Der Sindelfinger Stiftsbezirk

ein Kurzbericht von Dr. Alfred Hinderer

 

Das erste Benediktinerkloster und die Martinskirche

Eine frühe Kapelle und ein Herrenhof

1973 wurden bei der grundlegenden Renovierung unter der Martinskirche Überreste eines ausgedehnten christlichen Friedhofs gefunden. Da Friedhöfe stets nahe einer Kirche angelegt wurden, ist dies der indirekte Nachweis einer christlichen Kapelle oder Kirche, die vermutlich dem heiligen Martin von Tours gewidmet war. Die Bereiche auf dem heutigen Kirchenvorplatz könnten weitere Zeugnisse liefern, blieben aber bisher unerforscht.

Man weiß, dass diese Gegend im Besitz des Grafen Adalberts II., genannt Atzimbart, war. Seine Vorfahren hatten in Sindelfingen einen Herrenhof erbaut, vermutlich ein Steinhaus mit angegliedertem Wirtschaftshof. Die starken Steinfundamente, die man im Westteil unter der Martinskirche fand, könnten die seines Wohnturms sein. Sie sind aber vermutlich eher die Fundamente einer nicht weiter gebauten Doppelturmanlage.

 

Ursprung in Hirsau

In Hirsau gab es seit 765 östlich der Nagold an der Kreuzung der heutigen Liebenzeller- und der Wildbader Straße eine kleine Nazariuskapelle oder -kirche. Um 830 überbrachte Bischof Noting von Vercelli die Gebeine des Heiligen Aurelius von Riditio von Mailand zur Beisetzung nach Hirsau. Aurelius war Bischof von Armenien und starb 475 in Mailand. Solche Reliquien hatten einen großen Zulauf von Gläubigen zur Folge. Deshalb bauten die Calwer Vorfahren die Nazariuskapelle in ein kleines Kloster mit dem Namen des Heiligen Aurelius aus. Es verfiel nach dem Jahr 1000.

Graf Adalbert II. gründete mit seiner Frau als Ersatz für dieses erste Aureliuskloster um 1050 in Sindelfingen ein neues Benediktiner-Doppelkloster mit Mönchen und Nonnen. Der Papst drängte aber darauf, das Hirsauer Aureliuskloster wieder herzustellen und die Gebeine des Aurelius darin beizusetzen. Adalbert löste daraufhin das Sindelfinger Doppelkloster wieder auf und führte die Mönche und Nonnen nach Hirsau zurück. Der Sindelfinger Herrenhof des Grafen Adalbert wurde nach Calw verlegt. Um 1050 wurde eine Burg erbaut und um 1256 die Stadt Calw gegründet. Die Herren nannten sich fortan Grafen von Calw.

Belegt ist, dass in Hirsau rechts der Nagold bis ca. 1070/75 ein Doppelkloster bestand. Nachdem es zu klein geworden war und auch immer wieder von der Nagold überschwemmt worden war, wurde 1082 auf der Anhöhe jenseits der Nagold das Benediktinerkloster St. Peter und Paul erbaut und die Gebeine des Heiligen Aurelius 1488 dorthin überführt. Im Zuge der Reformation wurden das Kloster und der Konvent 1536 aufgelöst. Die Herzöge von Württemberg erbauten darin ein Schloss und eine Schule. Das Schloss wurde 1692 im Pfälzer Erbfolgekrieg durch die Truppen Melacs zerstört. In seinen Mauern stand die durch das Gedicht von Ludwig Uhland berühmt gewordene "Ulme zu Hirsau". 1989 musste sie wegen dem gefährlichen Ulmenpilz gefällt werden.

 

Martinskirche

Die Martinskirche wurde um 1065 begonnen und über 70 Jahre mit mehreren Bau- und Stillstandsphasen weitergebaut. Am Langhaus steht außen die Jahreszahl 1083. Am 4. Juli, dem Jahrestag der Bischofsweihe des Heiligen Martin im Jahre 372 wurde der bis dahin schon fertig gestellte Teil als Provisorium eingeweiht. Dendrochronologische Untersuchungen wiesen aber nach, dass die Bäume für die Dachbalken und die Holzdecke des Langhauses im Jahr 1131 geschlagen wurden.

An der Südwand stand bis zu ihrem Abriss im Jahr 1863 die Michaelskapelle. Man nimmt an, dass sie der Rest der Vorgängerkirche war und in den Bau der Martinskirche integriert wurde. Sie enthielt eine Gerichtstüre mit einem Löwenkopf. Er symbolisierte die Gerichtsbarkeit des Landesherren, war aber zugleich das Symbol für Christus, den „Löwen von Juda“. Wer den Ring im Löwenmaul ergriff, genoss Kirchenasyl. Der Kopf symbolisiert also auch das Kirchenrecht. Im 19. Jahrhundert wurde die Michaelskapelle abgerissen und die Gerichtstüre an den Westeingang versetzt.

Nach dem Tod Adalberts führte sein Sohn Gottfried den Kirchenbau nur zögerlich fort. Zu Ende gebaut wurde sie bis 1135 von Herzog Welf VI. von Spoleto. Er hatte 1129 Gottfrieds Tochter und Alleinerbin Uta geheiratet. Die Form des Kirchenturms mit nur wenig spitzem Dach nach Art eines italienischen Campanile zeigt, dass Welf VI. mit dem Bau lombardische Architekten beauftragt hatte. Der Turm stand ursprünglich frei und wurde erst später mit dem Langhaus verbunden. Die Kirche war der Gottesdienstort der Chorherren und zugleich Pfarrkirche für die umgebenden Siedlungen und die spätere Stadt Sindelfingen. Die romanische Apsiden im Osten sehen stilistisch älter als das Langhaus aus. Sie wurden aber erst am 25. November 1100 von Bischof Gebhard von Konstanz eingeweiht.

Welf VI. starb im Dezember 1191. Nach dem Tod seiner Witwe Uta kam das Chorherrenstift in die Hände der Staufer, die es um 1200 den Pfalzgrafen von Tübingen als Lehen gaben. Wegen Misswirtschaft mussten diese im 14. Jahrhundert das Stift an den Graf Eberhard II. von Württemberg, „den Greiner und alten Rauschebart“ verkaufen. Er ließ es von seinem Vogt verwalten.

Im Inneren der Martinskirche fällt auf, dass die Basis der Pfeiler im Chorbereich etwa 2.50 Meter höher liegt als die im Langhaus, was auf eine früher vorhandene Zwischendecke hindeutet. Im oben liegenden Chor wurden die Gottesdienste der Chorherren abgehalten. Darunter befand sich bis 1576 / 77 eine Krypta, deren Boden etwa einen Meter unter dem Niveau des Kirchenraums lag. Diese war durch eine Mauer vom Kirchenraum getrennt. Der Eingang befand sich in der Mitte. Links und rechts davon führten zwei Treppen in den Chorraum. Ein Lettner zur Trennung zwischen dem Chorherren- und dem Laienbereich war deshalb nicht nötig und nicht vorhanden. 1576, nach der Reformation, wurde diese Zwischendecke entfernt und die Krypta ebenerdig aufgefüllt. Hinter der Martinskirche befindet sich, an die Kirche angebaut, die frühgotische Sakristei von 1270. Ihr Dach wurde später verändert.

Das Stift gehörte zum Bistum Konstanz. Die Grenze zwischen ihm und dem Bistum Speyer verläuft auf der Linie Weil der Stadt - Hohenasperg. Sie war die Grenze zwischen dem Reich der Franken und der Alemannen, und ist bis heute eine Sprachgrenze zwischen dem Mittleren Neckar und dem Unterland.

 

Sindelfinger Münzschatz

Bei den Grabungen von 1973 wurde unter dem Kirchenboden ein wertvoller Schatz mit 945 Silbermünzen in einem Tontöpfchen geborgen. Diese wurden 1180 geschlagen und tragen das Prägezeichen S für Sindelfingen aus der Münzstätte von Welf VI. Vermutlich wurden die Münzen bei einem Überfall der Böblinger Pfalzgrafen versteckt.

 

Das Chorherrenstift

Das verlassene Kloster wurde 1066 in ein Chorherrenstift umgewandelt. Chorherren sind eine Vereinigung von Klerikern, die gemeinsam nach der Art der Mönche lebten („vita canonica“) aber als Weltgeistliche keine Gelübde ablegten. Sie rekrutierten sich vermutlich aus der Sindelfinger Oberschicht. Sie wohnten ursprünglich gemeinsam nahe der Kirche in Gebäuden, die abgegangen sind. Später wohnten sie in separaten Gebäuden, Chorherrenhäusern, wie z.B. das Gebäude Stiftstraße 2, Ecke Ziegelstraße. Um 1420 wurde vom Chorherr Heinrich Tegen auf die innere Mauer die Propstei aufgesetzt. Der Stiftsbezirk umfasste den Bereich vom Wurmbergviertel bis zum Klostersee und zur Ziegelstraße. Er war mit dem Bannzaun eingezäunt und hatte drei Tore: am Stäbenheck das Flickers Tor, an der Kreuzung der heutigen Graben- und Maichinger Straße das Zimmer Jakobs Tor und bei der Ziegelhütte auf der Ziegelstraße das Falltor. Weitere stiftseigene und zinspflichtige Häuser standen im Bereich der späteren Stadt.

Das Stift entwickelte sich bis ins 15. Jh. zu einem der bedeutendsten und wohlhabendsten in Württemberg. Ab 1442, nach der Teilung Württembergs in einen Stuttgarter und einen Uracher Teil, fiel ihm im Uracher Landesteil eine kirchliche Führungsposition zu. Es besaß den an die Stadt nördlich angrenzenden Stiftsbezirk sowie Gebiete in der Propstei und zu Hinterweil und im Eichholz. Die Kirchen zu Weilimdorf, Dilgshausen mit Leonberg, Darmsheim, Dagersheim, Tailfingen, Feuerbach, Neckartailfingen, Grötzingen, sowie Vaihingen a.d. Fildern waren dem Stift inkorporiert; d.h. ihre Einkünfte flossen an das Sindelfinger Stift. In über 30 Orten im Neckar-Schönbuch Gebiet verfügte das Stift zudem über Güter oder Einkünfte, u.a. in Böblingen Darmsheim, Vaihingen, Maichingen, Magstadt, Nufringen, Altingen, Deufringen, Ehningen, Holzgerlingen, Haslach, Grötzingen, Hirschlanden, Bönnigheim, Korntal, Feuerbach, Schlaitdorf u.a.m. Die Sindelfinger Chorherren genossen als Gelehrte einen außerordentlichen wissenschaftlichen Ruf. Sie verwalteten vornehmlich ihre reichen Pfründe und ließen die seelsorgerlichen Pflichten mehr und mehr von Kaplanen erledigen.

 

Verlegung nach Tübingen

Graf Eberhard V. „im Bart“ (ab 1495 Herzog Eberhard I., Sohn von Graf Ludwig I., ab 1475 verheiratet mit Barbara Gonzaga von Mantua) gab 1475 mit der Genehmigung von Papst Sixtus den Sindelfinger Chorherren den Auftrag, ihr Stift nach Tübingen zu verlegen.

Eberhards Mutter Mechthild, eine Pfalzgräfin bei Rhein (Kurpfalz), war eine sehr gebildete Frau. Sie war in Heidelberg geboren, wo ihre Vorfahren 1386 die älteste deutsche Universität, die Ruprecht-Karls-Universität gegründet hatten. Nach dem Tod ihres Mannes, bezog sie das Böblinger Schloss als Witwensitz. Zwei Jahre danach heiratete sie in zweiter Ehe den Erzherzog Albrecht VI.von Österreich, den Bruder des Kaisers Friedrich III. des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nationen. Als Schwägerin des Kaisers nahm sie jetzt einen hohen Rang ein, und nach dem Tod der Kaiserin Eleonore war sie sogar die Erste Frau im Reich. Mechthild bewog ihren Mann, in Freiburg eine Universität zu gründen, die "Albertina", die heutige Albrecht-Ludwigs-Universität. Als ihr Mann bald darauf starb, nahm sie ihren Witwensitz im vorderösterreichischen Rottenburg und scharte einen Musenhof um sich.

Mechthild wurde bei der Heirat mit Graf Ludwig I. als Wittum (Witwengut) das gesamte Amt Böblingen und große Teile des Schönbuchs überschrieben. Nach ihrer Wiederheirat hätte sie das Wittum wieder zurückgeben müssen, aber ihr Sohn Eberhard schenkte es ihr. Er musste also seine Mutter bei der Verlegung des Stifts um Genehmigung bitten, und vielleicht war die Initiative zur Universitätsgründung sogar von ihr ausgegangen. Mit ihren vielen reichen Pfründen sollten die Sindelfinger Chorherren die Universität Tübingen gründen und ihr eine gesicherte materielle Grundlage geben. Der Sindelfinger Propst Johannes Degen wurde der erste Kanzler der Universität Tübingen und sein Chorherr Johannes Vergenhans ihr Rektor. Er gräzisierte später seinen Namen zu Nauklerus. Die Nauklerstraße in Tübingen erinnert an ihn.

Die Tübinger Universität erhielt den Namen Eberhard - Universität. Sein Leitspruch "attempto" ("ich wag's") steht über dem Eingang der Alten Aula. Herzog Carl Eugen fügte später dem Namen der Universität seinen Namen hinzu. Seitdem heißt sie Eberhard-Karl-Universität. Die Einnahmen aus den Sindelfinger Pfründen wurden im Stiftskeller, dem heutigen Storchenhaus, sowie in der - im Krieg zerstörten - Stiftszehntscheuer am Oberen Tor verwaltet und gelagert.

 

Steinrelief in der Martinskirche

Zu dieser Verlegung gibt es im Westschiff der Martinskirche eine Steinplatte mit Bildnis und Inschrift. Sehr wahrscheinlich war sie ursprünglich bemalt. In der Mitte ist der erhöhte Christus am Kreuz dargestellt, Mechthild kniet vor ihm auf der heraldisch (= aus dem Bild herausschauend) rechten, der bedeutenderen Seite. Auf der heraldisch linken Seite kniet ihr Sohn Eberhard. Auch die Inschrift besagt, dass Mechthild die bedeutendere Person ist: „Illustrissima Mechthildis... et illustris Eberhardus..“ d.h. „die hochedle Mechthild … und der edle Eberhard..“ Dabei war Eberhard der Landesherr, während seine Mutter Mechthild im vorderösterreichischen Rottenburg lebte.

Nach alten Unterlagen war diese Steintafel ursprünglich am Eingangstor zum Klosterbezirk hinter der heutigen Webschule angebracht gewesen und wurde erst später ins Innere der Martinskirche gebracht. Dafür sprechen die starken Beschädigungen und der Verlust der Farben. Es ist auch unverständlich, weshalb sich diese so wichtige Tafel im hintersten und dunkelsten Winkel des Langhauses statt im hellen Chorraum befindet.

 

Das Augustinerkloster

Papst Pius II. hatte Graf Eberhard V. gestattet, sämtliche klösterliche Einrichtungen in seinem Herrschaftsbereich zu reformieren. Er holte Augustiner Chorherren der besonders strengen Windesheimer Kongregation in das neu zu gründende Kloster, denen er nahestand.

In Sindelfingen waren nach der Verlegung des Chorherrenstifts die Martinskirche und die Stiftsgebäude vorhanden. Die noch verbliebenen Pfründe reichten immer noch gut aus, ein neues Kloster zu unterhalten. Auch ließen die Chorherren des Tübinger Stifts ihre Pfründe und den daraus entstandenen geistlichen Verpflichtungen von den verbliebenen Sindelfinger Chorherren erledigen.

Um 1517 wurde zwischen die Martinskirche und die Propstei ein neuer Gebäudeteil erbaut, der als Bibliothek der Stiftsherren bezeichnet wurde. Damit wurde der Westeingang, der in einer Kirche der wichtige Prozessionseingang ist, stark eingeengt und auf einen teilweise unter der Klosterbibliothek gelegenen schmalen Gang reduziert.

1605 wurde hinter der Martinskirche der Kleine Fruchtkasten erbaut. Östlich davon entstand in der Klosterzeit das "Refental (Refektorium = Speisesaal) und der Stiftsherren Behausung" und hinter der Martinskirche ein Kreuzgang. Um 1620 entstand die Geistliche Verwaltung, in der die Einkünfte der kirchlichen Pfründe und Bruderschaftsvermögen verwaltet wurden. Der ganze Klosterbezirk war von einer umlaufenden Mauer mit drei Toren umschlossen. Entlang der Seestraße und der Oberen Vorstadt sind Teile davon erhalten. Von den drei Toren zum Klosterbezirk in das kleine Törchen an der Seestraße erhalten geblieben.

 

Aufhebung des Klosters in der Reformation

Das Augustinerkloster bestand bis zur Säkularisierung 1536, als im Zuge der Reformation viele Klöster im Land aufgelöst wurden (z.B. Hirsau, Maulbronn, Alpirsbach).

Das Refental wurde danach in den großen Fruchtkasten der Stadt mit 6 Böden (Lagerbuch von 1590) umgewandelt und um 1860 abgebrochen.

Im vermuteten Kreuzgang nördlich der Martinskirche wurden 1973 bei archäologischen Untersuchungen 16 Bestattungen nachgewiesen.

 

Erhaltene Gebäude

Zu den noch erhaltenen Gebäuden gehören die an die Martinskirche angebaute Bibliothek, die Propstei und die Gebäude der geistlichen Verwaltung. Ihre Nutzungen und ihre Namen wurden über die Zeit verändert und sind nicht mehr völlig nachvollziehbar. Vom ehemaligen kleinen Fruchtkasten steht nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg nur noch der Kellerhals. Daneben liegt der 17 Meter tiefe, rund gemauerte Brunnen aus der Klosterzeit um 1500.

Das Haus der Geistlichen Verwaltung war vom Anfang des 19. Jahrhunderts in privater Hand. 1963 wurde das Fachwerk freigelegt. 1970 hat es die Stadt erworben und zum „Haus der Familie“ umgebaut.

Die Propstei, Obere Vorstadt 8, von 1420, ist eines der ältesten Sindelfinger Häuser und zeigt an Süd- und Ostseite mittelalterliches Fachwerk. Dieses unterscheidet sich vom späteren Fachwerk durch eine andere Art der Versteifung des Hausgerüstes („Verblattung“). Die schräg verlaufenden Hölzer sind nur etwa ein Drittel so stark wie die senkrechten und waagrechten und sind von außen in entsprechende Aussparungen eingelassen. Diese Bauweise wurde bis etwa 1500 angewendet und von Herzog Christoph verboten. In Sindelfingen kann sie noch an über 20 weiteren Häusern festgestellt werden.

Kein hiesiges Gebäude hat im Laufe der Jahrhunderte eine so mannigfaltige Nutzung erfahren. Erbaut wurde es von Magister Heinrich Tegen, Doktor des Kirchenrechtes an der Universität Bologna, vermutlich als Chorherrenhaus. Später war es Propstei des altes Stiftes, 1477 Sitz des Priors, später zusammen mit der Klosterbibliothek Wohnung des Schultheißen, des Vogts und des Oberamtmannes, Sitz des Kameralamtes bzw. Finanzamtes und schließlich des Staatlichen Schulamtes. Nach dem Rathausbrand von 1948 beherbergte es außerdem den Hauptteil der Stadtverwaltung und später für mehrere Jahre die Außenstelle des Staatlichen Vermessungsamtes.

Zum Stift gehörten zahlreiche weitere Gebäude an der Oberen Vorstadt und im ehemaligen Wurmbergviertel, das dem Bau des Warenhauses DOMO weichen musste. Auch das Haus Stiftstraße 2, der Chorherrenpfründhof, blieb erhalten. An der See - Gasse, heute Stiftstraße, stand von 1664 bis etwa 1905 das Helferhaus (Zweiter Stadtpfarrer) mit einer Scheune. Seine Außenmauer ist noch in der Klostermauer sichtbar. Im Inneren des Klostergartens wurde nach dem Krieg eine Grundschule und ein Kindergarten erreichtet. Hier sind keine Spuren der Vergangenheit mehr zu finden.

 

Gebäude im und um den Stiftsbezirk

 

Der Gasthof Zum Hirsch

Das Gelände, auf dem der Gasthof Hirsch steht, gehörte dem Stift. 1456 wurde es vom Propst und Kapitel an den Chorherren Konrad Widmann aus Dagersheim verkauft. Das Vorkaufsrecht verblieb aber beim Stift und war vom sog. Frongeld - einer Abgabe an die Herrschaft aus jedem Haus "darin Rauch hält" - befreit. Im Jahr 1580 besaß es Thomas Grieb (1545-1609), der Stammvater einer bis heute wohl bekannten Sindelfinger Familie. Im Gebäudeprotokoll von 1719 ist es als Hirsch im Mitbesitz der Witwe von Johann Jakob Schmidt (1661-1711).

Das heutige Gebäude ließ um 1803 der Hirschwirt Johann Jakob Mayer (1767-1815) erbauen. Als einer der ersten Gasthöfe der Stadt ist der Hirsch gegen 1900 von der Familie Uhland und dann mehrere Jahrzehnte von August Seeger geführt worden. August Seeger war Vorstand des Turnvereins. Unter den ehemaligen Nebengebäuden neben dem Gasthof ist bis heute ein großer Bierkeller der ehemaligen Brauerei erhalten. Er diente nach dem Krieg als beliebter Partykeller, ist aber heute aus Sicherheitsgründen nicht mehr öffentlich zugänglich.

Hier im Gasthof Hirsch wurde am 28. Dezember 1913 der Schwarzwaldverein Sindelfingen als Bezirksverein des Württembergischen Schwarzwaldvereins gegründet. Gründungsväter waren der Stadtschultheiß Wilhelm Hörmann, der Sattler Karl Ganzhorn und 8 weitere bekannte Sindelfinger, darunter der Hirschwirt August Seeger und der Gaswerksverwalter Schaarschmidt.

 

Die Alte Realschule

Vor 1790 standen auf der Fläche der späteren Alten Realschule im östlichen Bereich die deutsche und die lateinische Schule. Sie lassen sich bis zur ältesten Sindelfinger Schule zurückverfolgen, die schon vor 1395 nachweisbar ist und im Mittelalter zum Stift gehörte. Im westlichen Bereich standen zwei Wohnhäuser. Weiter nach Westen schloss sich daran die Brotlaube an, die um 1600 erbaut worden war und bis 1841 bestand. In ihr hatten die Bäcker Verkaufsbänke für ihre Waren.

Das jetzige Schulgebäude entstand am Ende des 18. Jahrhunderts als "deutsche, lateinische und Mägdleinschule". Ab 1897 beherbergte es eine sechsklassige Realschule. Hier haben die Sindelfinger Realschüler, spätere Ingenieure, Beamte, Betriebs- und Abteilungsleiter der Industriebetriebe die Schulbank gedrückt. Um 1940 wurde die Alte Realschule in das 1929 erbaute Goldberggymnasium überführt.

Noch um 1980 bestand für diese beiden historischen, aber ziemlich verwahrlosten und baufällig gewordenen Gebäude die Gefahr des Abrisses. Hier war sogar eine Tiefgarage geplant, die aber wegen dann drohender Einsturzgefahr der Martinskirche nicht realisiert wurde. Eugen Schempp und der Arbeitskreis "Freunde der Sindelfinger Altstadt" wandten sich an die Öffentlichkeit und setzte sich, auch mit Unterstützung der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde, intensiv für die Erhaltung des Ensembles um den Stiftsbezirk ein. Die Lösung bahnte sich an, als für den Neubau des Gemeindezentrums ein Platz an der Stiftstraße gefunden wurde. Aus der Alten Realschule wurde das Bürgerhaus.

 

Das Haus Wergo (später Haus Hagenlocher)

Im Jahr 1830 ließ sich in Sindelfingen ein Mann mit einem ungewöhnlichen Namen nieder: Panagiot Wergo junior (1802 - 1886). Er war in Stuttgart geboren und aufgewachsen. Sein Vater, Panagiot Wergo senior, stammte aus Konstantinopel und war Sohn eines Kaufmanns. In Wien lernte er die Tochter eines Hofgärtners in württembergischen Diensten kennen und heiratete sie. In Stuttgart versuchte er einen Handel mit roher Baumwolle und türkischen Garnen, damals sehr begehrte Waren. Er bemühte sich um das Untertanenrecht, das ihm 1798 endlich gewährt wurde, und trat dem lutherischen Glauben bei. Das Geschäft entwickelte sich mit der Zeit sehr positiv. Nachdem seine erste Frau starb, heiratete Panagiot Wergo 1800 ein zweites Mal. Seine zweite Frau, Charlotte Feuerlein, Tochter des Regierungsrats Carl Feuerlein, entstammte der württembergischen Oberschicht.

1802 wurde der Sohn Panagiot junior geboren und wuchs in Cannstatt in einem großen Landhaus am Neckar auf. Ab 1806 betrieb der Vater eine eigene Fabrik für Türkischrot-Garne. Dies war die erste ihrer Art in der Region. Die Garne waren in Deutschland und dem Ausland sehr begehrt. Aufgrund politischer Umwälzungen musste Wergo 1824 die Fabrik aufgeben, betrieb aber weiterhin in der Calwer Straße in Stuttgart eine Großhandlung. In seinem Haus trafen sich Dichter und Denker wie Justinus Kerner, Ludwig Uhland, Gustav Schwab und Friedrich Hölderlin. Die sogenannten Panhellenen waren fasziniert von der deutsch-griechischen Familie.

Panagiot Junior verlor mit 16 Jahren seine Mutter bei der Geburt der jüngsten Tochter. Als ältester Sohn führte er die Tradition der Familie fort und erlernte den Beruf des Kaufmanns. Nach einer Lehre im Indigo-Handel in Stuttgart bei seinem Onkel Carl Feuerlein begab er sich in die Schweiz und nach Straßburg zur weiteren Ausbildung. Im Jahr 1830 erwarb er das Haus Obere Vorstadt 2 und ließ sich in der Stadt nieder. Im Bürgerbuch wird er als "Kaufmann und Conditor" geführt. Er scheint mit seiner Frau Mathilde Fink, Tochter des Amtsnotars, ein gutes Auskommen mit seinem Geschäft gehabt zu haben. Das Gewerbekataster verzeichnet den Handel mit Garn, Farben, "Porcellan", Glas und "Specereien" (Gewürzen).

1834 wurde ihr Sohn Wilhelm geboren. Der machte eine Ausbildung in Genf, Paris und Italien. 1855 ging er in die Vereinigten Staaten, nach Kanada und Kuba. Er arbeitete als Drogist und Apotheker. 1863 erwarb er das amerikanische Bürgerrecht und war im amerikanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Nordstaaten als Feldapotheker tätig. 1863 kehrte er nach Sindelfingen zurück und übernahm das elterliche Geschäft. Der Vater Panagiot junior verstarb mit 84 Jahren. Auf dem Alten Friedhof in Sindelfingen befinden sich noch Grabsteine der Nachfahren.

Leider hat sich kein Porträt von Panagiot Wergo erhalten., und auch die Unterlagen und Dokumente, die für eine Familiengenealogie bereits zusammengetragen waren, sind im Zweiten Weltkrieg in Stuttgart zerstört worden.

(Aus "Sindelfingen und seine Altstadt - ein verborgener Schatz" von Horst Zecha, Seite 56-57)

 

Klostersee und Seemühle

Der "Herrschaftliche See", später als Klostersee bezeichnete See unterhalb des Stiftsbezirks gehörte nie zum Kloster, sondern war bis 1741 im Besitz der Herrschaft Württemberg und dann im Privatbesitz des Seemüllers. Am östlichen Ufer stand bis um 1970 seine Seemühle. In den 1920er Jahren betrieb die Firma Kienle die Seemühle. Im Sommer war dort die Badeanstalt geöffnet, und im Winter wurde Eis für die Brauereien gewonnen. 1958 erwarb die Stadt den See und die Mühle. 1976 wurde das Mühlengebäude abgerissen und an seiner Stelle für die Landesgartenschau 1990 eine hübsche Parkanlage mit zahlreichen japanischen Kirschbäumen geschaffen.

 

Armesünderfriedhof

Bis 1517 wurden die Verstorbenen auf dem Friedhof an der Martinskirche begraben. Als er zu klein wurde, richtete man außerhalb des Bannzauns am Ende des See-Gässles bei der Frauenkapelle am Klostersee einen neuen Friedhof ein.

Dann kam die Pest, und auch dieser Friedhof wurde zu klein. 1594 begann man den heutigen "Alten Friedhof" zu bauen. Der Friedhof am Klostersee wurde danach als "Arme-Sünder-Friedhof" weiter benutzt. Hier wurden Ausgestoßene, also Kriminelle und Selbstmörder, verscharrt, z.B. eine Frau, die ihr uneheliches Kind umgebracht hatte und selbst ertränkt wurde. Auch nicht getaufte Säuglinge, die nach damaligen Glauben als Heiden für ewig in einer Spezialhölle schmoren mussten, erhielten nicht die Gnade eines christlichen Begräbnisses.

Am Rest der Friedhofsmauer ist heute eine Tafel angebracht und der Ort als kleiner Park gestaltet. 2014 wurden für das Projekt „Poetische Orte“ zwei farbige Glasstelen des Künstlers Fritz Mühlenbeck aus Weil im Schönbuch - Neuweiler aufgestellt.

Das damalige See-Gässle endete am Armesünderfriedhof. Beim Bau der Wilhelm-Hörmann-Straße wurde sie – die heutige Stiftstraße - auf einem Straßendamm durch den Klostersee zum Herrenwäldlesberg hin verlängert. Der nördliche Seeteil wurde damals zugeschüttet und erst zur Landesgartenschau 1990 wieder ausgegraben.

 

Literaturhinweise (Auswahl):

 

„Sindelfingen und seine Altstadt – ein verborgener Schatz“, 2013

Herausgeber: Horst Zecha, Kulturamt der Stadt Sindelfingen, ISBN 978-3-00-041492-3, 503 Seiten

 

„Martinskirche Sindelfingen“, Herausgeber: Martinsgemeinde Sindelfingen, 2013, 103 Seiten

Entstehung und Stadtgründung von Sindelfingen

Ein Kurzbericht von Dr. Alfred Hinderer

 

Der Ursprung

Schon zwischen dem ersten und dritten Jahrhundert bestand am Fuß des Goldbergs eine römische Siedlung. Zwei sich kreuzende römische Straßen wurden an ihrem Westrand nachgewiesen, und beim Bau der neuen B 464 wurde auf dem Feld zwischen dem Hinterweil und Maichingen eine "Villa Rustica" gefunden. Sie und weitere „Villae Rusticae“ versorgten die römischen Truppen am Neckarlimes. Nach dem Abzug der römischen Truppen siedelten sich auf der Sindelfinger Markung Alemannen an. Zwei Siedlungen sind sicher nachgewiesen, das Dorf Sindelfingen im Bereich der unteren Grabenstraße und ein Weiler Altingen im Bereich der Schadenwasenstraße am Fuß des Goldbergs. Ein dritter Weiler wird im Wurmbergviertel vermutet.

Im Bereich des heutigen Stifts-Gymnasiums wurden außerordentlich wertvolle Grabbeigaben gefunden, die auf eine sehr wohlhabende Oberschicht hinweisen, die hier gelebt hat. Und auch im Gewann "Feger" wurde ein Bestattungsplatz gefunden, der zum Dorf Sindelfingen gehörte, benannt nach ihrem Anführer Sindolf. Von ihm hat die spätere Stadt ihren Namen erhalten.

 

Die Stadtgründung

Die Staufer hatten um 1146 Graf Hugo I. (vormals Hugo V. von Nagold) zum Pfalzgrafen von Schwaben erhoben. Sein Urenkel, Rudolf II., Pfalzgraf von Tübingen, war Vogt von Sindelfingen. Dessen Sohn hieß in jungen Jahren Rudolf III. von Tübingen. Er gründete als Rudolf I. von Tübingen-Scheer, "der Scherer" genannt, im Jahr 1263 die Stadt Sindelfingen. Die Gründung ist belegt durch eine Urkunde, in der die Rechte des Chorherrenstifts für ihre dortigen Besitztümer gegenüber der neu zu gründenden Stadt belegt werden. Sindelfingen konnte deshalb im Jahr 2013 sein 750 jähriges Jubiläum der Stadtgründung feiern.

Sindelfingen sollte ein Eckpfeiler gegen Böblingen sein, das nach 1250 durch seinen Vetter, Graf Rudolf von Tübingen-Böblingen „dem Böblinger“ (1214 - 1252) gegründet wurde, und mit dem Rudolf der Scherer in stetiger Fehde lag.

Die Stadt wurde zwischen dem bereits vorhandenen Stiftsbezirk und dem Dorf am Wettbach neu angelegt. Das Gelände fällt nach Süden zur Schwippe ab. Die Stadt hat etwa die Form eines Trapezes und hatte zwei Tore. Von West nach Ost maß die Stadt im Mittel etwa 230 Meter und von Nord nach Süd etwa 170 Meter mit etwa 4 1/2 ha Fläche. Bei der Gründung wurde zuerst das Terrain abgesteckt, der Stadtgraben ausgehoben und die Wälle aufgeworfen. Die Linie der späteren Stadtmauer wurde mit Palisaden gesichert. Danach wurden die Haupt- und Nebengassen, die Plätze und die Wasserversorgung festgelegt. Dann wurden Hofstätten und Hofraiten aufgeteilt, sodass danach gebaut werden konnte. Als eine von wenigen Städten besaß Sindelfingen keine Stadtkirche. An der Südostecke der neuen Stadt stand ein Herrenhof, der Fronhof des alten Dorfes Sindelfingen. Dessen nordöstlicher Teil wurde vermutlich in die neue Stadtanlage miteinbezogen. Die Stadtmauer hat dort eine Ausbuchtung.

Gleich nach der Stadtgründung begann man in großer Eile mit der Ummauerung und dem Bau der beiden Stadttore zum Schutz gegen Böblinger Überfälle. Die Mauer wurde wegen dem schwierigen Baugrund im sumpfigen Schwippetal erst 1284 fertig.

 

Markt und Marktbrunnen

Anfangs hatte die Stadt keinen Markt. Erst um 1450 erhielt sie das Marktrecht von Graf Ludwig von Württemberg. Es gab einen Wochenmarkt an einer Verbreiterung der Langen Gasse und jährlich zwei Krämermärkte. Der Markt wurde nach der Verlegung des Chorherrenstifts nach Tübingen wieder aufgegeben und der Straßenbereich überbaut. So entstand die Stumpengasse, die an der Oberen Burggasse endet. Erst 1552 bat die Stadt erneut um das Marktrecht. Als Markplatz wurde seit 1526 der Bereich außerhalb der Stadt zwischen dem Oberen Tor und dem Stiftsbezirk benannt. Dort steht auch der Marktbrunnen, der heutige Schwätzweiberbrunnen.

Der Marktbrunnen trug ursprünglich eine Statue des Grafen Ulrich. Als sie nach dem 30jährigen Krieg ersetzt werden musste, trug die Brunnensäule eine Statue des Herzogs Eberhard III. 1927 wurde sie durch eine Stiftung der Mina Zweigart mit der Figur „Die "Schwätzweiber" von Prof. Josef Zeitler ersetzt. Ihr ursprünglicher Name war „Das Gerücht“. Eine sehr ähnliche Figurengruppe steht auf dem Altweiberbrunnen in Thale im Harz. Die alte Brunnensäule wurde bei der Verlängerung der Stiftstraße in den neu geschaffenen Damm zwischen den beiden Seen eingefüllt, später aber wieder herausgeholt. Sie steht heute im Stadtarchiv im Untergeschoss des Rathauses.

 

Stadtmauer und Stadttore

Von der nördlichen Stadtmauer ist noch ein größeres Stück in Originalhöhe am heutigen Schaffhauser Platz erhalten. Von der südlichen Mauer steht ein niederer Mauerrest im Hof hinter dem Badhaus. Ein weiteres kleines Stück der südlichen Mauer nahezu in Originalhöhe steht an der Unteren Vorstadt. Nach dem Abriss der Stadtmauer und dem Auffüllen des Stadtgrabens wurde dort eine Öffnung in die Stadtmauer geschlagen, um von der Unteren Vorstadt einen direkten Eingang in die Scheune des hinter der Mauer gelegenen Hofs in der Unteren Burggasse 22 zu erhalten. Als die Scheune in den 1960er Jahren abgerissen wurde, entstand so ein Fußgängerdurchgang von der Unteren Vorstadt in die Untere Burggasse.

Weitere Reste des Mauerfundaments wurden 2001 bei Aushubarbeiten am Anwesen Turmgasse 2 und 2003 im Areal Martinsgasse 6 und Hintere Gasse 19 entdeckt.

Die Grundrisse der beiden ehemaligen Tore, der des östlichen Verlaufs der nördlichen Stadtmauer und des Diebsturms sind im Pflaster mit roten Buntsandsteinen markiert. Ab 1830 wurden die Stadtmauern und die beiden Stadttore abgebrochen und der Graben aufgefüllt und planiert. Auf dem östlichen Graben wurde die breite Planiestraße angelegt.

Zum großen Stadtfest anlässlich des 750 Jubiläums wurde das Untere Tor mit einem Rohrgerüst und bemalten Planen nachempfunden. Leider konnte es nicht für immer stehen bleiben.

 

Gassen

Zwischen dem Unteren und dem Oberen Stadttor bildet die Lange Gasse die Hauptachse der Stadt. Sie läuft von Süden her auf die Martinskirche zu und macht oben einen Links- und dann einen Rechtsknick, wohl um den beträchtlichen Höhenunterschied beim Oberen Tor auszugleichen.

Die Gassen in der Altstadt verlaufen rechtwinklig zueinander: die Hintere Gasse, die Kurze Gasse, die Obere und Untere Burggasse, die Abtgasse, die Stumpengasse und die Turmgasse. Nur die Martinsgasse verläuft als einzige von der Hinteren Gasse beim Alten Rathaus schräg hinunter zur Stadtmauer.

 

Vorstädte

Als es mit der wachsenden Bevölkerungszahl in der Stadt zu eng wurde, wurden außerhalb der Stadtmauer im Norden die Obere Vorstadt und im Süden die Untere Vorstadt angelegt.

Zwischen Stiftsbezirk und Stadt verläuft die heutige Ziegelstraße. Sie ist eine alte Handelsstraße nach Böblingen.

 

Verkauf an die Grafen von Württemberg

Alle drei Städte, Sindelfingen, Böblingen und Herrenberg, fallen während der Herrschaft des Grafen Eberhard II., des Greiners (* nach 1315, † 1392) an Württemberg. 1342 wurden Burg, Stadt und Herrschaft Tübingen an Württemberg verkauft. 1344 begann der sukzessive Verkauf der Böblinger Herrschaft, und bis 1357 hatten die Grafen von Württemberg diesen Komplex vollständig erworben. Die Herrenberger Linie der Pfalzgrafen schließlich verkaufte Sindelfingen zusammen mit der Vogtei über das Martinsstift an die Herren von Rechberg. 1369 wurde Sindelfingen endgültig von den Grafen von Württemberg erworben und dem Amt Böblingen unterstellt. Als Wappen führt die Stadt seitdem die drei schwarzen württ. Hirschstangen auf silbernem Grund, dazu das Kreuz der Chorherren. Tübingen, Herrenberg und Böblingen haben dagegen die dreilatzige Gerichtsfahne der Tübinger Grafen und Pfalzgrafen.

Im Jahr 1605 gelang es Sindelfingen, unter Herzog Friedrich I. gegen Zahlung von 2200 Gulden selbständig zu werden und ein eigenes Amt ohne zugehörige Amtsorte zu sein. Schon vorher hatte die Stadt einen eigenen Schultheiß als Vertreter des Herzogs und ein eigenes Gericht mit hoher Gerichtsbarkeit (Stock und Galgen) sowie einen eigenen Stadtschreiber und einen Stadtknecht. Der Schultheiß hieß nun Vogt, und die Stadt war auf eigene Füße gestellt. König Friedrich I. hob 1807 das Oberamt Sindelfingen auf und unterstellte die Stadt wieder dem Oberamt Böblingen.

 

Literaturhinweise (Auswahl):

 

„Sindelfingen und seine Altstadt – ein verborgener Schatz“, 2013

Herausgeber: Horst Zecha, Kulturamt der Stadt Sindelfingen, ISBN 978-3-00-041492-3, 503 Seiten

 

„Facetten einer Stadt 1263 – 2013, 750 Jahre Stadt Sindelfingen“, 2013

Herausgeber: Frau Illja Widmann, Stadtmuseum Sindelfingen ISBN 978-3-00-042887-6, 84 Seiten

 

„Ehrwürdiges Alt-Sindelfingen, Rundgang durch die malerische Altstadt“, 1977

Herausgeber: Walter Nimmerrichter, Verlag Adolf Röhm

 

„Geschichte der Stadt Sindelfingen“, 1975

Herausgeber: Hermann Weisert, Verlag Adolf Röhm

Wilhelm Ganzhorn (1818 - 1880)

  Wilhelm Ganzhorn Haus Ganzhorn Stuttgarter Straße 1
  Wilhelm Ganzhorn um 1860.
Bild im Privatbesitz von Jürg Arnold
 

Er wurde im Böblinger Schloss geboren als Sohn des Kastellans (Schlossvogts) Johann Georg und seiner zweiten Frau Catharina Margaretha Ganzhorn, geb. Maisch. Seine Kindheit und Jugend verlebte er erst in Böblingen und ab 1822 in Sindelfingen, wo seine Eltern 1826 das Haus Stuttgarter Straße 1, heute Vaihinger Straße am heutigen Marktplatz kauften. Das Haus mit landwirtschaftlichem Anwesen ging später in den Besitz des Landwirts Essig über, dessen Namen es bis zum Abriss in den 1980er Jahren trug.

Wilhelm Ganzhorn ging in die Alte Realschule und machte das Abitur am Eberhard-Ludwig-Gymnasium in Stuttgart. Nach dem Studium der Rechte in Tübingen und Heidelberg wurde er Gerichtsassistent in Backnang, dann Richter in Neuenbürg und Oberamtsrichter in Aalen, Neckarsulm und zuletzt in Cannstatt.

Wilhelm Ganzhorn war verheiratet mit Luise Alber, der Tochter des Rössles-Wirts in Conweiler bei Neuenbürg. Ihre Ehe war mit 10 Kindern gesegnet, von denen aber 4 schon im Säuglingsalter starben. Er war zeitlebens ein großer Freund des Reisens, Historiker, Literat und Dichter und stets ein geselliger Mensch und berühmter Gastgeber. 1851 schuf er das viel gesungene Lied "Im schönsten Wiesengrunde". Er starb im Cannstatt. Sein Grab ist auf dem dortigen Uffkirchhof nicht weit entfernt von dem seines Freundes Ferdinand Freiligrath. An Wilhelm Ganzhorn erinnert in Sindelfingen der Städtische Wanderweg "Wilhelm-Ganzhorn-Weg"

 

"Das stille Thal

Im schönsten Wiesengrunde
ist meiner Heimat Haus;
ich zieh zur Morgenstunde
ins Tal hinaus.
Dich, mein stilles Tal,
grüß ich tausendmal.
Ich zieh zur Morgenstunde
ins Tal hinaus."

(Erste Strophe)

Eugen Schempp (1913 - 2003)

Eugen Schempp 1913 2003 beschnitten

Er wurde als Sohn des Finanzsekretärs Karl Otto Schempp und seiner Ehefrau Anna, geb. Kimmich in Münsingen geboren. Von Seiten seines Großvaters und seiner Mutter war er aber ein echter Sindelfinger. Das Elternhaus stand im „Seemüllers Gässle“. Ab 1922 ging er in die Realschule und dann aufs Reformrealgymnasium auf dem Goldberg. Sein Schulkamerad und lebenslanger Freund war Karl Heß, der spätere Böblinger Landrat. Nach dem Abitur 1931 studierte er das Fach Geodäsie an der Technischen Hochschule in Stuttgart und schloss es 1935 als Dipl. Ing. des Vermessungswesens ab. Dann kam der Krieg, aus dem er 1945 zurückkehrte.

Er begann 1947 seinen Berufsweg an der Sindelfinger Außenstelle des Staatlichen Vermessungsamts Böblingen und leitete diese ab 1948. 1952 wurde er Leiter des Staatlichen Vermessungsamts Böblingen. In diese Zeit fiel der Wiederaufbau der Städte nach den Kriegszerstörungen, dann die Erweiterung der Städte und Gemeinden und die Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur und der neuen Industriegebiete. Am Ende seiner Berufsjahre ging er 1975 als Oberregierungsvermessungsdirektor in den verdienten Ruhestand.

Neben seiner beruflichen Tätigkeit hatte er sich immer mit der Archäologie, der Geschichtsforschung und der Denkmalpflege beschäftigt. Er widmete jetzt im Ruhestand seine Zeit diesen Themen. Er baute 1958 das Sindelfinger Stadtmuseum auf und war bis 1989 sein ehrenamtlicher Leiter. Aus Grabungs- und Abbruchfunden bei Straßen- und Häuserbauten zog er archäologische Erkenntnisse und verband sie mit wissenschaftlichen Untersuchungen, um zu historischen Aussagen zur Siedlungs- und Stadtgeschichte zu kommen. Die Funde sind im Stadtmuseum ausgestellt, darunter Nachgeburtstöpfe, die in den Kellern der Altstadthäuser in reichlicher Zahl gefunden wurden. Mit Hilfe von dendrochronologischen Untersuchungen in Zusammenarbeit mit der Universität Hohenheim gelang die Datierung der Altstadthäuser und damit ihre zeitgeschichtliche Erforschung. Damit ist Sindelfingen Vorreiter und Meilenstein der modernen Bau- und Hausforschung in Deutschland. Der „Sindelfinger Eichen-Baumringkalender“ ist einzigartig. Er umfasst die Zeit zwischen 1380 und 1430 mit zwei auffälligen Signaturen in den Jahren 1393-1398 und 1416-1421.

Seine Aufarbeitung der Stadt- und Häusergeschichte war ein enormer Vorteil, als in den 1960er Jahren die Gefahr bestand, dass die Altstadt „saniert“ das heißt großflächig abgerissen und mit modernen Terrassenhäusern neu bebaut werden sollte. Eine Bürgerinitiative stellte sich damals dem Abriss in den Weg und hatte Erfolg dank den Ergebnissen seiner Arbeit, seiner Öffentlichkeitsarbeit und auch dank dem jetzt erwachenden Interesse der Stadt an ihrer Geschichte. Er untersuchte und dokumentierte die Häuser des Wurmbergviertels, bevor es für das Warenhaus „DOMO“ endgültig verschwand. Und er setzte durch, dass das baugeschichtlich einmalige Firstsäulenhaus an der Oberen Vorstadt nicht einfach abgerissen sondern an die nördliche Stadtmauer versetzt wurde. Heute ist die historische Altstadt ein großartiges Juwel und Anziehungspunkt für die Bürger und die Besucher der Stadt. Ohne Eugen Schempp wäre das nicht möglich geworden. Er wurde dafür zur 500 Jahrfeier des Alten Rathauses im Jahr 1978 vom Gemeinderat mit der Ehrenplakette der Stadt ausgezeichnet.

In den 1980er Jahren gehörte Eugen Schempp zu den Initiatoren und Mitbegründern des „Stadtgeschichtlichen Wegs Sindelfingen“. Dieser war eine Initiative des Schwarzwaldvereins Sindelfingen e.V. und der Stadt. Für die Bronzetafeln von Prof. Gebauer an den Altstadthäusern und die Begleitbroschüre lieferte er die Texte, mit denen die Besucher die Geschichte und Bedeutung der Gebäude erfassen können. Er war Autor zahlreicher zeit- und baugeschichtliche Artikel, darunter des Bands „Die Bauliche Entwicklung Sindelfingens vom Mittelalter bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts“ (1988). Eugen Schempp gehörte auch zu den Gründungsmitgliedern des Heimatgeschichtsvereins für Schönbuch und Gäu.

Eugen Schempp starb im Jahr 2003 kurz vor der Erreichung des 90. Lebensjahrs.

Eine ausführliche Würdigung aus Anlass seines 80sten Geburtstags schrieb Dr. Fritz Heimberger , Archivar im Kreis Böblingen, im Heft „Aus Schönbuch und Gäu“ 1993, Heft 3 Juli/September, Seiten 17 – 20; im Internet ist der Artikel zu finden unter:
https://gedbas.genealogy.net/person/show/1125931624