerbombe sehr stark zerstört, drei der zehn Tafel völlig. Die restlichen sieben Tafeln umrunden heute den neuen Gedenkstein aus Schwarzwälder Granit, den 1963 der Künstler Hubert Albert Zimmermann schuf. Er erinnert jetzt auch an die Kriegstoten der beiden Weltkriege.

Im Folgenden sollen ein paar der bekanntesten Grabstätten vorgestellt werden:

 

 

Dr. Sixt Carl Kapff, Prälat ( *1805 in Güglingen, † 1879 in Stuttgart)

 

Nach dem Studium der Theologie war er Lehrer in der Schweiz und Studienleiter am Tübinger Stift. Als Pfarrer und Dekan wirkte er in verschiedenen Pfarrämtern, unter anderem bei der Brüdergemeinde in Korntal. Zusammen mit der Stuttgarter Kaufmannsfrau Charlotte Reihlen gründete er 1854 an der Stuttgarter Rosenbergstraße die Evangelische Diakonissenanstalt, die zur Kaiserswerther Diakonie gehört. Sie ist auch   heute ein wichtiges und großes Krankenhaus und Altenpflegeheim. Rund um das Mutterhaus leben etwa 200 Diakonissinnen im Ruhestand. Ihre Arbeit im Krankenhaus und Altenpflegeheim haben inzwischen Mitarbeiter übernommen, die sich dieser Tradition verbunden fühlen

Dr. Sixt Carl von Kapff und Karl Gerok waren Prediger an der Stuttgarter Stiftskirche. Auch als Dichter waren beide sehr bekannt und beliebt und ihre Predigten hatte riesigen Zulauf. Sie waren die Zentralfiguren des württembergischen Pietismus im 19. Jahrhundert. Sixt Kapff veröffentlichte 1860 sein viel verbreitetes Predigtenbuch. Mit Kapff und seinen Anhängern verbinden sich aber auch die Bilderstürmereien gegen die Marmorplastiken (1869) im oberen Schlossgarten und gegen den Galatheabrunnen am Eugensplatz (1890). König Wilhelm ignorierte die Anfeindungen, aber Königin Olga reagierte auf die Angriffe verärgert und ließ wissen, dass, wenn die Proteste nicht bald aufhörten, sie die Figur umdrehen lassen werde. Ihr nacktes Hinterteil würde dann zur Stadt zeigen.

 

Einst waren in Stuttgart drei bekannte Klavierbauerfamilien ansässig: Klinkerfuß, Schiedmayer und Pfeiffer. Letztere haben Stuttgart inzwischen verlassen und führen ihre Geschäfte anderorts weiter. Hier auf dem Fangelsbachfriedhof finden wir noch die Gräber von zwei Familien.

 

 

Johanna Klinkerfuß, Pianistin ( * 1855 in Hamburg,   † 1924 in Stuttgart)

 

Ihr Ehemann Apollo Klinkerfuß war Klavierbauer und trug den Ehrentitel eines Hofrats. Neben seinen eigenen Klavieren führte er in seinem Geschäft auch die Marken Bechstein, Blüthner und Steinway.

Johanna Klinkerfuß studierte Klavier am Konservatorium in Stuttgart und in Weimar bei Franz Liszt. Er bezeichnete sie als eine „auserlesen Pianistin“. Von König Karl von Württemberg wurde sie zur königlich-württembergischen Hofpianistin ernannt. Sie war über Jahrzehnte im Musikleben präsent. Auch ihre Tochter Margarethe Klinkerfuß wurde eine große Pianistin. Ihre feudale Villa in der Kanzleistraße 18 war ein Ort, an dem sich Kunstschaffende trafen, darunter so bekannte Komponisten wie Johannes Brahms, Edvard Krieg, Wilhelm Furtwängler, Hugo Wolf und Max Reger. Auch die Stuttgarter Architekten Friedrich Theodor Vischer und Christian Friedrich von Leins waren hier oft zu Besuch.

 

 

Johann Lorenz Schiedmayer   ( * 1786 in Erlangen, † 1860 in Stuttgart)

 

Bereits 1711 gründete Balthasar Schiedmayer in Erlangen eine Klavierfabrik. Seine Nachkommen siedelten nach Stuttgart über, wo der Enkel Johann Lorenz Schiedmayer ein Geschäft eröffnete. Wegen der hohen Qualität seiner Instrumente waren eine große Zahl hochrangiger Persönlichkeiten seine Kunden. Ihm folgten seine Söhne Adolf und Hermann. Die Klavierfabrik stand von 1821 bis 1969 an der Neckarstraße 14-16, dort, wo heutige die Staatlichen Hochschule für Musik und das Haus der Geschichte (heute Konrad-Adenauer-Straße) stehen. Als Friedrich Silcher nach Stuttgart zog, wohnte er zwei Jahre bei der Familie Schiedmayer.

Eliane Schiedmayer gründete 1995 die Schiedmayer – Celeste GmbH und verlegte den Betrieb im Jahr 2000 nach Wendlingen. Eine Niederlassung mit Ausstellung der Produkte stand auf dem Gelände der ehemaligen Villa Gaucher und späteren Stadtgärtnerei an der Heilbronner Straße.

 

 

Armin Lang ( * 1928 in Holzkirchen,   † 1996 in Stuttgart)

 

Er wurde in Oberbayern geboren und war Film- und Fernsehproduzent und Synchronsprecher. Sein Name ist verblasst, aber seine Figuren „Pferdle und Äffle“ sind uns noch in Erinnerung. 1960 war erst das Pferdle da, dann kam 1965 das Äffle hinzu. Sie lockerten das SDR Programm mit ihren munteren Sprüchen auf, ab 1970 sogar in Farbe. Und dann konnten sie sogar noch selbst sprechen. 1986 gesellte sich zu beiden Schwaben noch die kurpfälzische Hundedame Schlabbinchen, gesprochen von der Schauspielerin Elsbeth Janda. 1988 zog Armin Lang nach Bayern, aber schon bald plagte ihn das Heimweh zu seinen Figuren. Er starb 1996. Unvergesslich sind die Melodien:

Äffle: „Das isch der Bananenblues, ja das isch der Bananenblues, der Himmel hängt voller Bananen bloß..“
Pferdle: „das ischt der Haferblues, ja das ischt der Haferblues, der Super-Doppelzentner-Haferblues ...“

 

 

Gustav Siegle, Fabrikant ( * 1840 in Nürtingen,   † 1905 in Stuttgart)

 

Mit seinem Namen sind der Hügel zwischen Reinsburg- und Mörikestraße und das Gustav-Siegle-Haus bei der Leonhardskirche verbunden.

 

Gustav Siegles Vater, Heinrich Siegle, war Apotheker in Nürtingen. Er wechselte aber den Beruf und eröffnete zunächst in München, dann 1848 in Stuttgart eine kleine Farbenfabrik an der Rotebühlstr. 101. 1863 übernahm sein Sohn Gustav nach dem Chemiestudium an der Polytechnischen Schule in Stuttgart den Betrieb. Vermutlich 1864 führte er die Gewinn bringende Produktion von Anilinfarben ein, die damals entdeckt worden waren und die die teuren Naturfarbstoffe wie das Indigo ersetzen konnten.

Er fusionierte 1873 mit seinem Fabriknachbarn Rudolf Knosp und mit der damals kleinen Badischen Anilin & Sodafabrik in Ludwigshafen. Gustav Siegle wurde ihr Generaldirektor und Rudolf Knosp der Vorsitzende des Aufsichtsrats. 1889 legte Gustav Siegle seinen Posten nieder und kaufte seine alte Fabrik in Stuttgart wieder zurück. Er gründete sie neu und verlegte sie nach Feuerbach. Sie ist dort bis heute eine bedeutende Fabrik für Druckfarben.

Gustav von Siegle saß 1887-98 für den Wahlkreis Stuttgart als Abgeordneter der Nationalliberalen im Reichstag, war Aufsichtsratsmitglied in vielen Industrieunternehmen und Banken und gehörte zu den reichsten Bürgern Württembergs. Er erhielt vom König den persönlichen Adel und den Titel Geheimer Kommerzienrat.

Er konnte in wenigen Jahren einen außerordentlichen Reichtum aufhäufen. Er kaufte den gesamten Hügel zwischen der Reinsburg- und der Mörikestraße oberhalb der schon bestehenden Silberburg. Der Hügel erhielt den Namen Karlshöhe erst in der Regierungszeit von König Karl (1864-91). An der Reinsburgstraße ließ er sich eine pompöse Villa nach dem Vorbild der Villa Carlotta am Comer See erbauen. Seine Tochter Dora schenkte die Villa später der Stadt Stuttgart für ein Pflegeheim. Sie wurde im Krieg vollständig zerstört und abgebrochen. Das elegante Teehaus von Julie Siegle auf der Spitze des Reinsburghügels wurde ohne Not für die Gartenschau von 1964 abgebrochen. Heute ist dort eine Aussichtsplatte mit einem Imbissstand. Im ehemaligen Garten der Villa sind die Spazierwege und der jüngst restaurierte Athene Brunnen erhalten geblieben.

Gustav von Siegle war verheiratet mit Julie Siegle, einer Tochter von Robert und Wilhelmine Wetzel, Badhotelpächter in Wildbad. Das Ehepaar Siegle hatte 5 Töchter und zwei Söhne. Nur drei der Töchter überlebten die Eltern:

 

Das dritte Kind, Margarete Gertrud ("Gretel") (1867 - 1934), heiratete 1887 den Fabrikanten Carl von Ostertag-Siegle (1860 - 1924, Landgut Hardt, Gemeinde Hoheneck).

Zu ihrer Hochzeit ließ Gustav von Siegle für sie an der Mörikestraße 24 eine feudale Villa bauen. Im Villengarten ließ Carl von Ostertag 1905 seine Sammlung von über 200 wertvollen römischen Bruchstücken unterbringen. Die Villa und den Garten kaufte 1950 die Stadt. Im Garten ist heute das sehr sehenswerte Städtische Lapidarium untergebracht.

 

Das fünfte Kind, Martha Gabriele Clara (1872 - 1953), heiratete 1892 den Arzt Prof. Albert Freiherr von Schrenck von Notzing, praktischer Arzt in München.

 

Das sechste Kind, Helene Dora (1877 - 1955; gest. in Friedenfels) heiratete 1896 den königlichen Kammerherrn und Hauptmann a.D. Baron Fritz von Gemmingen-Hornberg (1860-1924). Dieser ließ die Villa Gemmingen an der Mörikestraße unterhalb der Karlshöhe von den Architekten Albert Eitel und Eugen Steigleder erbauen. Sie ist nach wechselvollem Schicksal heute wieder im Besitz einer Nachfahrin, der Freifrau von Tessin.

 

Gustav von Siegle war ein großer Mäzen. Einen großen Teil seines Vermögens stellte er für wohltätige Zwecke zur Verfügung; unter anderem finanzierte er den Bau des ersten Feuerbacher Krankenhauses. Er starb 1905, nur 65-jährig, nach einem schweren Schlaganfall, der weitreichende Lähmungen zur Folge hatte. Seine Witwe machte der Stadt eine Stiftung mit 700.000 Goldmark zum Bau einer kulturellen Einrichtung. Ab 1910 wurde von Theodor Fischer das Gustav-Siegle-Haus erbaut und 1912 eingeweiht. Es ist heute Bühne und Heimat der Stuttgarter Philharmoniker. Im Stuttgarter Westen ist die Gustav-Siegle-Straße nach ihm benannt.

 

 

Wilhelm Kurtz, Glockengießer ( * 1879 in Stuttgart,   † 1974 in Stuttgart)

 

Acht Generationen beschäftigten sich in der Firma Kurtz mit der Herstellung von Feuerspritzen und der Glockengießerei, darunter auch sein Großvater, Christian Heinrich Kurtz (1806 – 1875), der ebenfalls hier begraben liegt.

Wilhelm Kurtz war der letzte in der langen Reihe. Er modernisierte den Feuerspritzenbau von den schweren und monströsen zu leichteren und handlicheren Spritzen. Weil in den Kriegen die Glocken stets eingeschmolzen wurden, um daraus Granatenteile zu produzieren, herrschte danach immer Hochkonjunktur. Und mit dem Bau neuer Siedlungen wurden auch neue Kirchen gebaut und dafür Glocken benötigt. Von 1947 bis 1962 wurden bei Wilhelm Kurtz in der Heusteigstraße 41 über 3600 Glocken gegossen, mehr als bei allen seinen Vorfahren zusammen. Dazu gehörte die Glocke der Stuttgarter Stiftskirche, des Ulmer Münsters und das Glockenspiel des Stuttgarter Rathauses. Die letzte Glocke wurde für die Stadtkirche St. Dionys in Esslingen gegossen. Das Haus und die Werkstatt im Hinterhaus existiert schon lange nicht mehr. Heute steht dort ein gesichtsloser Neubau.

 

 

Wilhelm Pelargus, Zinngießer ( * 1820 in Stuttgart,   † 1901 in Stuttgart)

 

Nach seiner Ausbildung als Zinngießer im väterlichen Betrieb arbeitete er in namhaften Zinngießereien in Frankfurt/Main, München und Nürnberg. 1845 gründete er seine eigene Zinngießerei. Seine kunsthandwerkliche Arbeit verschaffte ihm die Aufmerksamkeit des Königs Wilhelm I. Er war häufiger Besucher in seiner Werkstatt und beauftragte ihn mit vielen Arbeiten beauftragte, zum Beispiel Kunstgussarbeiten für das Schloss Rosenstein und die Wilhelma, wo Pelargus sich insbesondere durch hervorragende Tierabgüsse künstlerisch entfalten konnte. Auch ein Relief an der Jubiläumssäule auf dem Schlossplatz stammt von ihm. Die Pelargusstraße im Stuttgarter Süden, nur wenige Meter vom Fangelsbachfriedhof entfernt, wurde nach ihm benannt.

 

 

Johann Baptist Pischek, Kammersänger

( * 1814 in Mscheno, Tschechien,   † 1873 in Stuttgart)

 

Pischek studierte Rechtswissenschaften in Prag, wurde dann Klavierlehrer und ging schließlich als Sänger zum Theater. Ab 1838 sang er auf vielen Bühnen Europas, so in Brünn, Wien und Bratislava. Mit seinen Erfolgen wuchs sein Ruhm und er wurde Bariton am Frankfurter Staatstheater. 1843 begann er mit Gastspielen an der Stuttgarter Hofoper und erhielt den Posten eines Kammersängers auf Lebenszeit. Daneben hatte er immer wieder Gastspiele in London und Wien. Nach ihm die wohl schönste der Stuttgarter Panoramastraßen bei der Geroksruhe benannt.

 

 

( * 1767 in Ludwigsburg, † 1845 in Stuttgart)

 

Er wurde bereits mit 11 Jahren an der Hohen Karlsschule zum Hofmaler ausgebildet und studierte in Paris und Rom Architektur. Als Hofbaumeister in der Zeit des Klassizismus arbeitet er unter Herzog Carl Eugen und König Friedrich I. Er schuf zwischen 1805 und 1807 die Innenausbauten des Neuen Schlosses nach dem großen Brand und für die Schlösser in Ludwigsburg (ab 1799), Monrepos (1804) und Solitude. Am einst barocken Schlösschen Favorite führte er die klassizistischen Änderungen durch. Außerdem entwarf er den Cannstatter Kursaal (1825 – 26) und arbeitete an den Schlössern in Hohenheim und Weimar. Zu seinen weiteren Werken gehörte der Marktbrunnen und der Brunnen am Alten Postplatz und der Umzug der evangelischen Kirche vom Schloss Solitude an den Untere Königstraße – heute Eberhardskirche. Er entwarf wichtige Straßen in Stuttgart und Privathäuser und ordnete die Schlossgartenanlagen neu. Nach ihm wurde die Thouretstraße beim Bahnhof benannt.

 

 

Luise Schall, geb. Rau ( * 1806 in Horkheim, † 1891 in Stuttgart)

 

Ein nur noch schwer lesbarer Grabstein erinnert an Luise Rau. Ihr Vater, der Pfarrer von Plattenhardt, starb 1829. Um den Pfarrdienst weiterhin zu versehen, wurde der junge Vikar Eduard Mörike hingeschickt. Er lebte eine Zeitlang im Haus der Witwe und Tochter Luise. Eduard und Luise fanden rasch Gefallen aneinander und verlobten sich noch im selben Jahr. Die Briefe an seine Braut und eine Federzeichnung von ihr sind erhalten geblieben. Im Jahr 1830 musste Mörike zur nächsten Vikarstelle nach Owen/Teck weiterziehen. Immer wieder berichtete er Luise, seinem „Gretchen“, von seinem Leben. Sie aber löste im Spätherbst 1833 die Verlobung und erbat ihre Briefe zurück. Eine der Gründe für die Entfremdung mag ihre Enttäuschung über die schlechten Berufsaussichten ihres Verlobten gewesen sein. Und vielleicht fühlte sie sich auch zu sehr als „Luftbild“ verehrt und zu wenig als „im Leben“ verstanden. Die Erfahrungen aus seiner Verlobungszeit verarbeitete Mörike in seine zweiteiligen Novelle „Maler Nolten“. Luise heiratete später den Pfarrer Schall aus Stuttgart.

 

 

Carl Friedrich Freiherr von Schiller   ( * 1793 in Ludwigsburg, † 1857 in Stuttgart)

 

Er war der älteste Sohn von Friedrich Schiller und Patenkind von Johann Wolfgang von Goethe, wuchs in Weimar auf und verbrachte fast jeden Tag in Goethes Haus am Frauenplan. Karl von Schiller widmete sich später nicht der Dichtkunst sondern sein Leben lang der Forstwissenschaft. 1828 wurde er Oberförster und hatte die Leitung der Forstämter in Rottweil und Lorch inne. 1845 wurde er von König Wilhelm I. in den erblichen Fürstenstand erhoben. Seinen Lebensabend verbrachte er mit seiner Frau in Stuttgart. In der gleichen Grabstätte sind auch sein Sohn, Friedrich Ludwig Ernst von Schiller (1826 – 1877), und dessen Frau Mathilde Freifrau von Schiller (1835 – 1911) beigesetzt. Sie war die letzte Trägerin des Dichternamens.

 

Vor einigen Jahren wurde die Fürstengruft in Weimar geöffnet. Man fand in Schillers Sarkophag anstatt eines einzelnen Skeletts Schädel und Knochen mehrerer Personen. Friedrich Schiller wurde nach seinem Tod zuerst in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt. 1826 wurde er wieder exhumiert, und Goethe soll seinen vermeintlichen Schädel für ein halbes Jahr an sich genommen haben. 1827 wurde dieser Schädel und das mutmaßlich zugehörige Skelett sowie weitere Knochen in der Fürstengruft beigesetzt. Goethes Leichnam wurde nach seinem Tod 1832 in einem gleichartigen Sarkophag neben Schiller beigesetzt.

 

Um die Authentizität der Knochen DNA technisch zu prüfen, wurden die seiner nahen Angehörigen mit untersucht. Dazu wurden die Gräber seiner älteren Schwester Christophine in Meiningen und der jüngeren Schwester Luise in Möckmühl, seiner Frau Charlotte in Bonn und das Grab ihres Sohns Karl von Schiller auf dem Fangelsbachfriedhof geöffnet. Außerdem wurden auf dem Gerlinger Friedhof die Gräber seiner am 23. März 1796 verstorbene Schwester Karoline Christiane, genannt Nanette, und des am 7. September 1796 verstorbenen Vater Johann Caspar geöffnet ebenso das Grab seiner Mutter Elisabetha Dorothea, geb. Kodweiß auf dem Friedhof in Cleversulzbach. Das Ergebnis der DNA Analyse brachte eine Überraschung: keiner der Schädel und Knochen stammten von Schiller. Sein Sarkophag in der Weimarer Fürstengruft ist seitdem leer.

 

 

Anton Kreidler, Fabrikant   ( * 1863 in Stuttgart,   † 1942 in Stuttgart)

 

Er hatte 1889 das Unternehmen Stuttgarter Telegraphendraht- und Kabelfabrik an der Böblinger Straße 52 in Stuttgart - Heslach gegründet, das handbetriebene Drahtumspinnmaschinen herstellte. Die beiden Gebäude mit schön restaurierten Außenfassaden im Gründerzeitstil nahe dem Eugen-Schöttle-Platz und den Benger Gebäuden sind erhalten geblieben. An der Mörikestraße 69 wurde ein Metallwerk gegründet und als Kreidler's Metall- und Drahtwerke Zuffenhausen GmbH an den Siegelberg verlegt. Daraus ging die Motorradherstellung hervor.

Sein Nachfahre Alfred Kreidler trat 1924 in die Leitung des Betriebs ein und übernahm die Firma 1942. 1949 begann er die Entwicklung von Kleinkrafträdern Mopeds, Mofas, Mokicks Klein- und Leichtkrafträdern mit 50 – 80 ccm mit den Namen „Florett“ und „Flory“. Ab 1955 wurden sie im Kreidler Werk II an der Schwieberdinger Straße in Zuffenhausen in der ehemaligen Lederfabrik Sihler und Cie hergestellt. Später wurde die Produktion als Fahrzeugbau Kornwestheim bei Stuttgart an den Güterbahnhof in Kornwestheim verlegt.

Mopeds waren in den 1960er Jahren der Hit für männliche und weibliche Teenagers und bekamen Kultcharakter. 1.3 Millionen Mopeds wurden allein von Kreidler hergestellt. Mit der Rennversion der „Kreidler Florett“ war die Firma bei vielen Weltmeisterschaften im Motorradrennsport erfolgreich. Der Betrieb ging 1982 in Konkurs, als Autos erschwinglicher wurden und für Mopeds Versicherungsprämien, Führerschein und Helmpflicht eingeführt wurden.

Die Marke Kreidler existiert in Form der Kreidler-Zweiradgesellschaft weiter. Zunächst wurden Garelli-Mofas – mit Tanks des Kreidler-Mofas Flory – unter dem Namen Kreidler verkauft. 1986 begann die Herstellung von Kreidler-Fahrrädern und 1996 wurde die Produktion von motorisierten Zweirädern wieder aufgenommen. Der Anteil der Eigenentwicklung an diesen Fahrzeugen ist gering; sie beschränkt sich auf die Zusammenstellung bewährter Komponenten asiatischer Hersteller. Kreidler wurde in den 1990er-Jahren vom Fahrradhersteller Prophete übernommen. „Florett“ Mofas sind auch heute noch gefragt und in eBay erhältlich.

 

 

Ein Stolperstein für Dr. Robert Gutmann

 

Vor dem Haus Markusplatz 1 ist im Gehweg ein „Stolperstein“ eingelassen. Er erinnert an den jüdischen Arzt Dr. Robert Gutmann, der hier zuletzt wohnte. Er wurde ein Opfer der verbrecherischen Behandlung der jüdischen Mitbürger durch die NS Machthaber.

Als Jude wurde er 1933 sofort aus dem Dienst entlassen und seine Approbation aberkannt. Statt Arzt war er jetzt nur noch „Judenbehandler“. In seinem Schicksal spiegelt sich das der Stuttgarter und aller Juden wider: Diskriminierung in der Lebensführung und in der Öffentlichkeit, Zwang zum Tragen des „Judensterns“ und des zusätzlichen Vornamens „Israel“, Einstempelung des „J“ in die Kennkarte, Entzug des Eigentums, zwangsweise Einweisung in ein „Judenhaus“ und schließlich Deportation, Ermordung oder elender Tod. Im Buch über die Stuttgarter Stolpersteine und im Internet findet man Ausführliches über ihn.

 

 

Die Markuskirche

 

wurde von 1906 bis 1908 vom Kirchenarchitekt Heinrich Dolmetsch im Jungendstil zwischen Gärten und Weinbergen erbaut. Als erste Kirche in Eisenbetonbauweise steht sie unter Denkmalschutz. Den Bombenkrieg überstand sie als einziges Gotteshaus in der Innenstadt nahezu unbeschädigt. Schon ihr äußeres Erscheinungsbild ist beeindruckend und ihre Innenausstattung sehr sehenswert. Ein mächtiges Tonnengewölbe schafft viel Licht und Raum. Zur Verbesserung der Akustik wurde es mit einer Schicht aus Korkschrot verkleidet. Dolmetsch hat viel Ideenreichtum und handwerkliche Kunst bis ins kleinste Detail aufgewandt. Ein schöner und reich bebilderter Kirchenführer erläutert den Bau und die Details im Inneren.

Am Eingang auf der rechten Seite erinnert eine Tafel an die „Stuttgarter Schulderklärung“ vom August 1945. Wir wollen uns für dieses interessante Thema vielleicht ein anderes Mal Zeit nehmen. Die Kirche ist täglich ab 15.30 Uhr geöffnet und einen Besuch wert. In der Markuskirche finden auch schöne Konzerte und viele andere Veranstaltungen statt.

 

 

Literatur:Wer sich über diesen und andere Friedhöfe und die Biographien der Verstorbenen informieren will, findet hier weitere Informationen:

 

„Stuttgarter Friedhofsführer“ von Werner Christopher Koch,

Silberburg-Verlag, ISBN 978-3-8425-1203-0

 

Im Internet: http://wo-sie-ruhen.de/friedhoefe/

 

 

Dr. Alfred Hinderer

Heimat, Kultur und Natur

 

Der Sindelfinger Stiftsbezirk

ein Kurzbericht von Dr. Alfred Hinderer

 

Das erste Benediktinerkloster und die Martinskirche

Eine frühe Kapelle und ein Herrenhof

1973 wurden bei der grundlegenden Renovierung unter der Martinskirche Überreste eines ausgedehnten christlichen Friedhofs gefunden. Da Friedhöfe stets nahe einer Kirche angelegt wurden, ist dies der indirekte Nachweis einer christlichen Kapelle oder Kirche, die vermutlich dem heiligen Martin von Tours gewidmet war. Die Bereiche auf dem heutigen Kirchenvorplatz könnten weitere Zeugnisse liefern, blieben aber bisher unerforscht.

Man weiß, dass diese Gegend im Besitz des Grafen Adalberts II., genannt Atzimbart, war. Seine Vorfahren hatten in Sindelfingen einen Herrenhof erbaut, vermutlich ein Steinhaus mit angegliedertem Wirtschaftshof. Die starken Steinfundamente, die man im Westteil unter der Martinskirche fand, könnten die seines Wohnturms sein. Sie sind aber vermutlich eher die Fundamente einer nicht weiter gebauten Doppelturmanlage.

 

Ursprung in Hirsau

In Hirsau gab es seit 765 östlich der Nagold an der Kreuzung der heutigen Liebenzeller- und der Wildbader Straße eine kleine Nazariuskapelle oder -kirche. Um 830 überbrachte Bischof Noting von Vercelli die Gebeine des Heiligen Aurelius von Riditio von Mailand zur Beisetzung nach Hirsau. Aurelius war Bischof von Armenien und starb 475 in Mailand. Solche Reliquien hatten einen großen Zulauf von Gläubigen zur Folge. Deshalb bauten die Calwer Vorfahren die Nazariuskapelle in ein kleines Kloster mit dem Namen des Heiligen Aurelius aus. Es verfiel nach dem Jahr 1000.

Graf Adalbert II. gründete mit seiner Frau als Ersatz für dieses erste Aureliuskloster um 1050 in Sindelfingen ein neues Benediktiner-Doppelkloster mit Mönchen und Nonnen. Der Papst drängte aber darauf, das Hirsauer Aureliuskloster wieder herzustellen und die Gebeine des Aurelius darin beizusetzen. Adalbert löste daraufhin das Sindelfinger Doppelkloster wieder auf und führte die Mönche und Nonnen nach Hirsau zurück. Der Sindelfinger Herrenhof des Grafen Adalbert wurde nach Calw verlegt. Um 1050 wurde eine Burg erbaut und um 1256 die Stadt Calw gegründet. Die Herren nannten sich fortan Grafen von Calw.

Belegt ist, dass in Hirsau rechts der Nagold bis ca. 1070/75 ein Doppelkloster bestand. Nachdem es zu klein geworden war und auch immer wieder von der Nagold überschwemmt worden war, wurde 1082 auf der Anhöhe jenseits der Nagold das Benediktinerkloster St. Peter und Paul erbaut und die Gebeine des Heiligen Aurelius 1488 dorthin überführt. Im Zuge der Reformation wurden das Kloster und der Konvent 1536 aufgelöst. Die Herzöge von Württemberg erbauten darin ein Schloss und eine Schule. Das Schloss wurde 1692 im Pfälzer Erbfolgekrieg durch die Truppen Melacs zerstört. In seinen Mauern stand die durch das Gedicht von Ludwig Uhland berühmt gewordene "Ulme zu Hirsau". 1989 musste sie wegen dem gefährlichen Ulmenpilz gefällt werden.

 

Martinskirche

Die Martinskirche wurde um 1065 begonnen und über 70 Jahre mit mehreren Bau- und Stillstandsphasen weitergebaut. Am Langhaus steht außen die Jahreszahl 1083. Am 4. Juli, dem Jahrestag der Bischofsweihe des Heiligen Martin im Jahre 372 wurde der bis dahin schon fertig gestellte Teil als Provisorium eingeweiht. Dendrochronologische Untersuchungen wiesen aber nach, dass die Bäume für die Dachbalken und die Holzdecke des Langhauses im Jahr 1131 geschlagen wurden.

An der Südwand stand bis zu ihrem Abriss im Jahr 1863 die Michaelskapelle. Man nimmt an, dass sie der Rest der Vorgängerkirche war und in den Bau der Martinskirche integriert wurde. Sie enthielt eine Gerichtstüre mit einem Löwenkopf. Er symbolisierte die Gerichtsbarkeit des Landesherren, war aber zugleich das Symbol für Christus, den „Löwen von Juda“. Wer den Ring im Löwenmaul ergriff, genoss Kirchenasyl. Der Kopf symbolisiert also auch das Kirchenrecht. Im 19. Jahrhundert wurde die Michaelskapelle abgerissen und die Gerichtstüre an den Westeingang versetzt.

Nach dem Tod Adalberts führte sein Sohn Gottfried den Kirchenbau nur zögerlich fort. Zu Ende gebaut wurde sie bis 1135 von Herzog Welf VI. von Spoleto. Er hatte 1129 Gottfrieds Tochter und Alleinerbin Uta geheiratet. Die Form des Kirchenturms mit nur wenig spitzem Dach nach Art eines italienischen Campanile zeigt, dass Welf VI. mit dem Bau lombardische Architekten beauftragt hatte. Der Turm stand ursprünglich frei und wurde erst später mit dem Langhaus verbunden. Die Kirche war der Gottesdienstort der Chorherren und zugleich Pfarrkirche für die umgebenden Siedlungen und die spätere Stadt Sindelfingen. Die romanische Apsiden im Osten sehen stilistisch älter als das Langhaus aus. Sie wurden aber erst am 25. November 1100 von Bischof Gebhard von Konstanz eingeweiht.

Welf VI. starb im Dezember 1191. Nach dem Tod seiner Witwe Uta kam das Chorherrenstift in die Hände der Staufer, die es um 1200 den Pfalzgrafen von Tübingen als Lehen gaben. Wegen Misswirtschaft mussten diese im 14. Jahrhundert das Stift an den Graf Eberhard II. von Württemberg, „den Greiner und alten Rauschebart“ verkaufen. Er ließ es von seinem Vogt verwalten.

Im Inneren der Martinskirche fällt auf, dass die Basis der Pfeiler im Chorbereich etwa 2.50 Meter höher liegt als die im Langhaus, was auf eine früher vorhandene Zwischendecke hindeutet. Im oben liegenden Chor wurden die Gottesdienste der Chorherren abgehalten. Darunter befand sich bis 1576 / 77 eine Krypta, deren Boden etwa einen Meter unter dem Niveau des Kirchenraums lag. Diese war durch eine Mauer vom Kirchenraum getrennt. Der Eingang befand sich in der Mitte. Links und rechts davon führten zwei Treppen in den Chorraum. Ein Lettner zur Trennung zwischen dem Chorherren- und dem Laienbereich war deshalb nicht nötig und nicht vorhanden. 1576, nach der Reformation, wurde diese Zwischendecke entfernt und die Krypta ebenerdig aufgefüllt. Hinter der Martinskirche befindet sich, an die Kirche angebaut, die frühgotische Sakristei von 1270. Ihr Dach wurde später verändert.

Das Stift gehörte zum Bistum Konstanz. Die Grenze zwischen ihm und dem Bistum Speyer verläuft auf der Linie Weil der Stadt - Hohenasperg. Sie war die Grenze zwischen dem Reich der Franken und der Alemannen, und ist bis heute eine Sprachgrenze zwischen dem Mittleren Neckar und dem Unterland.

 

Sindelfinger Münzschatz

Bei den Grabungen von 1973 wurde unter dem Kirchenboden ein wertvoller Schatz mit 945 Silbermünzen in einem Tontöpfchen geborgen. Diese wurden 1180 geschlagen und tragen das Prägezeichen S für Sindelfingen aus der Münzstätte von Welf VI. Vermutlich wurden die Münzen bei einem Überfall der Böblinger Pfalzgrafen versteckt.

 

Das Chorherrenstift

Das verlassene Kloster wurde 1066 in ein Chorherrenstift umgewandelt. Chorherren sind eine Vereinigung von Klerikern, die gemeinsam nach der Art der Mönche lebten („vita canonica“) aber als Weltgeistliche keine Gelübde ablegten. Sie rekrutierten sich vermutlich aus der Sindelfinger Oberschicht. Sie wohnten ursprünglich gemeinsam nahe der Kirche in Gebäuden, die abgegangen sind. Später wohnten sie in separaten Gebäuden, Chorherrenhäusern, wie z.B. das Gebäude Stiftstraße 2, Ecke Ziegelstraße. Um 1420 wurde vom Chorherr Heinrich Tegen auf die innere Mauer die Propstei aufgesetzt. Der Stiftsbezirk umfasste den Bereich vom Wurmbergviertel bis zum Klostersee und zur Ziegelstraße. Er war mit dem Bannzaun eingezäunt und hatte drei Tore: am Stäbenheck das Flickers Tor, an der Kreuzung der heutigen Graben- und Maichinger Straße das Zimmer Jakobs Tor und bei der Ziegelhütte auf der Ziegelstraße das Falltor. Weitere stiftseigene und zinspflichtige Häuser standen im Bereich der späteren Stadt.

Das Stift entwickelte sich bis ins 15. Jh. zu einem der bedeutendsten und wohlhabendsten in Württemberg. Ab 1442, nach der Teilung Württembergs in einen Stuttgarter und einen Uracher Teil, fiel ihm im Uracher Landesteil eine kirchliche Führungsposition zu. Es besaß den an die Stadt nördlich angrenzenden Stiftsbezirk sowie Gebiete in der Propstei und zu Hinterweil und im Eichholz. Die Kirchen zu Weilimdorf, Dilgshausen mit Leonberg, Darmsheim, Dagersheim, Tailfingen, Feuerbach, Neckartailfingen, Grötzingen, sowie Vaihingen a.d. Fildern waren dem Stift inkorporiert; d.h. ihre Einkünfte flossen an das Sindelfinger Stift. In über 30 Orten im Neckar-Schönbuch Gebiet verfügte das Stift zudem über Güter oder Einkünfte, u.a. in Böblingen Darmsheim, Vaihingen, Maichingen, Magstadt, Nufringen, Altingen, Deufringen, Ehningen, Holzgerlingen, Haslach, Grötzingen, Hirschlanden, Bönnigheim, Korntal, Feuerbach, Schlaitdorf u.a.m. Die Sindelfinger Chorherren genossen als Gelehrte einen außerordentlichen wissenschaftlichen Ruf. Sie verwalteten vornehmlich ihre reichen Pfründe und ließen die seelsorgerlichen Pflichten mehr und mehr von Kaplanen erledigen.

 

Verlegung nach Tübingen

Graf Eberhard V. „im Bart“ (ab 1495 Herzog Eberhard I., Sohn von Graf Ludwig I., ab 1475 verheiratet mit Barbara Gonzaga von Mantua) gab 1475 mit der Genehmigung von Papst Sixtus den Sindelfinger Chorherren den Auftrag, ihr Stift nach Tübingen zu verlegen.

Eberhards Mutter Mechthild, eine Pfalzgräfin bei Rhein (Kurpfalz), war eine sehr gebildete Frau. Sie war in Heidelberg geboren, wo ihre Vorfahren 1386 die älteste deutsche Universität, die Ruprecht-Karls-Universität gegründet hatten. Nach dem Tod ihres Mannes, bezog sie das Böblinger Schloss als Witwensitz. Zwei Jahre danach heiratete sie in zweiter Ehe den Erzherzog Albrecht VI.von Österreich, den Bruder des Kaisers Friedrich III. des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nationen. Als Schwägerin des Kaisers nahm sie jetzt einen hohen Rang ein, und nach dem Tod der Kaiserin Eleonore war sie sogar die Erste Frau im Reich. Mechthild bewog ihren Mann, in Freiburg eine Universität zu gründen, die "Albertina", die heutige Albrecht-Ludwigs-Universität. Als ihr Mann bald darauf starb, nahm sie ihren Witwensitz im vorderösterreichischen Rottenburg und scharte einen Musenhof um sich.

Mechthild wurde bei der Heirat mit Graf Ludwig I. als Wittum (Witwengut) das gesamte Amt Böblingen und große Teile des Schönbuchs überschrieben. Nach ihrer Wiederheirat hätte sie das Wittum wieder zurückgeben müssen, aber ihr Sohn Eberhard schenkte es ihr. Er musste also seine Mutter bei der Verlegung des Stifts um Genehmigung bitten, und vielleicht war die Initiative zur Universitätsgründung sogar von ihr ausgegangen. Mit ihren vielen reichen Pfründen sollten die Sindelfinger Chorherren die Universität Tübingen gründen und ihr eine gesicherte materielle Grundlage geben. Der Sindelfinger Propst Johannes Degen wurde der erste Kanzler der Universität Tübingen und sein Chorherr Johannes Vergenhans ihr Rektor. Er gräzisierte später seinen Namen zu Nauklerus. Die Nauklerstraße in Tübingen erinnert an ihn.

Die Tübinger Universität erhielt den Namen Eberhard - Universität. Sein Leitspruch "attempto" ("ich wag's") steht über dem Eingang der Alten Aula. Herzog Carl Eugen fügte später dem Namen der Universität seinen Namen hinzu. Seitdem heißt sie Eberhard-Karl-Universität. Die Einnahmen aus den Sindelfinger Pfründen wurden im Stiftskeller, dem heutigen Storchenhaus, sowie in der - im Krieg zerstörten - Stiftszehntscheuer am Oberen Tor verwaltet und gelagert.

 

Steinrelief in der Martinskirche

Zu dieser Verlegung gibt es im Westschiff der Martinskirche eine Steinplatte mit Bildnis und Inschrift. Sehr wahrscheinlich war sie ursprünglich bemalt. In der Mitte ist der erhöhte Christus am Kreuz dargestellt, Mechthild kniet vor ihm auf der heraldisch (= aus dem Bild herausschauend) rechten, der bedeutenderen Seite. Auf der heraldisch linken Seite kniet ihr Sohn Eberhard. Auch die Inschrift besagt, dass Mechthild die bedeutendere Person ist: „Illustrissima Mechthildis... et illustris Eberhardus..“ d.h. „die hochedle Mechthild … und der edle Eberhard..“ Dabei war Eberhard der Landesherr, während seine Mutter Mechthild im vorderösterreichischen Rottenburg lebte.

Nach alten Unterlagen war diese Steintafel ursprünglich am Eingangstor zum Klosterbezirk hinter der heutigen Webschule angebracht gewesen und wurde erst später ins Innere der Martinskirche gebracht. Dafür sprechen die starken Beschädigungen und der Verlust der Farben. Es ist auch unverständlich, weshalb sich diese so wichtige Tafel im hintersten und dunkelsten Winkel des Langhauses statt im hellen Chorraum befindet.

 

Das Augustinerkloster

Papst Pius II. hatte Graf Eberhard V. gestattet, sämtliche klösterliche Einrichtungen in seinem Herrschaftsbereich zu reformieren. Er holte Augustiner Chorherren der besonders strengen Windesheimer Kongregation in das neu zu gründende Kloster, denen er nahestand.

In Sindelfingen waren nach der Verlegung des Chorherrenstifts die Martinskirche und die Stiftsgebäude vorhanden. Die noch verbliebenen Pfründe reichten immer noch gut aus, ein neues Kloster zu unterhalten. Auch ließen die Chorherren des Tübinger Stifts ihre Pfründe und den daraus entstandenen geistlichen Verpflichtungen von den verbliebenen Sindelfinger Chorherren erledigen.

Um 1517 wurde zwischen die Martinskirche und die Propstei ein neuer Gebäudeteil erbaut, der als Bibliothek der Stiftsherren bezeichnet wurde. Damit wurde der Westeingang, der in einer Kirche der wichtige Prozessionseingang ist, stark eingeengt und auf einen teilweise unter der Klosterbibliothek gelegenen schmalen Gang reduziert.

1605 wurde hinter der Martinskirche der Kleine Fruchtkasten erbaut. Östlich davon entstand in der Klosterzeit das "Refental (Refektorium = Speisesaal) und der Stiftsherren Behausung" und hinter der Martinskirche ein Kreuzgang. Um 1620 entstand die Geistliche Verwaltung, in der die Einkünfte der kirchlichen Pfründe und Bruderschaftsvermögen verwaltet wurden. Der ganze Klosterbezirk war von einer umlaufenden Mauer mit drei Toren umschlossen. Entlang der Seestraße und der Oberen Vorstadt sind Teile davon erhalten. Von den drei Toren zum Klosterbezirk in das kleine Törchen an der Seestraße erhalten geblieben.

 

Aufhebung des Klosters in der Reformation

Das Augustinerkloster bestand bis zur Säkularisierung 1536, als im Zuge der Reformation viele Klöster im Land aufgelöst wurden (z.B. Hirsau, Maulbronn, Alpirsbach).

Das Refental wurde danach in den großen Fruchtkasten der Stadt mit 6 Böden (Lagerbuch von 1590) umgewandelt und um 1860 abgebrochen.

Im vermuteten Kreuzgang nördlich der Martinskirche wurden 1973 bei archäologischen Untersuchungen 16 Bestattungen nachgewiesen.

 

Erhaltene Gebäude

Zu den noch erhaltenen Gebäuden gehören die an die Martinskirche angebaute Bibliothek, die Propstei und die Gebäude der geistlichen Verwaltung. Ihre Nutzungen und ihre Namen wurden über die Zeit verändert und sind nicht mehr völlig nachvollziehbar. Vom ehemaligen kleinen Fruchtkasten steht nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg nur noch der Kellerhals. Daneben liegt der 17 Meter tiefe, rund gemauerte Brunnen aus der Klosterzeit um 1500.

Das Haus der Geistlichen Verwaltung war vom Anfang des 19. Jahrhunderts in privater Hand. 1963 wurde das Fachwerk freigelegt. 1970 hat es die Stadt erworben und zum „Haus der Familie“ umgebaut.

Die Propstei, Obere Vorstadt 8, von 1420, ist eines der ältesten Sindelfinger Häuser und zeigt an Süd- und Ostseite mittelalterliches Fachwerk. Dieses unterscheidet sich vom späteren Fachwerk durch eine andere Art der Versteifung des Hausgerüstes („Verblattung“). Die schräg verlaufenden Hölzer sind nur etwa ein Drittel so stark wie die senkrechten und waagrechten und sind von außen in entsprechende Aussparungen eingelassen. Diese Bauweise wurde bis etwa 1500 angewendet und von Herzog Christoph verboten. In Sindelfingen kann sie noch an über 20 weiteren Häusern festgestellt werden.

Kein hiesiges Gebäude hat im Laufe der Jahrhunderte eine so mannigfaltige Nutzung erfahren. Erbaut wurde es von Magister Heinrich Tegen, Doktor des Kirchenrechtes an der Universität Bologna, vermutlich als Chorherrenhaus. Später war es Propstei des altes Stiftes, 1477 Sitz des Priors, später zusammen mit der Klosterbibliothek Wohnung des Schultheißen, des Vogts und des Oberamtmannes, Sitz des Kameralamtes bzw. Finanzamtes und schließlich des Staatlichen Schulamtes. Nach dem Rathausbrand von 1948 beherbergte es außerdem den Hauptteil der Stadtverwaltung und später für mehrere Jahre die Außenstelle des Staatlichen Vermessungsamtes.

Zum Stift gehörten zahlreiche weitere Gebäude an der Oberen Vorstadt und im ehemaligen Wurmbergviertel, das dem Bau des Warenhauses DOMO weichen musste. Auch das Haus Stiftstraße 2, der Chorherrenpfründhof, blieb erhalten. An der See - Gasse, heute Stiftstraße, stand von 1664 bis etwa 1905 das Helferhaus (Zweiter Stadtpfarrer) mit einer Scheune. Seine Außenmauer ist noch in der Klostermauer sichtbar. Im Inneren des Klostergartens wurde nach dem Krieg eine Grundschule und ein Kindergarten erreichtet. Hier sind keine Spuren der Vergangenheit mehr zu finden.

 

Gebäude im und um den Stiftsbezirk

 

Der Gasthof Zum Hirsch

Das Gelände, auf dem der Gasthof Hirsch steht, gehörte dem Stift. 1456 wurde es vom Propst und Kapitel an den Chorherren Konrad Widmann aus Dagersheim verkauft. Das Vorkaufsrecht verblieb aber beim Stift und war vom sog. Frongeld - einer Abgabe an die Herrschaft aus jedem Haus "darin Rauch hält" - befreit. Im Jahr 1580 besaß es Thomas Grieb (1545-1609), der Stammvater einer bis heute wohl bekannten Sindelfinger Familie. Im Gebäudeprotokoll von 1719 ist es als Hirsch im Mitbesitz der Witwe von Johann Jakob Schmidt (1661-1711).

Das heutige Gebäude ließ um 1803 der Hirschwirt Johann Jakob Mayer (1767-1815) erbauen. Als einer der ersten Gasthöfe der Stadt ist der Hirsch gegen 1900 von der Familie Uhland und dann mehrere Jahrzehnte von August Seeger geführt worden. August Seeger war Vorstand des Turnvereins. Unter den ehemaligen Nebengebäuden neben dem Gasthof ist bis heute ein großer Bierkeller der ehemaligen Brauerei erhalten. Er diente nach dem Krieg als beliebter Partykeller, ist aber heute aus Sicherheitsgründen nicht mehr öffentlich zugänglich.

Hier im Gasthof Hirsch wurde am 28. Dezember 1913 der Schwarzwaldverein Sindelfingen als Bezirksverein des Württembergischen Schwarzwaldvereins gegründet. Gründungsväter waren der Stadtschultheiß Wilhelm Hörmann, der Sattler Karl Ganzhorn und 8 weitere bekannte Sindelfinger, darunter der Hirschwirt August Seeger und der Gaswerksverwalter Schaarschmidt.

 

Die Alte Realschule

Vor 1790 standen auf der Fläche der späteren Alten Realschule im östlichen Bereich die deutsche und die lateinische Schule. Sie lassen sich bis zur ältesten Sindelfinger Schule zurückverfolgen, die schon vor 1395 nachweisbar ist und im Mittelalter zum Stift gehörte. Im westlichen Bereich standen zwei Wohnhäuser. Weiter nach Westen schloss sich daran die Brotlaube an, die um 1600 erbaut worden war und bis 1841 bestand. In ihr hatten die Bäcker Verkaufsbänke für ihre Waren.

Das jetzige Schulgebäude entstand am Ende des 18. Jahrhunderts als "deutsche, lateinische und Mägdleinschule". Ab 1897 beherbergte es eine sechsklassige Realschule. Hier haben die Sindelfinger Realschüler, spätere Ingenieure, Beamte, Betriebs- und Abteilungsleiter der Industriebetriebe die Schulbank gedrückt. Um 1940 wurde die Alte Realschule in das 1929 erbaute Goldberggymnasium überführt.

Noch um 1980 bestand für diese beiden historischen, aber ziemlich verwahrlosten und baufällig gewordenen Gebäude die Gefahr des Abrisses. Hier war sogar eine Tiefgarage geplant, die aber wegen dann drohender Einsturzgefahr der Martinskirche nicht realisiert wurde. Eugen Schempp und der Arbeitskreis "Freunde der Sindelfinger Altstadt" wandten sich an die Öffentlichkeit und setzte sich, auch mit Unterstützung der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde, intensiv für die Erhaltung des Ensembles um den Stiftsbezirk ein. Die Lösung bahnte sich an, als für den Neubau des Gemeindezentrums ein Platz an der Stiftstraße gefunden wurde. Aus der Alten Realschule wurde das Bürgerhaus.

 

Das Haus Wergo (später Haus Hagenlocher)

Im Jahr 1830 ließ sich in Sindelfingen ein Mann mit einem ungewöhnlichen Namen nieder: Panagiot Wergo junior (1802 - 1886). Er war in Stuttgart geboren und aufgewachsen. Sein Vater, Panagiot Wergo senior, stammte aus Konstantinopel und war Sohn eines Kaufmanns. In Wien lernte er die Tochter eines Hofgärtners in württembergischen Diensten kennen und heiratete sie. In Stuttgart versuchte er einen Handel mit roher Baumwolle und türkischen Garnen, damals sehr begehrte Waren. Er bemühte sich um das Untertanenrecht, das ihm 1798 endlich gewährt wurde, und trat dem lutherischen Glauben bei. Das Geschäft entwickelte sich mit der Zeit sehr positiv. Nachdem seine erste Frau starb, heiratete Panagiot Wergo 1800 ein zweites Mal. Seine zweite Frau, Charlotte Feuerlein, Tochter des Regierungsrats Carl Feuerlein, entstammte der württembergischen Oberschicht.

1802 wurde der Sohn Panagiot junior geboren und wuchs in Cannstatt in einem großen Landhaus am Neckar auf. Ab 1806 betrieb der Vater eine eigene Fabrik für Türkischrot-Garne. Dies war die erste ihrer Art in der Region. Die Garne waren in Deutschland und dem Ausland sehr begehrt. Aufgrund politischer Umwälzungen musste Wergo 1824 die Fabrik aufgeben, betrieb aber weiterhin in der Calwer Straße in Stuttgart eine Großhandlung. In seinem Haus trafen sich Dichter und Denker wie Justinus Kerner, Ludwig Uhland, Gustav Schwab und Friedrich Hölderlin. Die sogenannten Panhellenen waren fasziniert von der deutsch-griechischen Familie.

Panagiot Junior verlor mit 16 Jahren seine Mutter bei der Geburt der jüngsten Tochter. Als ältester Sohn führte er die Tradition der Familie fort und erlernte den Beruf des Kaufmanns. Nach einer Lehre im Indigo-Handel in Stuttgart bei seinem Onkel Carl Feuerlein begab er sich in die Schweiz und nach Straßburg zur weiteren Ausbildung. Im Jahr 1830 erwarb er das Haus Obere Vorstadt 2 und ließ sich in der Stadt nieder. Im Bürgerbuch wird er als "Kaufmann und Conditor" geführt. Er scheint mit seiner Frau Mathilde Fink, Tochter des Amtsnotars, ein gutes Auskommen mit seinem Geschäft gehabt zu haben. Das Gewerbekataster verzeichnet den Handel mit Garn, Farben, "Porcellan", Glas und "Specereien" (Gewürzen).

1834 wurde ihr Sohn Wilhelm geboren. Der machte eine Ausbildung in Genf, Paris und Italien. 1855 ging er in die Vereinigten Staaten, nach Kanada und Kuba. Er arbeitete als Drogist und Apotheker. 1863 erwarb er das amerikanische Bürgerrecht und war im amerikanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Nordstaaten als Feldapotheker tätig. 1863 kehrte er nach Sindelfingen zurück und übernahm das elterliche Geschäft. Der Vater Panagiot junior verstarb mit 84 Jahren. Auf dem Alten Friedhof in Sindelfingen befinden sich noch Grabsteine der Nachfahren.

Leider hat sich kein Porträt von Panagiot Wergo erhalten., und auch die Unterlagen und Dokumente, die für eine Familiengenealogie bereits zusammengetragen waren, sind im Zweiten Weltkrieg in Stuttgart zerstört worden.

(Aus "Sindelfingen und seine Altstadt - ein verborgener Schatz" von Horst Zecha, Seite 56-57)

 

Klostersee und Seemühle

Der "Herrschaftliche See", später als Klostersee bezeichnete See unterhalb des Stiftsbezirks gehörte nie zum Kloster, sondern war bis 1741 im Besitz der Herrschaft Württemberg und dann im Privatbesitz des Seemüllers. Am östlichen Ufer stand bis um 1970 seine Seemühle. In den 1920er Jahren betrieb die Firma Kienle die Seemühle. Im Sommer war dort die Badeanstalt geöffnet, und im Winter wurde Eis für die Brauereien gewonnen. 1958 erwarb die Stadt den See und die Mühle. 1976 wurde das Mühlengebäude abgerissen und an seiner Stelle für die Landesgartenschau 1990 eine hübsche Parkanlage mit zahlreichen japanischen Kirschbäumen geschaffen.

 

Armesünderfriedhof

Bis 1517 wurden die Verstorbenen auf dem Friedhof an der Martinskirche begraben. Als er zu klein wurde, richtete man außerhalb des Bannzauns am Ende des See-Gässles bei der Frauenkapelle am Klostersee einen neuen Friedhof ein.

Dann kam die Pest, und auch dieser Friedhof wurde zu klein. 1594 begann man den heutigen "Alten Friedhof" zu bauen. Der Friedhof am Klostersee wurde danach als "Arme-Sünder-Friedhof" weiter benutzt. Hier wurden Ausgestoßene, also Kriminelle und Selbstmörder, verscharrt, z.B. eine Frau, die ihr uneheliches Kind umgebracht hatte und selbst ertränkt wurde. Auch nicht getaufte Säuglinge, die nach damaligen Glauben als Heiden für ewig in einer Spezialhölle schmoren mussten, erhielten nicht die Gnade eines christlichen Begräbnisses.

Am Rest der Friedhofsmauer ist heute eine Tafel angebracht und der Ort als kleiner Park gestaltet. 2014 wurden für das Projekt „Poetische Orte“ zwei farbige Glasstelen des Künstlers Fritz Mühlenbeck aus Weil im Schönbuch - Neuweiler aufgestellt.

Das damalige See-Gässle endete am Armesünderfriedhof. Beim Bau der Wilhelm-Hörmann-Straße wurde sie – die heutige Stiftstraße - auf einem Straßendamm durch den Klostersee zum Herrenwäldlesberg hin verlängert. Der nördliche Seeteil wurde damals zugeschüttet und erst zur Landesgartenschau 1990 wieder ausgegraben.

 

Literaturhinweise (Auswahl):

 

„Sindelfingen und seine Altstadt – ein verborgener Schatz“, 2013

Herausgeber: Horst Zecha, Kulturamt der Stadt Sindelfingen, ISBN 978-3-00-041492-3, 503 Seiten

 

„Martinskirche Sindelfingen“, Herausgeber: Martinsgemeinde Sindelfingen, 2013, 103 Seiten

Entstehung und Stadtgründung von Sindelfingen

Ein Kurzbericht von Dr. Alfred Hinderer

 

Der Ursprung

Schon zwischen dem ersten und dritten Jahrhundert bestand am Fuß des Goldbergs eine römische Siedlung. Zwei sich kreuzende römische Straßen wurden an ihrem Westrand nachgewiesen, und beim Bau der neuen B 464 wurde auf dem Feld zwischen dem Hinterweil und Maichingen eine "Villa Rustica" gefunden. Sie und weitere „Villae Rusticae“ versorgten die römischen Truppen am Neckarlimes. Nach dem Abzug der römischen Truppen siedelten sich auf der Sindelfinger Markung Alemannen an. Zwei Siedlungen sind sicher nachgewiesen, das Dorf Sindelfingen im Bereich der unteren Grabenstraße und ein Weiler Altingen im Bereich der Schadenwasenstraße am Fuß des Goldbergs. Ein dritter Weiler wird im Wurmbergviertel vermutet.

Im Bereich des heutigen Stifts-Gymnasiums wurden außerordentlich wertvolle Grabbeigaben gefunden, die auf eine sehr wohlhabende Oberschicht hinweisen, die hier gelebt hat. Und auch im Gewann "Feger" wurde ein Bestattungsplatz gefunden, der zum Dorf Sindelfingen gehörte, benannt nach ihrem Anführer Sindolf. Von ihm hat die spätere Stadt ihren Namen erhalten.

 

Die Stadtgründung

Die Staufer hatten um 1146 Graf Hugo I. (vormals Hugo V. von Nagold) zum Pfalzgrafen von Schwaben erhoben. Sein Urenkel, Rudolf II., Pfalzgraf von Tübingen, war Vogt von Sindelfingen. Dessen Sohn hieß in jungen Jahren Rudolf III. von Tübingen. Er gründete als Rudolf I. von Tübingen-Scheer, "der Scherer" genannt, im Jahr 1263 die Stadt Sindelfingen. Die Gründung ist belegt durch eine Urkunde, in der die Rechte des Chorherrenstifts für ihre dortigen Besitztümer gegenüber der neu zu gründenden Stadt belegt werden. Sindelfingen konnte deshalb im Jahr 2013 sein 750 jähriges Jubiläum der Stadtgründung feiern.

Sindelfingen sollte ein Eckpfeiler gegen Böblingen sein, das nach 1250 durch seinen Vetter, Graf Rudolf von Tübingen-Böblingen „dem Böblinger“ (1214 - 1252) gegründet wurde, und mit dem Rudolf der Scherer in stetiger Fehde lag.

Die Stadt wurde zwischen dem bereits vorhandenen Stiftsbezirk und dem Dorf am Wettbach neu angelegt. Das Gelände fällt nach Süden zur Schwippe ab. Die Stadt hat etwa die Form eines Trapezes und hatte zwei Tore. Von West nach Ost maß die Stadt im Mittel etwa 230 Meter und von Nord nach Süd etwa 170 Meter mit etwa 4 1/2 ha Fläche. Bei der Gründung wurde zuerst das Terrain abgesteckt, der Stadtgraben ausgehoben und die Wälle aufgeworfen. Die Linie der späteren Stadtmauer wurde mit Palisaden gesichert. Danach wurden die Haupt- und Nebengassen, die Plätze und die Wasserversorgung festgelegt. Dann wurden Hofstätten und Hofraiten aufgeteilt, sodass danach gebaut werden konnte. Als eine von wenigen Städten besaß Sindelfingen keine Stadtkirche. An der Südostecke der neuen Stadt stand ein Herrenhof, der Fronhof des alten Dorfes Sindelfingen. Dessen nordöstlicher Teil wurde vermutlich in die neue Stadtanlage miteinbezogen. Die Stadtmauer hat dort eine Ausbuchtung.

Gleich nach der Stadtgründung begann man in großer Eile mit der Ummauerung und dem Bau der beiden Stadttore zum Schutz gegen Böblinger Überfälle. Die Mauer wurde wegen dem schwierigen Baugrund im sumpfigen Schwippetal erst 1284 fertig.

 

Markt und Marktbrunnen

Anfangs hatte die Stadt keinen Markt. Erst um 1450 erhielt sie das Marktrecht von Graf Ludwig von Württemberg. Es gab einen Wochenmarkt an einer Verbreiterung der Langen Gasse und jährlich zwei Krämermärkte. Der Markt wurde nach der Verlegung des Chorherrenstifts nach Tübingen wieder aufgegeben und der Straßenbereich überbaut. So entstand die Stumpengasse, die an der Oberen Burggasse endet. Erst 1552 bat die Stadt erneut um das Marktrecht. Als Markplatz wurde seit 1526 der Bereich außerhalb der Stadt zwischen dem Oberen Tor und dem Stiftsbezirk benannt. Dort steht auch der Marktbrunnen, der heutige Schwätzweiberbrunnen.

Der Marktbrunnen trug ursprünglich eine Statue des Grafen Ulrich. Als sie nach dem 30jährigen Krieg ersetzt werden musste, trug die Brunnensäule eine Statue des Herzogs Eberhard III. 1927 wurde sie durch eine Stiftung der Mina Zweigart mit der Figur „Die "Schwätzweiber" von Prof. Josef Zeitler ersetzt. Ihr ursprünglicher Name war „Das Gerücht“. Eine sehr ähnliche Figurengruppe steht auf dem Altweiberbrunnen in Thale im Harz. Die alte Brunnensäule wurde bei der Verlängerung der Stiftstraße in den neu geschaffenen Damm zwischen den beiden Seen eingefüllt, später aber wieder herausgeholt. Sie steht heute im Stadtarchiv im Untergeschoss des Rathauses.

 

Stadtmauer und Stadttore

Von der nördlichen Stadtmauer ist noch ein größeres Stück in Originalhöhe am heutigen Schaffhauser Platz erhalten. Von der südlichen Mauer steht ein niederer Mauerrest im Hof hinter dem Badhaus. Ein weiteres kleines Stück der südlichen Mauer nahezu in Originalhöhe steht an der Unteren Vorstadt. Nach dem Abriss der Stadtmauer und dem Auffüllen des Stadtgrabens wurde dort eine Öffnung in die Stadtmauer geschlagen, um von der Unteren Vorstadt einen direkten Eingang in die Scheune des hinter der Mauer gelegenen Hofs in der Unteren Burggasse 22 zu erhalten. Als die Scheune in den 1960er Jahren abgerissen wurde, entstand so ein Fußgängerdurchgang von der Unteren Vorstadt in die Untere Burggasse.

Weitere Reste des Mauerfundaments wurden 2001 bei Aushubarbeiten am Anwesen Turmgasse 2 und 2003 im Areal Martinsgasse 6 und Hintere Gasse 19 entdeckt.

Die Grundrisse der beiden ehemaligen Tore, der des östlichen Verlaufs der nördlichen Stadtmauer und des Diebsturms sind im Pflaster mit roten Buntsandsteinen markiert. Ab 1830 wurden die Stadtmauern und die beiden Stadttore abgebrochen und der Graben aufgefüllt und planiert. Auf dem östlichen Graben wurde die breite Planiestraße angelegt.

Zum großen Stadtfest anlässlich des 750 Jubiläums wurde das Untere Tor mit einem Rohrgerüst und bemalten Planen nachempfunden. Leider konnte es nicht für immer stehen bleiben.

 

Gassen

Zwischen dem Unteren und dem Oberen Stadttor bildet die Lange Gasse die Hauptachse der Stadt. Sie läuft von Süden her auf die Martinskirche zu und macht oben einen Links- und dann einen Rechtsknick, wohl um den beträchtlichen Höhenunterschied beim Oberen Tor auszugleichen.

Die Gassen in der Altstadt verlaufen rechtwinklig zueinander: die Hintere Gasse, die Kurze Gasse, die Obere und Untere Burggasse, die Abtgasse, die Stumpengasse und die Turmgasse. Nur die Martinsgasse verläuft als einzige von der Hinteren Gasse beim Alten Rathaus schräg hinunter zur Stadtmauer.

 

Vorstädte

Als es mit der wachsenden Bevölkerungszahl in der Stadt zu eng wurde, wurden außerhalb der Stadtmauer im Norden die Obere Vorstadt und im Süden die Untere Vorstadt angelegt.

Zwischen Stiftsbezirk und Stadt verläuft die heutige Ziegelstraße. Sie ist eine alte Handelsstraße nach Böblingen.

 

Verkauf an die Grafen von Württemberg

Alle drei Städte, Sindelfingen, Böblingen und Herrenberg, fallen während der Herrschaft des Grafen Eberhard II., des Greiners (* nach 1315, † 1392) an Württemberg. 1342 wurden Burg, Stadt und Herrschaft Tübingen an Württemberg verkauft. 1344 begann der sukzessive Verkauf der Böblinger Herrschaft, und bis 1357 hatten die Grafen von Württemberg diesen Komplex vollständig erworben. Die Herrenberger Linie der Pfalzgrafen schließlich verkaufte Sindelfingen zusammen mit der Vogtei über das Martinsstift an die Herren von Rechberg. 1369 wurde Sindelfingen endgültig von den Grafen von Württemberg erworben und dem Amt Böblingen unterstellt. Als Wappen führt die Stadt seitdem die drei schwarzen württ. Hirschstangen auf silbernem Grund, dazu das Kreuz der Chorherren. Tübingen, Herrenberg und Böblingen haben dagegen die dreilatzige Gerichtsfahne der Tübinger Grafen und Pfalzgrafen.

Im Jahr 1605 gelang es Sindelfingen, unter Herzog Friedrich I. gegen Zahlung von 2200 Gulden selbständig zu werden und ein eigenes Amt ohne zugehörige Amtsorte zu sein. Schon vorher hatte die Stadt einen eigenen Schultheiß als Vertreter des Herzogs und ein eigenes Gericht mit hoher Gerichtsbarkeit (Stock und Galgen) sowie einen eigenen Stadtschreiber und einen Stadtknecht. Der Schultheiß hieß nun Vogt, und die Stadt war auf eigene Füße gestellt. König Friedrich I. hob 1807 das Oberamt Sindelfingen auf und unterstellte die Stadt wieder dem Oberamt Böblingen.

 

Literaturhinweise (Auswahl):

 

„Sindelfingen und seine Altstadt – ein verborgener Schatz“, 2013

Herausgeber: Horst Zecha, Kulturamt der Stadt Sindelfingen, ISBN 978-3-00-041492-3, 503 Seiten

 

„Facetten einer Stadt 1263 – 2013, 750 Jahre Stadt Sindelfingen“, 2013

Herausgeber: Frau Illja Widmann, Stadtmuseum Sindelfingen ISBN 978-3-00-042887-6, 84 Seiten

 

„Ehrwürdiges Alt-Sindelfingen, Rundgang durch die malerische Altstadt“, 1977

Herausgeber: Walter Nimmerrichter, Verlag Adolf Röhm

 

„Geschichte der Stadt Sindelfingen“, 1975

Herausgeber: Hermann Weisert, Verlag Adolf Röhm

Wilhelm Ganzhorn (1818 - 1880)

  Wilhelm Ganzhorn Haus Ganzhorn Stuttgarter Straße 1
  Wilhelm Ganzhorn um 1860.
Bild im Privatbesitz von Jürg Arnold
 

Er wurde im Böblinger Schloss geboren als Sohn des Kastellans (Schlossvogts) Johann Georg und seiner zweiten Frau Catharina Margaretha Ganzhorn, geb. Maisch. Seine Kindheit und Jugend verlebte er erst in Böblingen und ab 1822 in Sindelfingen, wo seine Eltern 1826 das Haus Stuttgarter Straße 1, heute Vaihinger Straße am heutigen Marktplatz kauften. Das Haus mit landwirtschaftlichem Anwesen ging später in den Besitz des Landwirts Essig über, dessen Namen es bis zum Abriss in den 1980er Jahren trug.

Wilhelm Ganzhorn ging in die Alte Realschule und machte das Abitur am Eberhard-Ludwig-Gymnasium in Stuttgart. Nach dem Studium der Rechte in Tübingen und Heidelberg wurde er Gerichtsassistent in Backnang, dann Richter in Neuenbürg und Oberamtsrichter in Aalen, Neckarsulm und zuletzt in Cannstatt.

Wilhelm Ganzhorn war verheiratet mit Luise Alber, der Tochter des Rössles-Wirts in Conweiler bei Neuenbürg. Ihre Ehe war mit 10 Kindern gesegnet, von denen aber 4 schon im Säuglingsalter starben. Er war zeitlebens ein großer Freund des Reisens, Historiker, Literat und Dichter und stets ein geselliger Mensch und berühmter Gastgeber. 1851 schuf er das viel gesungene Lied "Im schönsten Wiesengrunde". Er starb im Cannstatt. Sein Grab ist auf dem dortigen Uffkirchhof nicht weit entfernt von dem seines Freundes Ferdinand Freiligrath. An Wilhelm Ganzhorn erinnert in Sindelfingen der Städtische Wanderweg "Wilhelm-Ganzhorn-Weg"

 

"Das stille Thal

Im schönsten Wiesengrunde
ist meiner Heimat Haus;
ich zieh zur Morgenstunde
ins Tal hinaus.
Dich, mein stilles Tal,
grüß ich tausendmal.
Ich zieh zur Morgenstunde
ins Tal hinaus."

(Erste Strophe)