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Wilhelm Ganzhorn (1818 – 1880)

 

Familie Ganzhorn
Bild: Stadtarchiv Sindelfingen

Aufsatz zum 200. Geburtstag des Oberamtsrichters und Dichters

von Dr. Alfred Hinderer, Heimatpfleger im Schwarzwaldverein Sindelfingen e.V.

 

Herkunft und Geschichte der Vorfahren

Das Leben Wilhelm Ganzhorns, seiner Vorfahren und Eltern, seiner Familie und den nachfolgenden Generationen ist im Buch seines Urenkels, Dr. Jürg Ganzhorn,

"Im schönsten Wiesengrunde - Wilhelm Ganzhorn“ ausführlich beschrieben (siehe Literaturhinweis am Ende des Artikels). Der Text dieses Aufsatzes basiert auf seinem Buch.

Der Stammvater Georg Ganzhorn kam im 30jähigen Krieg von Sommenhardt bei Zavelstein nach Sindelfingen und wurde hier Bauer. Wilhelms väterliche Großeltern, Peter und Maria Agnes Ganzhorn, betrieben die Stegmühle an der Würm in Döffingen. Der junge Wilhelm war dort oft zu Besuch, und das Würmtal könnte deshalb der Entstehungsort seines berühmten Liedes sein.

Auf dem Maichinger Friedhof erinnert ein Gedenkkreuz (seine Inschrift wurde später auf eine Steintafel an der Wand übertragen) an die Ermordung von Wilhelms Großtante Maria Ganzhorn. Sie wurde 1703, nur 18-jährig, von zwei betrunkenen Soldaten überfallen, geschändet und erstochen. Die Täter wurden in Stuttgart hingerichtet. Mehr darüber kann man im Stadtgeschichtlichen Weg Maichingen“ nachlesen, auf dem ihr der Schwarzwaldverein Sindelfingen e.V. eine Station bei der Laurentiuskirche gewidmet hat.

Gedenkkreuz der Maria Ganzhorn

 

Die Eltern

Der Vater, Johann Georg (auch Jerg genannt), wurde 1775 in Döffingen geboren. Nach einer Bäckerlehre ging er von 1794 bis 1796 "auf die Walz". 1796 heiratete er Maria Magdalena Renner, die Tochter des Sindelfinger Kastenknechts Jakob Friedrich Renner. Er war später als Bäcker tätig und erwarb das Sindelfinger Bürgerrecht. Ab 1798 wird er als Stiftsverwaltungskastenknecht (Arbeiter im Getreidemagazin) erwähnt. 1797 machte er das Feldmesserexamen. 1800 erwarb er von seinem Schwiegervater die Schildwirtschaft mit Herberge "Zur Goldenen Glocke" in Sindelfingen. Die Familie bekam 3 Kinder, die aber früh verstarben.

1812 wurde er Schlossinspektor in Böblingen und 1813 Kameralkastenknecht. Er verkaufte die Schildwirtschaft "Zur Goldenen Glocke" wieder und auch allen Grundbesitz in Sindelfingen und zog ins Schloss in Böblingen. 1817 starb seine Frau Maria Magdalena.

Im selben Jahr ging er seine zweite Ehe mit Catharina Margaretha Maisch aus Böblingen ein. Ihr Vater, Johannes Maisch, war Bauer, Ratsverwandter und Gerichtsbeisitzer, später Stadtrat in Böblingen. Damit erwarb der Vater das Bürgerrecht in Böblingen. Aus dieser Ehe stammte Wilhelm Ganzhorn.

1818 wurde das Böblinger Schloss vom Land an die Stadt Böblingen verkauft. Im südlichen Schlossflügel wurden Schulen eingerichtet, der nördliche Schlossflügel wurde abgebrochen.

1821 wurde Johann Georg Ganzhorn zusätzlich auch Kastenpfleger (Leiter des Gemeinde-Kornlagerhauses) am Gemeindekasten in Sindelfingen und ab 1832 Zehntkassier. 1822 zog er nach Sindelfingen und kaufte 1826 das zweistöckige Ackerbürgergebäude mit Wohnhaus, Scheuer, Stallung, Magazin und großem Garten an der damaligen Stuttgarter Str. 1 (heute Vaihinger Str. 1).

1825 starb auch seine zweite Ehefrau, Wilhelms Mutter. 1826 ging der Vater eine dritte Ehe mit Anna Barbara Fischer, geb. Langer ein. 1841 starb Johann Georg Ganzhorn.

Nach seinem Tod übernahmen seine beiden Söhne aus der ersten Ehe, Friedrich und Gottlieb, das väterliche Anwesen an der Vaihinger Straße, und Gottlieb überließ 1842 danach seinen Anteil dem Bruder. Das Haus und das dahinter liegende Gartengrundstück wurde von Jakob Friedrich Essig erworben und stand als „Haus Essig“ bis zu seinem Abbruch im Jahr 1984. Der Gartenteil entlang der Stuttgarter Straße ging an den Schwanenwirt und Gemeinderat Friedrich Held.

 

Weitere Häuser der Ganzhorns in Sindelfingen

In der Oberen Vorstadt 28 steht das Haus, das Georg Ganzhorn, der Stammvater der Familie, im Jahr 1640 erworben hatte. Weitere Häuser gehen auf Friedrich Ganzhorn, Wilhelms jüngstem Bruder, zurück. Er hatte den Beruf des Bortenmachers gelernt. Dann betätigte er sich als Immobilienmakler und kaufte, renovierte und verkaufte Häuser. Wegen Misserfolgen ging er jedoch in Insolvenz. Drei seiner um 1845 erbauten Häuser standen bis zu ihrem Abbruch in der Seemühlestraße 27, 29 und 31.

Erhalten ist das Fachwerkhaus Obere Vorstadt 36, in dessen Erdgeschoss sich der Lebensmittelladen von "Oma Klemm" befand, die 2013 verstarb. Sie ist vielen damaligen Schulkindern und Eltern noch gut in Erinnerung. Erhalten ist auch das Haus Lange Straße 23.

 

Wilhelm Christian Ganzhorn

Er entstammte der zweiten Ehe seines Vaters und wurde am 14. Januar 1818 im Böblinger Schloss geboren. Mit seiner Geburt erwarb er das dortige Bürgerrecht und behielt es bis zu seinem Tod. Er wuchs mit den zwei Brüdern und drei Schwestern aus der ersten Ehe seines Vaters auf, ging in die Lateinschule in Sindelfingen (heute Ernst-Schäfer-Haus) und wurde 1832 konfirmiert.

Nach dem Wunsch seines Vaters sollte er Pfarrer werden. Dazu musste er das württ. Landexamen bestehen, danach je zwei Klassen am evangelischen Unter- und am Oberseminar besuchen und dann am Evangelischen Stift in Tübingen Theologie studieren. Seine schulischen Leistungen waren ziemlich gut, nur in Hebräisch erhielt er die Note mangelhaft, weil er auch eine große Abneigung gegen diese Sprache hatte. Deshalb ging der väterliche Wunsch nicht in Erfüllung.

Für ein Studium an einer Universität benötigte er das Abitur an einem Gymnasium. Deshalb besuchte er vom Frühjahr 1832 bis zum Herbst 1836 das „Eberhard-Ludwig-Gymnasium“ an der Ecke Gymnasium- und Kronprinzenstraße in Stuttgart. Seine Lehrer waren Prof. Osiander (Latein), Cless (Griechisch und Hebräisch), Hochstetter und Kapf (Mathematik und Geographie) und Gustav Schwab (Erzieher). Die Schulzeit endete mit der - trotz eigener Zweifel - erfolgreichen "Prüfung zum akademischen Studium der Rechtswissenschaft". Damit war Wilhelm Ganzhorn zum Jurastudium in Tübingen zugelassen.

 

Erste Gedichte:

Schon während der Schulzeit versuchte er sich mit eigenen Gedichten. Er schrieb 200 kleinere und größere Werke. Schon als 15-jähriger schrieb er das Gedicht "Der vergnügte Landmann" und vom Mai bis Juli 1836 die beiden Gedichte "Des Dichters Freiheit" und "Des Geistes Freiheit".  Später folgten "Die Rose" und "Die Flucht" und gefühlvoll romantische und erotische Gedichte, in denen junge Mädchen vorkamen.

Nach der Maturaprüfung leistete er ein halbes Jahr Dienst in der Schreibstube des Amtsnotars Joseph Friedrich Fink in Sindelfingen. Das Zeugnis von 1837 lautete auf "willig, treu und fleißig".

 

Jurastudium in Tübingen (1837 - 40)

Sein Vater gab ihm zum Studium ein Fässchen Wein mit und versprach ihm, er könne es bei Bedarf jederzeit auffüllen lassen. Man darf sich Wilhelm also als Bohemien vorstellen mit Freunden, Feiern, Gesang, Pfeife und auch Mädchen. Burschenschaften waren zu dieser Zeit verboten gewesen. 

Eines Tages wurde er zum Universitätsamt gerufen und ihm mitgeteilt, dass gegen ihn eine Klage über eine angebliche Vaterschaft eines Kindes mit der 24-jährigen Friederike Maier, der Tochter eines Tübinger "Gog" vorliege. Wilhelm bestritt dies energisch. Das Mädchen widerrief später ihre Behauptung, dass er mit ihr Umgang gehabt habe. Sie sagte, sie habe aber nur deshalb widerrufen, weil sie von ihm und seinem Rechtskonsulenten Wetzel bedrängt worden sei und 75 Gulden erhalten habe. Eigentlich seien 80 Gulden in zwei Raten ausgemacht gewesen, aber wegen sofortiger Bezahlung sei sie mit 75 zufrieden gewesen. Für das Universitätsamt war es denkbar gewesen, dass das Mädchen einen reichen Studenten als Vater angegeben hatte, um von ihm Geld zu erhalten. Wilhelm wurde schließlich von der Akademischen Disziplinar-Kommission vom Verdacht der Vaterschaft entbunden. Das Kind starb noch im ersten Lebensjahr und die Mutter starb mit nur 33 Jahren an „Schwindsucht“.

Die Beschuldigung und die Beunruhigung seiner Familie darüber gingen Wilhelm aber doch so nahe, dass er für das siebte und letzte Semester nach Heidelberg wechselte. Er erwähnte Friederike Maier in seinem späteren dichterischen Werk an keiner Stelle.

 

Student an der Universität Heidelberg (1840)

Dieses Semester weitete seinen Horizont erheblich. An der dortigen juristischen Fakultät traf er viele "Ausländer", z.B. auch Johann Goethe, einen Enkel des großen Dichters. Das Studium ließ ihm viel Zeit, sodass er im Juni eine Reise rheinabwärts unternehmen konnte.

In Unkel traf er zufällig Ferdinand Freiligrath, der sich dort niedergelassen und einige trinkfeste Männer um sich versammelt hatte. Er war als Dichter der Meeres- und Wüstenromantik und des Rheins bekannt. Die Verbindung war über Gustav Schwab, Freiligraths Verleger, entstanden. In Freiligraths Haus ging es ziemlich fröhlich zu. Die beiden unternahmen gemeinsame Wanderungen im Ahrtal. Dabei schrieb Wilhelm Ganzhorn 34 Gedichte, die er Freiligrath widmete. Sie sammelten "Volkslieder aus dem Westerwald" und gaben sie gemeinsam heraus. In ihren Briefen nannten sie sich gegenseitig "Dietwaldus".

Im Herbst 1840 kam Freiligrath in Wilhelm Ganzhorns schwäbische Heimat, um mit seinen Verlegern Cotta und Krabbe über neue Verträge zu sprechen. Dabei traf er auch mit Justinus Kerner in Weinsberg und mit Ludwig Uhland in Stuttgart zusammen.


Juristische Prüfungen

Nach dem Heidelberger Semester kehrte Wilhelm Ganzhorn wieder nach Sindelfingen zurück, um sich auf die Prüfung vorzubereiten. Er wohnte in dieser Zeit aber nicht zuhause sondern den ganzen Winter über im Pfarrhaus, das gerade leer stand.

Im Juni 1841 bestand er die Erste juristische Staatsprüfung in Tübingen mit der Note "3. Classe, 1. Abteilung", also im vorderen Mittelfeld. Ab Juli 1841 wurde er Justizreferendar in Esslingen. Danach kam er ans Königliche Kriminalamt und dann ans Königliche Stadtgericht in Stuttgart. Die Zweite Höhere Dienstprüfung bestand er im November 1842 mit der Note "2. Classe, 2. Unterabteilung" und hatte damit die Befähigung zum Richteramt erlangt. 

 

Tätigkeiten als Richter

Backnang (1843-44)

Im Januar 1843 trat er den Dienst als Assistent beim Oberamtsgericht Backnang an.

Er wohnte beim Bäcker Boulanger, und es gefiel ihm dort gut. Darüber schreibt er, er lebe dort "in aller Fidelität!“.

Sein Vater war 1841 verstorben, und sein Erbe verwaltete der Böblinger Stadtschultheiß Albert Fink. Zu ihm hatte Wilhelm ein sehr gutes Verhältnis. Er nannte ihn in Briefen "Lieber oder theuerster Pflegevater", wenn die gerichtlichen Tagegelder verspätet eintrafen und er von ihm einen Vorschuss für Miete, Kleidung und Verpflegung brauchte. Da erbat er sich auch Geld für seine Reise nach Neapel und Zürich und für 3-4 Eimer Wein aus Rheinbayern (Pfalz). Im Sommer 1844 unternahm er zusammen mit dem Kriminalamtsaktuar Reichardt eine Reise nach Belgien und danach eine größere Reise nach Italien, die bis Capri und an den Vesuv führte.

Neuenbürg (1844-54)

Durch Dekret wurde er Ende August 1844 zum Gerichtsaktuar in Neuenbürg ernannt. Jedem Oberamtsrichter wurde damals ein Gehilfe beigegeben, der auch sein Vertreter war. So wurde Wilhelm Ganzhorn zweiter Richter am dortigen Oberamtsgericht und bezog eine regelmäßige Besoldung von jährlich 500 Gulden, zuzüglich 200 Gulden Alterszulage und freie Wohnung im Wert von 40 Gulden. Für amtliche Reisen erhielt er 4 Gulden.      

Neuenbürg war für ihn ziemlich langweilig, aber es ging leger zu, sodass er auch mal "einen oder zwei Mittage schwänzen" konnte. In dem kleinen Städtchen von 1800 Einwohnern gehörte er zu den Honoratioren. Er hatte bald gute Verbindungen zu vielen Leuten in gehobenen Positionen und gehörte den lokalen illustren Gesellschaften an. Seine Gedichte über bekannte Persönlichkeiten und bei Festlichkeiten brachten im zahlreiche Freunde und gute Verbindungen. Als Richter war er vor allem in Strafsachen tätig. Er war dabei sehr human und auch sonst in Stadt und Umgebung sehr beliebt. Mit seinem "Lord-Oberrichter" stand er auf gutem Fuß.

 

Politische Betätigung

Schon 1843 begannen seine politischen Tätigkeiten. Im monarchistisch konservativen Württemberg vertrat er „liberale“ Positionen und kannte wohl auch Friedrich Hecker und Gustav Struve, die in Baden zum Kreis der Vormärz Aktiven gehörten. 1848 machte sich die französische Revolution auch in Württemberg bemerkbar. Die außerparlamentarische Auflehnung mit Versammlungen und Aufrufen bewirkte, dass König Wilhelm I. Zugeständnisse machen musste, die Aufhebung der Zensur veranlasste und liberale Gesetzesänderungen durchführte, obwohl er ein klarer Vertreter der Monarchie war. Ganzhorn war dagegen ein Verfechter einer konstitutionellen Monarchie und einer späteren Republik.

Als 1848 eine verfassungsgebende Nationalversammlung beschlossen wurde, setzte sich Ganzhorn im Wahlkampf in den Bezirken Wildbad und Neuenbürg intensiv für den badischen Bewerber Karl Mathy ein. Dieser wurde dann auch gewählt. Im ganzen Reich wurden vaterländische Vereine gebildet, und Wilhelm Ganzhorn wurde im Bezirk Neuenbürg ihr Schriftführer.

Dann bekamen jedoch die konservativen Kräfte wieder Auftrieb. Ganzhorn gehörte ganz sicher zu den gemäßigten der „liberalen“ Kräften, die jede Gewalt ablehnten. Aber der Neuenbürger Oberamtmann Bauer berichtete der Kreisregierung über Ganzhorn, dass er „republikanisch“ gesinnt sei, mit der äußersten Linken sympathisiert habe und mit Hecker und Struve persönlich bekannt sei. Damit brachte er ihn als Staatsdiener in den Geruch des Hochverrats und schadete ihm so nachhaltig.

 

Bewerbung als Stadtschultheiß in Sindelfingen 1850

Wilhelm Ganzhorn hatte immer noch Kontakte nach Sindelfingen. Als der Stadtschultheiß Conz starb, interessierte er sich für diese Stelle. Bei der Wahl standen sich konservative und liberal-demokratische Gruppen feindlich gegenüber. Die Demokraten unterstützen Wilhelm Ganzhorn, während die Konservativen Gottlieb Frank aus Böblingen unterstützten. Von deren Seite kam es zu einer Eingabe beim König, er möge Ganzhorn die Ernennung versagen, weil er "ein Republikaner von reinstem Schrot und Korn" sei. In Neuenbürg wurde eine Information über seine politische Haltung eingeholt, und die beschrieb besagter Oberamtmann Heinrich Bauer als „republikanisch und der gegenwärtigen Staats-Regierung nicht freundlich zugethan". Zudem gab es weitere Eingaben an den König und an den Innenminister gegen Ganzhorn.

Ganzhorn verzichtete in dieser erkennbar aussichtslosen Lage daraufhin auf die Ernennung und gab an den Justizminister eine Erklärung ab. Sie ist nicht erhalten, aber aus der Antwort ergibt sich, dass er eine Treueerklärung zur bestehenden Monarchie abgegeben hatte und darin versicherte, dass er den Richterberuf und die Stellung als Staatsdiener begriffen habe. Diese Änderung der politischen Haltung war Ausdruck seines Realitätssinns. Für seine weitere Karriere bestanden danach keine Hemmnisse mehr.

 

"Im schönsten Wiesengrunde"

Mit diesem Lied erwarb er sich unsterblichen Ruhm. Er vollendete es 1851. Das Lied ist eine einzige Apotheose an die Heimat und an die Natur. Der Titel hieß zuerst "Das stille Tal“ und erhielt erst 1876 den Titel "Im schönsten Wiesengrunde". Die Vertonung stammt von einer Volksliedmelodie, die mit dem Text "Drei Lilien, drei Lilien, die pflanzt ich auf sein Grab" bekannt war. Dieses Volkslied soll um 1830 aus alten Liedfragmenten im Kreis Heidelberger Studenten entstanden sein. Friedrich Silcher verwandte um 1850 diese Melodie für den Liedtext von Wilhelm Ganzhorn.

Weil das Lied mit seinen 13 Strophen für ein Volkslied viel zu lang ist und auch nicht alle Strophen die gleiche Qualität haben trotz der schönen Naturbilder, werden heutzutage nur drei oder fünf Strophen gesungen, entweder die Strophen 1, 12 und 13 oder die Strophen 1,3,5,12 und 13. Am populärsten ist sicherlich die letzte Strophe. Sie wird meist mit dem Titel "Dir, mein stilles Tal" überschrieben.

Sterb ich, in Tales Grunde,                        will ich begraben sein,
singt mir zur letzten Stunde                      beim Abendschein:
"Dir, o stilles Tal,      ´                                  Gruß zum letzten Mal!"
Singt mir zur letzten Stunde                      beim Abendschein.

Das Lied wurde rasch in ganz Württemberg bekannt. Ganzhorn übergab es dem Wildbader Stadtvikar Friedrich Krauß, und der veröffentlichte es in einer "Liedersammlung für die Schule". Es erschien bald in Schweizer Liederbüchern, dann im ganzen deutschen Sprachraum bis nach Ungarn, Bessarabien, Siebenbürgen und bei Deutschen in Russland und sogar in den USA. Es gehört heute zum "klassischen deutschen Volksliedschatz" von Laienchören und Gesangvereinen. Selbst im Heimatfilm "Du mein stilles Tal" mit Curd Jürgens und Winnie Markus ist es 1956 gesungen worden.   

Welches Tal ist gemeint?

Auf diese immer wieder gestellte Frage wird es wohl keine eindeutige Antwort geben.

Ganzhorn soll dem Vorstandsmitglied des Schwäbischen und Deutschen Sängerbundes gesagt haben, er habe das Lied Ende 1851 in Neuenbürg niedergeschrieben. Es sei ihm aber schon in den Sommerferien dieses Jahres in Sindelfingen bei einem Gang durch das in der Nähe befindliche Tal fertig auf die Seele und in den Mund gelegt worden. Das könnte das Sommerhofental, aber eher das Würmtal bei Döffingen gewesen sein, wo er seinen Großvater in der Stegmühle oft besuchte.

Eine andere Quelle besagt, dass er den Text beim Anblick des Wiesentals hinter dem Gasthof Rössle in Conweiler gedichtet habe. Seine Kinder meinten, dass er wohl einfach in einem glücklichen Augenblick durch ein schönes Stück Heimat dazu angeregt wurde. Er habe sich dahingehend geäußert, dass jeder das Lied zu Lob und Preis seines heimatlichen Tals singen solle. - ein wahrlich salomonischer Satz.

"Im schönsten Wiesengrunde" wurde der Name des 1908 an der Sindelfinger Allee erbauten Gasthauses. Es steht heute noch dort, ist aber längst kein Gasthaus mehr, und der Zahn der Zeit nagt sehr an ihm. Ein weiteres Gasthaus mit diesem Namen steht im Botnanger Tal direkt an der verkehrsreichen Straße nach Botnang.

 

Oberamtsrichter in Aalen (1854-1859)

1854 wurde Ganzhorn provisorisch zum Oberamtsrichter in Aalen ernannt. Seine früheren politischen Aktivitäten hatten also keine negativen Folgen für ihn. Er bezog dort die 7-Zimmer Dienstwohnung.

 

Heirat mit Luise Alber 1855

Da jetzt sein Gehalt jetzt auskömmlich war, dachte er ans Heiraten. Er war bereits eng verbunden mit Luise Alber, der Tochter von Friedrich und Friederike Alber, Besitzer des Gasthauses „Rössle“ in Conweiler, heute ein Teilort von Straubenhardt. Er hatte Luise vermutlich bei einer Einkehr nach einer Wanderung kennengelernt. Es ist aber auch möglich, dass der Rechtskonsulent Dr. Lutz sie aufeinander aufmerksam gemacht hat. Dieser war ein Verwandter von Luise Alber, und mit ihm hatte Ganzhorn während der Revolutionszeit eng zusammen gearbeitet.

Für Wilhelms Eltern war die Heirat eine große Freude, da er jetzt schon 36 Jahre alt war. Luises Eltern waren dagegen von der Liaison ihrer eben 17-jährigen Tochter nicht begeistert, vielleicht auch, weil sie von seinen Erfahrungen mit anderen Mädchen gehört hatten. Zwar hatte er jetzt eine sichere und ehrenvolle Position, aber er hatte wenig Vermögen und hatte auch keine Erbschaft zu erwarten. Luise dagegen schon. Ihre Eltern versuchten, die Entscheidung hinauszögern, aber Wilhelm und Luise hatten sich vermutlich schon bei seinem Weggang aus Neuenbürg einander fest versprochen. Ganzhorn soll den Eltern Alber auch damit gedroht haben, dass er sich dann eben eine andere Frau suchen würde.          

Die Hochzeit wurde im Januar 1855 in der Feldrennacher Kirche gefeiert, da Conweiler ihr Pfarrfilial war. Eine Tafel bei der Kirchentüre erinnert daran. Es gibt ein sehr ausführliches "Beibringens-Inventar" der beiden. Wilhelm Ganzhorn brachte nur wenige Güter und nur 300 Gulden an Barem mit. Dazu kamen 4760 Gulden, die er in Form von Darlehen an andere Personen ausgeliehen hatte. Die Braut brachte dagegen 7000 Gulden mit, dazu Möbel, Schmuck, Kleider und eine sehr umfangreiche bürgerliche Aussteuer. Der Bräutigam hatte also eine sehr gute Partie gemacht. Sein Gehalt betrug jetzt 1000 Gulden im Jahr und stieg dann auf 1400 Gulden. Dazu hatte er eine freie Wohnung und gewisse Nebenbezüge.

Für seine weitere berufliche Karriere baute er sich gute Beziehungen auf. Er lernte in Aalen den Bauinspektor und späteren Baudirektor Georg von Morlok kennen. Dieser erbaute das neue Walzwerk in Wasseralfingen, die Bahnlinie von Cannstatt nach Wasseralfingen, und er baute Etzels alten Stuttgarter Bahnhof an der Schlossstraße um. Außerdem war er Landtagsabgeordneter mit sehr guten Beziehungen, wovon Ganzhorn sich Vorteile versprach.

Ganzhorn war zu dieser Zeit in die 3. Gehaltsklasse eingereiht. Als in Neckarsulm die Oberamtsrichterstelle mit der 2. Gehaltsklasse mit 200 Gulden mehr frei wurde, bewarb er sich und wurde im Dezember 1859 mit königlicher Entschließung dorthin versetzt. 

 

Oberamtsrichter in Neckarsulm (1859-1878)

Neckarsulm war zu dieser Zeit von Feld-, Wein- und Obstbau geprägt sowie von der Viehzucht. Er bezog eine 7-Zimmer Wohnung mit 213 qm plus Kammern im Dachgeschoss in einem Haus, das erst vor kurzem im großen Garten des alten Kapuzinerklosters erbaut worden war. An Freiligrath schrieb er im April 1860: "Meine Wohnung ist eine wahre Villa, mit Aussicht auf Heilbronn, den Neckar und ins Weinsberger Tal; am Haus ein Morgen Garten und Weinberg, wo ich mir einen trefflichen Trunk selbst pflanze."  Er lagerte im tiefen Keller seinen berühmten „Cometenwein“. Dieser Wein des Jahrgangs 1811, in dem der berühmte „Große Komet“ auftauchte und mit bloßem Auge sichtbar war, war wohl ein besonderer Jahrgang.

Hier in Neckarsulm fühlte sich die Familie Ganzhorn wie im Himmel. Die Taufen seiner beiden Söhne Hermann und Wilhelm gestaltete Wilhelm Ganzhorn ganz besonders. Ferdinand Freiligrath, Oberbaurat Morlok und Friedrich Wilhelm Hackländer waren die Taufpaten und die Tauffeste gerieten zu wahren Dichterwettbewerben zwischen Freiligrath, Scheffel und Ganzhorn.

 

Weinfreund und großer Gastgeber

Wilhelm Ganzhorn war ein überaus fröhlicher und großzügiger Gastgeber. Im Garten unter einer großen hundertjährigen Kastanie scharte er seine Freunde immer wieder gerne um sich und feierte mit ihnen große Feste mit ausgiebigen Weinproben schon am frühen Morgen. "Die Wogen der Laune und schlagfertigen Spaßlust gingen oft ziemlich hoch", schrieb der Ludwigsburger Regierungspräsident v. Häberlen später. Zu seinem Freundeskreis gehörten viele Dichter aus dem Schwäbischen und anderswo und auch der ziemliche schillernde F.W. Hackländer aus Stuttgart, der sehr gute Verbindungen zu König Karl von Württemberg hatte.

Ganzhorn war ein schlagfertiger, humorvoller Unterhalter, und der Wein beflügelte sein Lebensgefühl. Ohne den Wein wären seine zahlreichen Gedichte wohl nie erschienen.

Er war Mitglied der "Gesellschaft für die Weinverbesserung". Sie nannte sich später "Württembergischer Weinbauverein" und war Vorläufer des heutigen "Württembergischen Weinbauverbands". Durch seine Beziehungen konnte Ganzhorn günstig Wein erwerben und vermittelte ihn auch an seine Freunde. Mancher erhielt von ihm kostenlos ein Fässchen zur Probe.   

 

Historischer Verein für das württembergische Franken

1860 trat Wilhelm Ganzhorn dem "Historischen Verein für das württembergische Franken" bei. Er wurde bald Ausschussmitglied und war auch deren Anwalt. Durch sein kontaktstarkes Wesen konnte er aus dem Kreis der Honoratioren der Stadt zahlreiche Mitglieder gewinnen und wurde auch dadurch bald weithin bekannt.

In Kochendorf, Ödheim und Gundelsheim wurden Grabhügel geöffnet und im Hardthäuser Wald römische Mauerreste gefunden. Die Ergebnisse dieser Ausgrabungen wurden in der Vereinszeitschrift mitgeteilt. Auch im Sindelfinger Gewand Fuchsberg wurden von ihm Nachgrabungen an einem Grabhügel durchgeführt und darin eine große Brandplatte mit Kohle und Asche sowie rohen Gefäßscherben gefunden. Die Grabungen erfüllten natürlich nicht die Anforderungen unserer Zeit, aber das taten damals auch die der anderen Forscher nicht. Er hat sich mit seinen Untersuchungen und Veröffentlichungen besondere Verdienste um die Erforschung der steinzeitlichen, keltischen, römischen und alemannischen Altertümer in der Gegend von Neckarsulm sowie an Kocher und Jagst erworben. Hinzu kommen die von ihm verfassten geschichtlichen Darstellungen, die auch in der Oberamtsbeschreibung gewürdigt wurden. Einen Teil der Funde befinden sich in der "Ganzhorn'schen Sammlung", die zuerst ins Schloss nach Künzelsau kam und dann nach Schwäbisch Hall.

 

Historischer Verein in Heilbronn

Ganzhorn war auch an der Gründung des "Historischen Vereins in Heilbronn" beteiligt. In einem Beitrag zur Kunde der Vorzeit berichtete er über örtliche Sagen, wie das "Lennacher Hirtenmännle", den "Häldengeist von Cleversulzbach" und vom "Löffelstein", der im Zusammenhang mit Grenzsteinen falsche Eide schwur. Der Löffelstein steht als Grenzstein noch heute am Waldrand bei Cleversulzbach. Ganzhorn hat mit seinem Gedicht "Die Gründung von Neuenstadt an der großen Linde" auf die Bedeutung der uralten Helmbundkirche zwischen Cleversulzbach und Neuenstadt hingewiesen und erfolgreich den Abbruch der Ruine verhindert. Es ist unglaublich, wieviel Energie Ganzhorn hatte und in allerlei Initiativen investierte.   

Höhepunkt seiner Neckarsulmer Zeit war der Besuch des preußischen Kronprinzen und späteren Kaisers Friedrich III. in Neckarsulm 1874 anlässlich eines Herbstmanövers in Heilbronn. Er ließ ausrichten, dass er am Bahnhof gerne den Oberamtsrichter Ganzhorn treffen wolle. Der ließ in Windeseile Ehrenjungfrauen einkleiden und stellte sich mit einem Pokal voller Wein an den Bahnsteig. Der Kronprinz soll den Pokal zweimal geleert haben, was auf diesem danach eingraviert wurde.

 

Oberamtsrichter in Cannstatt (1878-1888)

Auch als Jurist wurden Ganzhorn besondere Fähigkeiten und untadeliges Benehmen attestiert. Er hatte seine Pflichten als Gerichtsvorstand immer voll erfüllt und wurde als volksnaher, gerechter, menschenfreundlicher und beliebter Richter beschrieben. Er wurde 1863 Mitglied des Deutschen Juristentags und erhielt 1875 das Ritterkreuz 1. Klasse des Friedrichsordens.

Um 1870 wollte er in die Nähe von Stuttgart wechseln. Eine Bewerbung ans Oberamtsgericht in Esslingen misslang trotz Unterstützung durch seinen Freund Morlock. Ministerpräsident Mittnacht räumte damals einem älteren Amtskollegen den Vorrang ein. Dafür rückte Ganzhorn in die höchste Besoldungsklasse 1 auf.

1878 bewarb er sich um die freigewordene Stelle als Oberamtsrichter in Cannstatt mit der Begründung, dass seine Kinder hier die höheren Lehranstalten besuchen könnten. Er wollte damit näher bei seinen zahlreichen Freunden und Bekannten sein, und vermutlich wollte er im Hinblick auf seine zukünftige berufliche Karriere näher an der Staatsregierung sein. Das Justizministerium berichtet dem König Karl, Ganzhorn halte sein Neckarsulmer Amt in mustergültiger Ordnung und sei auch ein wohlwollender Richter. Man wolle ihn deshalb dort nicht verlieren. Trotzdem wurde er mit einer Verfügung nach Cannstatt versetzt. Der Abschied in Neckarsulm wurde ausgiebig gefeiert mit großen Diners in Rappenau, Neckarsulm und Neuenstadt.

In Cannstatt wurde er in einem Extrablatt der Cannstatter Zeitung und mit einem großen Festessen mit 200 Leuten im Hotel Bellevue gegenüber dem Bahnhof herzlich empfangen. Die Familie zog in ihre neue Wohnung in der Wilhelmstr. 10. Wilhelm Ganzhorn war vorher schonmal zur Inaugenscheinnahme dort gewesen. Als der dortige Gerichtsdiener ihm nach dem Weinkeller auch die Wohnräume zeigen wollte, antwortete Ganzhorn, diese würden "bei dem schönen Keller schon recht sein". Der Keller war dann doch zu klein, und er pachtete noch einen weiteren Keller dazu, ehe seine vielen Weinfässer hier ankamen.    

Von Cannstatt zog es Ganzhorn oft in die Landeshauptstadt. Er erfreute sich am vielfältigen kulturellen Angebot und besuchte häufig Museen, Theater- und Konzertaufführungen und wissenschaftliche Vorträge. Er wurde Mitglied des Anthropologischen Vereins und des Württembergischen Altertumsvereins, interessierte sich für Ausgrabungen und schrieb schaurige Gedichte darüber. Auch im literarischen Vortragsclub "Apostelkranz" in Cannstatt wurde er Mitglied.

 

Ein Freund des Reisens

Schon ab 1850 begab sich Wilhelm Ganzhorn jedes Jahr auf eine längere Reise. Auch nach seiner Verheiratung reiste er stets alleine. Seine Frau blieb solange mit ihren Kindern zuhause oder bei ihren Eltern in Conweiler.

Seine Reisen führten ihn zur Weltausstellung nach London und auf der Heimreise nach Paris. Dann reiste er in die Schweiz, nach Südfrankreich und Spanien, nach Ungarn und Italien, Schweden und Dänemark. Aber auch Potsdam und Berlin, Stettin und Leipzig waren Ziele, in denen er viele Museen besuchte.

Er hatte eine vorzügliche Konstitution und war ein sehr guter Schwimmer, sodass er auch einmal den schnell fließenden Rhein durchschwimmen konnte. Und er war auch ein ausdauernder Wanderer. Im Alter sah er an sich "eine anständige Beleibtheit", die sicherlich auch vom fröhlichen Feiern kam.

 

Sein Tod

Ende Juli 1880 war er von einer langen Reise nach Venedig, Kärnten und Graz über Salzburg wieder nach Hause zurückgekehrt. Er hatte eine "Aise" (Furunkel) bekommen, die sich entzündet hatte. Es brach nach innen durch und führte zu einer damals unheilbaren Lungenentzündung. Er schrieb noch seiner Frau und den Kindern nach Conweiler, dass sie rasch zu ihm nach Hause kommen sollten. Am 9. September 1880 starb er zuhause.

Sein plötzlicher Tod erregte überall große Trauer. Ein langer Trauerzug führte vom Oberamtsgerichtsgebäude zur Beerdigung auf dem Uffkirchhof. Sein Grabmal ziert ein Medaillon mit seinem Portrait. An der gegenüber liegenden Friedhofseite liegt das Grab seines Freundes Ferdinand Freiligrath.

 

Ganzhorn Medaillon
Bild: Stadtarchiv Sindelfingen

Andenken an Wilhelm Ganzhorn

Sein Andenken wird in Böblingen, Sindelfingen und in Conweiler und an seinen Wirkungsorten in Aalen, Neckarsulm und Cannstatt hoch in Ehren gehalten.

Sein Urenkel, Dr. Jürg Arnold veröffentlichte 2004 seine Biographie, und der Schwarzwaldverein Sindelfingen hat ihm im Stadtgeschichtlichen Weg Sindelfingen eine Station am Ort des Elternhauses gewidmet. 

 

Vor seinem Elternhaus in Sindelfingen war bis zu seinem Abbruch eine Tafel des Schwarzwaldvereins Sindelfingen angebracht gewesen. Ein Städtischer Wanderweg vom unteren Krankenhausparkplatz bis ins Wohngebiet Schleicher trägt seinen Namen, und das Stadtarchiv Sindelfingen bewahrt die Erinnerung an ihn auf.

In Neuenbürg ist das Gymnasium nach ihm benannt. In Straubenhardt-Conweiler steht ein Wilhelm-Ganzhorn Brunnen und an der Feldrennacher Kirche hängt eine Tafel anlässlich seiner Hochzeit mit Luise Alber. Im Internet findet man zahlreiche Links zu ihm und die Texte seiner vielen Lieder und Gedichte.

Seine beste und langlebigste Erinnerung ist aber sein vielgesungenes Lied "Im schönsten Wiesengrunde".

 

Luise Alber

Sie tritt gegenüber ihrem berühmten Ehemann in den Hintergrund und soll deshalb hier näher vorgestellt werden.

Ihre Eltern waren die reichsten Bürger von Conweiler. Sie betrieben das Gasthaus "Rössle", das heute noch besteht, allerdings mehrfach umgebaut wurde.

Luise war sehr hübsch und finanziell eine sehr gute Partie. Sie gebar in ihrer Ehe 10 Kinder, aber vier Kinder starben schon im Säuglingsalter, davon 3 Buben.

Neun Monate nach ihrer Hochzeit kam ihr erstes Kind Luise Marie auf die Welt. Ab da war sie viele Jahre mit dem Austragen und Erziehen ihrer Kinder beschäftigt. Sie wird als eine treue und sanftmütige Frau beschrieben, die in der Familie und im Haushalt aufging und während seinen häufigen und langen Reisen zuhause oder bei ihren Eltern in Conweiler blieb. Für seine großzügige Gastfreundschaft dürfte sein hohes Gehalt kaum ausgereicht und sie bekümmert haben. Wahrscheinlich hatte er jedoch neben seinem Richtergehalt noch private Nebeneinnahmen aus dem Aushandeln von Verträgen.

Nach seinem Tod musste Luise Ganzhorn die Richterwohnung in Cannstatt räumen. Sie blieb aber in Cannstatt und wohnte dort in den kommenden Jahrzehnten in verschiedenen Wohnungen. Sie lebte mit ihrer ältesten Tochter Luise sehr zurückgezogen in einem gemeinsamen Haushalt. Mit ihren Töchtern verbrachte sie die Sommerfrische gerne im Unteren Bad in Liebenzell. Sie besaß eine gute Gesundheit und litt bis zu ihrem Tod an keiner schweren Krankheit. Nach über 28-jähriger Witwenzeit starb sie 1909 in Cannstatt und wurde im Grab ihres Ehemannes beigesetzt.

 

Die Kinder von Wilhelm und Luise Ganzhorn

Luise Marie, * 1855 in Aalen, + 1910 in Cannstatt

Wilhelm Karl Gustav, * 1857 in Aalen, + 1857 in Conweiler

Marie Emilie Friederike,  * 1858 in Aalen,  + 1928 in Ötz, Tirol; sie war Vorsteherin diverser Kinderkrippen und Trägerin des Olga-Ordens

Wilhelm Karl Friedrich, * 1860 in Neckarsulm,  + 1861 in Neckarsulm

Emma Jakobine Margarethe,  * 1862 in Neckarsulm,  + 1941 in Stuttgart

Bertha Sophie,  * 1863 in Neckarsulm,  + 1864 in Neckarsulm

Anna Frida Clara,  * 1865 in Neckarsulm,  + 1945 in Rottenburg

Erwin Reinhard,  * 1867 in Neckarsulm,  + 1867 in Neckarsulm

Hermann Eugen Ferdinand,  * 1868 in Neckarsulm, + 1944 in Hohenhaslach. Er war Pächter diverser Güter, z.B. der Domäne Rechentshofen bei Hohenhaslach und des Guts Weitenburg bei Rottenburg.

Dr. jur. Friedrich Wilhelm,  * 1871 in Neckarsulm,  + 1960 in Stuttgart, Senatspräsident am Oberlandesgericht Stuttgart.

 

Literaturhinweise:

"Im schönsten Wiesengrunde" - Wilhelm Ganzhorn Dichter des Liedes Im schönsten Wiesengrunde und seine Frau Luise, geb. Alber“.
Autor: Dr. Jürg Arnold, Urenkel von Wilhelm Ganzhorn. Das Buch erschien 2004 im Gulde – Druck GmbH Tübingen, Ostfildern. Es hat 388 Seiten und ist zu beziehen z.B. im Sindelfinger Stadtmuseum und Stadtarchiv oder von Antiquariaten.

Der Schwarzwaldverein Sindelfingen e.V. hat Wilhelm Ganzhorn im „Stadtgeschichtlichen Weg“ in seiner Homepage www.swv-sindelfingen.de eine Station gewidmet.

Begleitbuch zur Ausstellung "Facetten einer Stadt" anlässlich des 750-jährigen Jubiläums der Stadtgründung von Sindelfingen, Stadtmuseum Sindelfingen, 2013.

Auch im Internet gibt es zahlreiche Quellen über Wilhelm Ganzhorn.

 

 

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Josef Wohlschlager  (1924 – 2013)

 

Josef Wohlschlager
Bild: F.Stampe

Er wurde der „grüne Vater der Stadt Sindelfingen“ genannt. Von 1956 bis 1989 war er Leiter des Gartenamts. Er starb 2013 im Alter von 89 Jahren. Sein Name und seine Werke bleiben unvergessen.

 

Werdegang

Josef Wohlschlager wurde im oberbayrischen Speckbach am Chiemsee geboren. Er absolvierte seine erste Lehre bei der Post, war im Zweiten Weltkrieg Flugzeugführer und betrieb nach 1945 eine Holzdrechslerei. 1947 sattelte er auf die Gärtnerei um. Er studierte an der Lehr- und Forschungsanstalt für Gartenbau in Weihenstephan, lernte dort Adolf Haag kennen und arbeitet nach 1953 im Stuttgarter Büro des Gartenplaners zum ersten Mal auch an Projekten für Sindelfingen wie der Anlage des Klostergartens.

Der damalige Oberbürgermeister Arthur Gruber holte Josef Wohlschlager 1956 nach Sindelfingen und übertrug ihm die Leitung des neu geschaffenen Gartenamtes. 1957 heiratete Josef Wohlschlager Hanneliese Buttschardt, eine Blumenbindemeisterin aus Biberach und legte 1960 seine Diplomarbeit zum Thema „Park am Gansackerweg“ (heute Dronfieldpark – der Autor) vor.

Er ließ Alleen von Bäumen entlang den Straßen an den Stadteingängen pflanzen: z.B.  Wildkirschen, die im Frühjahr herrlich weiß blühen und im Herbst eine wunderbare Laubfärbung zeigen, er gestaltete den Park an der Stadthalle und schuf die Anlage an der Stelle der ehemaligen Seemühle am Klostersee. Wenn die zahlreichen japanischen Kirschbäume im Frühjahr blühen, sind sie eine große Attraktion in unserer Stadt und werden bei Hochzeitsphotos besonders gerne als Hintergrund genutzt. Behutsam hat er auch den Alten Friedhof im Herzen von Sindelfingen zu einem Ort der Besinnung umgestaltet. Damit gewann Sindelfingen den Ruf einer grünen Stadt.

 

Gegensätze: Der Serenadenhof und der Berliner Platz

„Ein Garten braucht starke und feste Formen“ und „der Gestalter des öffentlichen Grüns kann beileibe nicht tun und lassen, was ihm gerade einfällt, oder auch nicht einfällt. Parkanlagen sind ja nicht nur zum Selbstzweck da, sondern sie haben Aufgaben. Die Schwerpunkte müssen gut verteilt sein und für jede Lage muss eine charakteristische Lösung gesucht werden!“

Das Paradebeispiel dafür ist seine erste Arbeit in Sindelfingen. Auf dem Herrenwäldlesberg hat er die Parkanlage Stück für Stück gestaltet. Mit Hammer und Meißel haben die Leute vom Gartenamt eine Mauer nach der anderen gesetzt, sobald die Stadt wieder ein Grundstück erworben hatte. Adolf Haag, sein Lehrmeister, der in der Nachkriegszeit zu den bedeutendsten Gartenplanern gehörte, stand Pate. Aus Stuttgart holte Josef Wohlschlager Statuen, die einst auf den Gesimsen des im Krieg zerstörten Neuen Schlosses gestanden hatten, und ließ sie auf dem Herrenwäldlesberg aufstellen. Die Statue des Flussgottes Rems wurde später der Gemeinde Remseck geschenkt. Die übrigen Statuen wurden seitdem von Vandalen bis zur Unkenntlichkeit zerstört.

Wie Josef Wohlschlager seine Maxime umgesetzt hat, wird an zwei Beispielen deutlich. Praktisch zugleich entwickelte das Gartenamt die Konzepte für den Serenadenhof hinter dem Alten Rathaus und für den Berliner Platz auf dem Goldberg, der 2004 sein 50-jähriges Jubiläum feiert. Die Unterschiede könnten kaum größer sein. In der Altstadt hinter dem historischen Rathaus ein lauschiges Plätzchen mit geschwungenen Linien und einem Brunnentrog, den Josef Wohlschlager in Herrenberg gefunden und selbst gekauft hat. „Der Stein ist sicherlich 400 Jahre alt, der Entwurf von Heinrich Schickhardt“. Den Trog hat er zunächst als Leihgabe der Stadt überlassen, bis das Rathaus ein Machtwort sprach und dem Gartenamtsleiter das Geld - damals 500 DM - überwies. Josef Wohlschlager, der im Garten eine ganze Sammlung von Kleindenkmalen wie Grenzsteine, eine Stein-Miste und sogar eine Abortgrube aus dem alten Wurmbergquartier besitzt, hat im Ruhestand das Rad zurück gedreht und der Stadt den Brunnentrog wieder abgekauft. Als Vorbild für diesen Platz in der Altstadt, der Kulisse für das Sommertheater geworden ist, hat Josef Wohlschlager japanische Gärten genommen.

Resolut in die Moderne ist der Gartenamtsleiter 1957 dagegen beim Entwurf für den Berliner Platz gegangen. Waschbeton, an Ort und Stelle gegossene Platten, ein Doppeltrog, Platanen als Blickfang und zwei Reihen von Pyramiden-Eiben. „Wir waren damals ganz süchtig nach allem, was modern war. … Es war damals keine Preisfrage,  weil Natursteine damals noch erschwinglich waren, die Brüche in Ehningen und Magstadt noch produzierten. Aber zum neuen Stadtteil passen die aufgelösten Strukturen mit versetzten Flächen in modernem Material.“

 

Begrünte Dächer und der Aibachgrund in Darmsheim

Dicht an der Natur bleiben, Vorhandenes aufgreifen unterstützend hervorheben, davon ließ er sich leiten bei seinen Planungen. Aber ganz abhold war er auch dem Experiment nicht, doch auch dabei war die Pflanzensoziologie sein Wegweiser. Früh schon hat er die Idee der begrünten Dächer umgesetzt: „Damals gab es noch wenig Erkenntnisse und schon gar keine Literatur“.

Das Wort Ökologie mag für manchen noch ein unbekannter Begriff gewesen sein, als Josef Wohlschlager ganz selbstverständlich seinen Planungen ökologische Zusammenhänge zugrunde legte an die Tierwelt, an die geologischen und hydrologischen Beschaffenheiten. Dem künstlerisch geschulten Auge des Landschaftsentwicklers sind harmonische Farbkonzepte zu verdanken.

Besonders am Herzen lag ihm die Entstehung des Aibachgrunds in Darmsheim, jenem Ort, der ihm zur neuen Heimat geworden war. „Wir haben mit einem Bagger geschafft wie die Bildschnitzer“, sagte er zum 25. Geburtstag des Aibachgrunds über dessen Umwandlung vom Steinbruch zur Parklandschaft.

 

Auszeichnungen für sein Lebenswerk

Schon 1983 erhielt er den Hans-Bickel-Preis der Fachhochschule Weihenstephan und 1989 die Goldene Verdienstmedaille der Stadt Sindelfingen. Der Bund der Deutschen Landschaftsarchitekten zeichnete ihn 1993 für sein Lebenswerk aus, und 1996 bekam er für seine Staudenbeete die Foerster-Medaille.

 

Im Ruhestand

Josef Wohlschlager trat 1989 in den Ruhestand. Auch nach seiner Pensionierung war er in Fachkreisen aktiv, veröffentlichte das Buch „Unser Garten meisterlich bepflanzt“ und war regelmäßiger Autor in Zeitschriften wie „Gartenpraxis“.

Ehrenamtlich arbeitete er weiter für seinen Stadtteil Darmsheim, wo er sich auf der Hornsteige sein Heim geschaffen hatte. Von ihm stammte ein erster Entwurf für die Nordumfahrung. Er hat auch den Plan für die Außenanlagen des Darmsheimer Kindergartens und die Friedhofserweiterung am Aidlinger Weg geliefert.

Einen nostalgischen Blick auf die Vergangenheit hatte der damals 80-jährige dennoch: „Es ist schade, dass heute fast niemand mehr schöne Trockenmauern bauen kann.“ (Er dachte dabei vermutlich an die schönen Trockenmauern, die der Potsdamer Gartengestalter Hermann Mattern für die 3. Reichsgartenschau 1939 auf dem Stuttgarter Killesberg geschaffen hatte und die bis heute höchste Anerkennung finden (Anmerkung des Autors). 

Im Ruhestand hatte er sich auf der Liste der Freien Wähler für den Sindelfinger Gemeinderat, den Darmsheimer Ortschaftsrat und den Böblinger Kreistag engagiert. 1994 wurde er in allen drei Ämtern wiedergewählt, zog sich aber 1999 aus der aktiven Kommunalpolitik zurück.

 

Dieser Aufsatz geht auf zwei Artikel in der SZ/BZ zurück, die ihm Peter Bausch und Sibylle Schurr zu seinem 80, und 85. Geburtstag gewidmet hatten. Das Foto ist von Herrn F. Stampe.
Auszüge aus diesen Texten wurden zusammengefasst und geringfügig ergänzt von Dr. Alfred Hinderer, Heimatpfleger im Schwarzwaldverein Sindelfingen.

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Vom Marienplatz zum Lehenviertel in Stuttgart

 

Die Wandersenioren besuchten am 11. August 2016 dieses noch weitgehend erhaltene Stadtquartier mit seinen vielen architektonisch eindrucksvollen Häusern, schönen Straßenzügen und ruhigen Plätzen und danach den bedeutenden und sehr sehenswerten Friedhof. Unser Spaziergang begann am Marienplatz.

 

Der Marienplatz

ist der zentrale Platz und ein urbaner Szenetreff im Stuttgarter Süden. Rund um ihn finden sich heute schicke Restaurants, coole Bars und hervorragende (Eis-)Cafés. Die Zahnradbahn startet von hier ihre aussichtsreiche Auffahrt nach Degerloch, und auch der Stuttgarter Weinwanderweg hat hier seinen Anfangspunkt.

Der Marienplatz wurde 1876 angelegt und war das Bindeglied zwischen der modernen Residenzstadt und dem damals noch dörflichen Heslach. Er war benannt worden nach der Prinzessin Marie von Waldeck-Pyrmont ( * 1857 in Arolsen, 1882 in Ludwigsburg) anlässlich ihrer Verlobung mit dem Kronprinzen Wilhelm, dem späteren König Wilhelm II. In der NS Zeit wurde der Platz umgetauft zum „Platz der SA“.

Von ihm gehen sternförmig mehrere Straßen ab: die Böblinger Straße, die Möhringer Straße und die Böheimstraße nach Kaltentalund Vaihingen, die Tübinger Straße in die Innenstadt, die Filderstraße und in ihrer Verlängerung die Olgastraße in den Osten und die Hohenzollernstraße in den Stuttgarter Westen. Hier ist auch die Einfahrt zum Heslacher Tunnel.

Zwischen diesen Straßen liegt der hufeisenförmige Marienplatz. Bis zum Jahr 2002 präsentierte er sich als ein eintöniges und durch viele Büsche unübersichtliches (und unsicheres) Betonrondell mit einem Haltestellengebäude für die „Zacke„ und die Straßenbahnen. Danach wurde er ausgelichtet und mit Sitzbänken in einem Baumrund, einem Spielplatz, einem Eiscafe-Kiosk und mit Treppenstufen zum gemütlichen Sitzen aufgewertet. Eine große Freifläche gibt Raum für einen kleinen Markt oder für Feste im Freien. Heute ist der Marienplatz bei schönem Wetter von buntem Leben erfüllt.

Er ist noch immer von gründerzeitlichen Gebäuden eingefasst, wenn auch der Krieg große Lücken gerissen hat. Einst stand auf dem Platz der riesige Rundbau mit 3500 Plätzen. Er wurde von Hangleiter errichtet, und in ihm fanden große Maifeiern statt, hielten die Sozialdemokraten 1893 ihren Parteitag ab, und so mancher Zirkus machte hier Station. 1916 wurde der Bau abgerissen. Danach fanden die großen Veranstaltungen in der Stadthalle in der Neckarstraße statt. Sie wurde im Krieg völlig zerstört. Heute steht an ihrem Platz das SWR Haus.

Unter dem Platz ist noch ein großer Tiefbunker aus dem Weltkrieg vorhanden. Die Decken und Wände sind so widerstandsfähig, dass man bei der Neugestaltung um sie herumbauen und die U-Bahn ihn unterfahren musste. Er wird von Musikbands als Übungsraum genutzt.

Zwei große Gebäuden stehen am Platz, die den Krieg überlebt haben und danach wieder hergestellt wurden: der Kaiserbau der Architekten Bihl und Woltz von 1911und der Filderbau, ein Schiefer gedecktes Gebäude mit Mansarden im Stil der großen Pariser Palais.

Der stilvoll – schlichte Kaiserbau am östlichen Platzrand galt zu seiner Zeit als architektonisches und geschäftliches Aushängeschild mit einem noblen Café, riesigen herrschaftlichen Wohnungen und modernster Haustechnik mit elektrischen Aufzügen.

Der Bau wurde nicht etwa nach einem Kaiser benannt, der die Residenzstadt einst besuchte, sondern nach dem Fabrikanten Automaten-Kaiser. Um die Wende ins 20. Jahrhundert waren Automaten sehr beliebt. Es gab den Postplatz-Automaten am Rotebühlplatz, den Charlottenautomaten an der Charlottenstraße, den Residenzautomaten an der Schloßstraße, den Kaiserautomaten und den Königsautomaten. Aus den Automaten konnte man für einen Groschen belegte Brötchen oder Kuchenstücke ziehen oder Bier in Gläser zapfen. Besonders beliebt waren die gelegentlichen Fehler. Der Automat spendierte dann unermüdlich Brötchen, bis der Nachschub zur Neige ging. Und wenn der Bierautomat einmal spann, musste man flink das Glas leer trinken, um das unaufhörlich weiter strömende Bier nicht zu vergeuden. Der Beginn des 1. Weltkriegs bedeutete für die meisten Automaten das Ende, aber ein Automat stand noch im Jahr 1939 in der Unteren Königstraße 10b.

 

Die Zahnradbahn

 

Am östlichen Rand des Marienplatz hat die "Zacke" ihre Talstation für ihre 2 Km lange und bis zu 17 % steile Stecke die Alte Weinsteige nach Degerloch hinauf. Sie wurde 1883 durch Emil von Kessler, dem Direktor und Mitinhaber der Maschinenfabrik Esslingen in nur 3 Monaten mit Hilfe italienischer Arbeiter erbaut und überwand die Steigung "...mit einer Schnelligkeit, die dem Trabe eines Pferdes gleichkommt..." Erst wurde sie mit einer Dampflok und dann elektrisch betrieben. Die Zacke überquerte die Neue Weinsteige oberhalb des Haigst auf einer Stahlgitterbrücke, die den Namen "Türkenbrücke" trug. Er kommt davon, weil sie 1884 bei der Maschinenfabrik Esslingen für die Türkei bestellt aber nicht abgeholt wurde. So tat sie hier ihren Dienst, bis sie bei der Verbreiterung der Neuen Weinsteige ersetzt werden musste.

Oben auf der Höhe konnte man ab 1888 auf die Filderbahn umsteigen, die über Möhringen und die Filderhochfläche in Richtung Esslingen führte. Ihre einstige Trasse ist an vielen Stellen noch gut erkennbar. Die Filderbahn hatte am Bopser Anschluss an die Stuttgarter Straßenbahn. Mit ihr transportierten die Marktfrauen ihr Gemüse, Geflügel, Blumen und frische Eier von den Fildern hinunter in die Residenzstadt zum Wochenmarkt am Rathaus und in die Markthalle.

Als dann in unserer Zeit die U-Bahn vertunnelt und die Straßenbahntrasse von der aussichtsreichen Weinsteige weggenommen wurde, wurde die Zacke von der Nägelestraße bis zur Haltestelle Albplatz verlängert.

Vom Haigst hat man einen wundervollen Blick über Stuttgart. Aber auch der Blick ins Viertelesglas in einer Besenwirtschaft auf dem Haigst ist ein Erlebnis.

 

Das Degerlocher Villenviertel und einstige Sommerfrische

 

Bald nach dem Bau der Zahnradbahn entstand an der Nägele-, Melitta- und Knödlerstraße das Degerlocher Villenviertel. Die "Villa" wurde schnell zum bevorzugten Wohnort vieler Prominenter auf der Höhe über Stuttgart, darunter auch vieler jüdischer Mitbürger. Im Haus Knödlerstr. 5 wohnte von 1945 bis 1970 Ida Kerkovius, die Malerin und Weberin von Kunstteppichen, Schülerin von Hölzel. Sie wurde 1908 seine Meisterschülerin. Nach seinem Tod 1934 ging sie nach Riga und kam 1939 nach Stuttgart zurück, erhielt aber Ausstellungsverbot. Als 1945 ihr Atelier in der Urbanstraße zerstört war, ließ Max Ackermann auf einem Grundstück von Erich Schurr, dem das Kaufhaus Maerklin gehörte, zwei Behelfsheime erbauen, eines davon für Ida Kerkovius. Hier soll sie ihre selbst gefärbte Wolle für die Teppiche im Garten getrocknet haben, wie sich alte Degerlocher erinnern. Ansonsten erinnert hier nichts mehr an ihr Wirken.

Die windarme Tallage Stuttgarts brachte den Einwohnern schon immer Probleme. Im Sommer kamen sie kräftig ins Schwitzen und im Winter mussten sie im Dunst der Kohleheizungen und Industriekamine leiden. Deshalb entstanden ringsum auf den Höhen Ausflugsgasstätten: der Weißenhofbäck am Killesberg, das Jägerhaus am Hasenberg, das Schützenhaus am Kanonenweg (heute Haußmannstraße) oder die Lokale auf der Stitzenburg und am Burgholzhof. Auch Degerloch wurde so eine Sommerfrische.

Wichtiger Pate für die „Zacke“ war der Degerlocher Ziegeleibesitzer Karl Kühner, dem der Bauboom in Degerloch besonders am Herzen lag. Er spendierte an der Nägelestraße einen Aussichtsturm, der eine Hauptattraktion für die Ausflügler aus dem Kessel wurde. 1943 wurde seine Spitze weggesprengt, damit sich die alliierten Flieger beim Zielanflug nicht an ihm orientieren konnten und 1956 wurde der Rest vollends abgetragen.

Die alten, ratternden Wagen der „Zacke“ wurden inzwischen durch leisere ersetzt, was den Anwohnern sicher Freude, den alten Fans aber Trauer bereitete. Es gibt nichts Schöneres, als im Frühjahr, wenn in Stuttgart schon die Forsythien, Tulpen und dann die Osterglocken blühen, während auf den Höhen im Umland noch alles grau ist, mit der Zacke zu fahren und das Blüten- und Duftmeer zu genießen.

Der ursprüngliche an der Filderstraße gelegene Alte Zahnradbahnhof wurde 1907 von den Architekten Lambert und Stahl im Jugendstil umgebaut. 1937 wurde er an den Marienplatz hinüber verlegt. Beinahe wäre der alte Bahnhof danach abgerissen worden, aber er wurde glücklicherweise renoviert und ist seitdem Spielstätte des Theaters "Die Rampe". Die Gebäude und die Gleisanlagen hinter dem ehemaligen Bahnhofsgebäude dienen der Zahnradbahn weiterhin als Wagendepot.

Die Zahnradbahn ist heute eine große Attraktion für die Stuttgarter, für die Besucher und neuerdings auch für die Mountainbiker. Sie lassen ihre Fahrräder auf dem Vorschubwagen nach Degerloch hinauf transportieren und können dann auf der im Oktober 2015 neu gebauten offiziellen Downhillstrecke vom Dornhaldenwald wieder ins Tal hinuntersausen. Der "Woodpecker-Trail" beginnt auf der Höhe unterhalb des Degerlocher Albplatzes und endet an der Karl-Kloß-Straße in Stuttgart-Heslach. Er dabei überwindet einen Höhenunterschied von 120 Metern, verfügt über 27 verschiedene Hindernisse und ist rund einen Kilometer lang.

 

Das Lehenviertel

 

entstand um die Wende zum 20. Jahrhundert, als sich die Stadt in der Gründerzeit nach allen Richtungen ausbreitete. Die Häuser zwischen der Alten Weinsteige, der Filder-, Immenhofer-, und Zellerstraße besitzen eine große architektonische Vielfalt mit Elementen des Historismus und des Jugendstils. Das gemischte Wohn- und Gewerbeviertel mit schönen Straßenzügen und Plätzen steht mittlerweile ganz unter Denkmalschutz. Eine Bürgerinitiative kümmerte sich mit Verkehrsberuhigungen und Baumpflanzungen darum, dass das Viertel ruhig, aber trotzdem lebendig und lebenswert bleibt. Mittlerweile sind hier die Preise fürs Mieten und für Eigentumswohnungen durchaus auf dem Niveau des Killesbergs. Jedes Jahr im September wird auf dem Marienplatz und entlang der Liststraße mit Bierbänken im Freien das Lehenviertelfest „Sterne des Südens“ gefeiert, und im benachbarten Heusteigviertel wird in der Mozartstraße immer am letzten Juniwochenende groß gefeiert.

 

Die Weinstube Kochenbas, Immenhofer Str. 33

 

ist eine der letzten alten und gemütlichen Vesperbeizen, von denen es im alten Stuttgart einst viele gab: den Krabbendusel, die Ilge (Lilie), die Pappschüssel, die Bettlade, den Engele Buck, das Mostkasino oder den Anker.

Die ehemalige Beiz "Zum Immenhofer" wurde einst von der Wengerterfamilie Koch gekauft und von seiner Bas (Kusine) Pauline Koch betrieben. Man ging „zum Koch seiner Bas“. Vor der Jahrtausendwende hieß die Wirtin Emmy Rettenmaier. Sie betrieb die Wirtschaft bis hoch in ihre Neunzigerjahre und gab sie dann an ihre ehemalige Bedienung weiter. Später betrieb diese die Wirtschaft "Bäckerschmiede" in der Schurwaldstr. 42, wo einst der Gaisburger Marsch erfunden worden sein soll.

 

Der Fangelsbachfriedhof

 

wurde 1823 im Süden der Stadt in der Nähe der einstigen mittelalterlichen Siedlung Immenhof auf damals freiem Feld angelegt. Er ersetzte den Leonhards - und den Lazarettfriedhof, der 1564 wegen einer Pestepidemie erbaut worden war. Mit dem Bevölkerungsanstieg der Stadt reichten sie nicht mehr aus. Namensgeber war der gleichnamige Bach, der aus dem Wald oberhalb der neuen Weinsteige kommt und durch eine steile Schlucht in den Nesenbach mündet. Er ist 3.5 ha groß und hat 5700 Grabstätten.

Am westlichen Eingang wurde 1874, am 4. Jahrestag der Schlacht von Champigny-Villiers, ein Kriegerdenkmal für 124 Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten eingeweiht. Auf einem Sockel mit 4 Eckpostamenten mit Bronzekandelabern stand ein steinerner Sarkophag und darauf die Figur „Vaterland“ in antikem Gewand und mit einem Lorbeerkranz in jeder Hand. Auf dem Unterbau waren auf 10 Erztafeln die Namen der 124 Toten auf dem Fangelsbachfriedhof und der 14 Soldaten, die auf dem Hoppenlaufriedhof beerdigt worden waren. Das Denkmal wurde im Zweiten Weltkrieg durch eine Fliegerbombe sehr stark zerstört, drei der zehn Tafel völlig. Die restlichen sieben Tafeln umrunden heute den neuen Gedenkstein aus Schwarzwälder Granit, den 1963 der Künstler Hubert Albert Zimmermann schuf. Er erinnert jetzt auch an die Kriegstoten der beiden Weltkriege.

Im Folgenden sollen ein paar der bekanntesten Grabstätten vorgestellt werden:

 

Dr. Sixt Carl Kapff, Prälat ( *1805 in Güglingen, † 1879 in Stuttgart)

 

Nach dem Studium der Theologie war er Lehrer in der Schweiz und Studienleiter am Tübinger Stift. Als Pfarrer und Dekan wirkte er in verschiedenen Pfarrämtern, unter anderem bei der Brüdergemeinde in Korntal. Zusammen mit der Stuttgarter Kaufmannsfrau Charlotte Reihlen gründete er 1854 an der Stuttgarter Rosenbergstraße die Evangelische Diakonissenanstalt, die zur Kaiserswerther Diakonie gehört. Sie ist auch   heute ein wichtiges und großes Krankenhaus und Altenpflegeheim. Rund um das Mutterhaus leben etwa 200 Diakonissinnen im Ruhestand. Ihre Arbeit im Krankenhaus und Altenpflegeheim haben inzwischen Mitarbeiter übernommen, die sich dieser Tradition verbunden fühlen

Dr. Sixt Carl von Kapff und Karl Gerok waren Prediger an der Stuttgarter Stiftskirche. Auch als Dichter waren beide sehr bekannt und beliebt und ihre Predigten hatte riesigen Zulauf. Sie waren die Zentralfiguren des württembergischen Pietismus im 19. Jahrhundert. Sixt Kapff veröffentlichte 1860 sein viel verbreitetes Predigtenbuch. Mit Kapff und seinen Anhängern verbinden sich aber auch die Bilderstürmereien gegen die Marmorplastiken (1869) im oberen Schlossgarten und gegen den Galatheabrunnen am Eugensplatz (1890). König Wilhelm ignorierte die Anfeindungen, aber Königin Olga reagierte auf die Angriffe verärgert und ließ wissen, dass, wenn die Proteste nicht bald aufhörten, sie die Figur umdrehen lassen werde. Ihr nacktes Hinterteil würde dann zur Stadt zeigen.

 

Einst waren in Stuttgart drei bekannte Klavierbauerfamilien ansässig: Klinkerfuß, Schiedmayer und Pfeiffer. Letztere haben Stuttgart inzwischen verlassen und führen ihre Geschäfte anderorts weiter. Hier auf dem Fangelsbachfriedhof finden wir noch die Gräber von zwei Familien.

 

Johanna Klinkerfuß, Pianistin ( * 1855 in Hamburg,   † 1924 in Stuttgart)

 

Ihr Ehemann Apollo Klinkerfuß war Klavierbauer und trug den Ehrentitel eines Hofrats. Neben seinen eigenen Klavieren führte er in seinem Geschäft auch die Marken Bechstein, Blüthner und Steinway.

Johanna Klinkerfuß studierte Klavier am Konservatorium in Stuttgart und in Weimar bei Franz Liszt. Er bezeichnete sie als eine „auserlesen Pianistin“. Von König Karl von Württemberg wurde sie zur königlich-württembergischen Hofpianistin ernannt. Sie war über Jahrzehnte im Musikleben präsent. Auch ihre Tochter Margarethe Klinkerfuß wurde eine große Pianistin. Ihre feudale Villa in der Kanzleistraße 18 war ein Ort, an dem sich Kunstschaffende trafen, darunter so bekannte Komponisten wie Johannes Brahms, Edvard Krieg, Wilhelm Furtwängler, Hugo Wolf und Max Reger. Auch die Stuttgarter Architekten Friedrich Theodor Vischer und Christian Friedrich von Leins waren hier oft zu Besuch.

 

Johann Lorenz Schiedmayer   ( * 1786 in Erlangen, † 1860 in Stuttgart)

 

Bereits 1711 gründete Balthasar Schiedmayer in Erlangen eine Klavierfabrik. Seine Nachkommen siedelten nach Stuttgart über, wo der Enkel Johann Lorenz Schiedmayer ein Geschäft eröffnete. Wegen der hohen Qualität seiner Instrumente waren eine große Zahl hochrangiger Persönlichkeiten seine Kunden. Ihm folgten seine Söhne Adolf und Hermann. Die Klavierfabrik stand von 1821 bis 1969 an der Neckarstraße 14-16, dort, wo heutige die Staatlichen Hochschule für Musik und das Haus der Geschichte (heute Konrad-Adenauer-Straße) stehen. Als Friedrich Silcher nach Stuttgart zog, wohnte er zwei Jahre bei der Familie Schiedmayer.

Eliane Schiedmayer gründete 1995 die Schiedmayer – Celeste GmbH und verlegte den Betrieb im Jahr 2000 nach Wendlingen. Eine Niederlassung mit Ausstellung der Produkte stand auf dem Gelände der ehemaligen Villa Gaucher und späteren Stadtgärtnerei an der Heilbronner Straße.

 

Armin Lang ( * 1928 in Holzkirchen,   † 1996 in Stuttgart)

 

Er wurde in Oberbayern geboren und war Film- und Fernsehproduzent und Synchronsprecher. Sein Name ist verblasst, aber seine Figuren „Pferdle und Äffle“ sind uns noch in Erinnerung. 1960 war erst das Pferdle da, dann kam 1965 das Äffle hinzu. Sie lockerten das SDR Programm mit ihren munteren Sprüchen auf, ab 1970 sogar in Farbe. Und dann konnten sie sogar noch selbst sprechen. 1986 gesellte sich zu beiden Schwaben noch die kurpfälzische Hundedame Schlabbinchen, gesprochen von der Schauspielerin Elsbeth Janda. 1988 zog Armin Lang nach Bayern, aber schon bald plagte ihn das Heimweh zu seinen Figuren. Er starb 1996. Unvergesslich sind die Melodien:

Äffle: „Das isch der Bananenblues, ja das isch der Bananenblues, der Himmel hängt voller Bananen bloß..“
Pferdle: „das ischt der Haferblues, ja das ischt der Haferblues, der Super-Doppelzentner-Haferblues ...“

 

Gustav Siegle, Fabrikant ( * 1840 in Nürtingen,   † 1905 in Stuttgart)

 

Mit seinem Namen sind der Hügel zwischen Reinsburg- und Mörikestraße und das Gustav-Siegle-Haus bei der Leonhardskirche verbunden.

 

Gustav Siegles Vater, Heinrich Siegle, war Apotheker in Nürtingen. Er wechselte aber den Beruf und eröffnete zunächst in München, dann 1848 in Stuttgart eine kleine Farbenfabrik an der Rotebühlstr. 101. 1863 übernahm sein Sohn Gustav nach dem Chemiestudium an der Polytechnischen Schule in Stuttgart den Betrieb. Vermutlich 1864 führte er die Gewinn bringende Produktion von Anilinfarben ein, die damals entdeckt worden waren und die die teuren Naturfarbstoffe wie das Indigo ersetzen konnten.

Er fusionierte 1873 mit seinem Fabriknachbarn Rudolf Knosp und mit der damals kleinen Badischen Anilin & Sodafabrik in Ludwigshafen. Gustav Siegle wurde ihr Generaldirektor und Rudolf Knosp der Vorsitzende des Aufsichtsrats. 1889 legte Gustav Siegle seinen Posten nieder und kaufte seine alte Fabrik in Stuttgart wieder zurück. Er gründete sie neu und verlegte sie nach Feuerbach. Sie ist dort bis heute eine bedeutende Fabrik für Druckfarben.

Gustav von Siegle saß 1887-98 für den Wahlkreis Stuttgart als Abgeordneter der Nationalliberalen im Reichstag, war Aufsichtsratsmitglied in vielen Industrieunternehmen und Banken und gehörte zu den reichsten Bürgern Württembergs. Er erhielt vom König den persönlichen Adel und den Titel Geheimer Kommerzienrat.

Er konnte in wenigen Jahren einen außerordentlichen Reichtum aufhäufen. Er kaufte den gesamten Hügel zwischen der Reinsburg- und der Mörikestraße oberhalb der schon bestehenden Silberburg. Der Hügel erhielt den Namen Karlshöhe erst in der Regierungszeit von König Karl (1864-91). An der Reinsburgstraße ließ er sich eine pompöse Villa nach dem Vorbild der Villa Carlotta am Comer See erbauen. Seine Tochter Dora schenkte die Villa später der Stadt Stuttgart für ein Pflegeheim. Sie wurde im Krieg vollständig zerstört und abgebrochen. Das elegante Teehaus von Julie Siegle auf der Spitze des Reinsburghügels wurde ohne Not für die Gartenschau von 1964 abgebrochen. Heute ist dort eine Aussichtsplatte mit einem Imbissstand. Im ehemaligen Garten der Villa sind die Spazierwege und der jüngst restaurierte Athene Brunnen erhalten geblieben.

Gustav von Siegle war verheiratet mit Julie Siegle, einer Tochter von Robert und Wilhelmine Wetzel, Badhotelpächter in Wildbad. Das Ehepaar Siegle hatte 5 Töchter und zwei Söhne. Nur drei der Töchter überlebten die Eltern:

 

Das dritte Kind, Margarete Gertrud ("Gretel") (1867 - 1934), heiratete 1887 den Fabrikanten Carl von Ostertag-Siegle (1860 - 1924, Landgut Hardt, Gemeinde Hoheneck).

Zu ihrer Hochzeit ließ Gustav von Siegle für sie an der Mörikestraße 24 eine feudale Villa bauen. Im Villengarten ließ Carl von Ostertag 1905 seine Sammlung von über 200 wertvollen römischen Bruchstücken unterbringen. Die Villa und den Garten kaufte 1950 die Stadt. Im Garten ist heute das sehr sehenswerte Städtische Lapidarium untergebracht.

 

Das fünfte Kind, Martha Gabriele Clara (1872 - 1953), heiratete 1892 den Arzt Prof. Albert Freiherr von Schrenck von Notzing, praktischer Arzt in München.

 

Das sechste Kind, Helene Dora (1877 - 1955; gest. in Friedenfels) heiratete 1896 den königlichen Kammerherrn und Hauptmann a.D. Baron Fritz von Gemmingen-Hornberg (1860-1924). Dieser ließ die Villa Gemmingen an der Mörikestraße unterhalb der Karlshöhe von den Architekten Albert Eitel und Eugen Steigleder erbauen. Sie ist nach wechselvollem Schicksal heute wieder im Besitz einer Nachfahrin, der Freifrau von Tessin.

 

Gustav von Siegle war ein großer Mäzen. Einen großen Teil seines Vermögens stellte er für wohltätige Zwecke zur Verfügung; unter anderem finanzierte er den Bau des ersten Feuerbacher Krankenhauses. Er starb 1905, nur 65-jährig, nach einem schweren Schlaganfall, der weitreichende Lähmungen zur Folge hatte. Seine Witwe machte der Stadt eine Stiftung mit 700.000 Goldmark zum Bau einer kulturellen Einrichtung. Ab 1910 wurde von Theodor Fischer das Gustav-Siegle-Haus erbaut und 1912 eingeweiht. Es ist heute Bühne und Heimat der Stuttgarter Philharmoniker. Im Stuttgarter Westen ist die Gustav-Siegle-Straße nach ihm benannt.

 

Wilhelm Kurtz, Glockengießer ( * 1879 in Stuttgart,   † 1974 in Stuttgart)

 

Acht Generationen beschäftigten sich in der Firma Kurtz mit der Herstellung von Feuerspritzen und der Glockengießerei, darunter auch sein Großvater, Christian Heinrich Kurtz (1806 – 1875), der ebenfalls hier begraben liegt.

Wilhelm Kurtz war der letzte in der langen Reihe. Er modernisierte den Feuerspritzenbau von den schweren und monströsen zu leichteren und handlicheren Spritzen. Weil in den Kriegen die Glocken stets eingeschmolzen wurden, um daraus Granatenteile zu produzieren, herrschte danach immer Hochkonjunktur. Und mit dem Bau neuer Siedlungen wurden auch neue Kirchen gebaut und dafür Glocken benötigt. Von 1947 bis 1962 wurden bei Wilhelm Kurtz in der Heusteigstraße 41 über 3600 Glocken gegossen, mehr als bei allen seinen Vorfahren zusammen. Dazu gehörte die Glocke der Stuttgarter Stiftskirche, des Ulmer Münsters und das Glockenspiel des Stuttgarter Rathauses. Die letzte Glocke wurde für die Stadtkirche St. Dionys in Esslingen gegossen. Das Haus und die Werkstatt im Hinterhaus existiert schon lange nicht mehr. Heute steht dort ein gesichtsloser Neubau.

 

Wilhelm Pelargus, Zinngießer ( * 1820 in Stuttgart,   † 1901 in Stuttgart)

 

Nach seiner Ausbildung als Zinngießer im väterlichen Betrieb arbeitete er in namhaften Zinngießereien in Frankfurt/Main, München und Nürnberg. 1845 gründete er seine eigene Zinngießerei. Seine kunsthandwerkliche Arbeit verschaffte ihm die Aufmerksamkeit des Königs Wilhelm I. Er war häufiger Besucher in seiner Werkstatt und beauftragte ihn mit vielen Arbeiten beauftragte, zum Beispiel Kunstgussarbeiten für das Schloss Rosenstein und die Wilhelma, wo Pelargus sich insbesondere durch hervorragende Tierabgüsse künstlerisch entfalten konnte. Auch ein Relief an der Jubiläumssäule auf dem Schlossplatz stammt von ihm. Die Pelargusstraße im Stuttgarter Süden, nur wenige Meter vom Fangelsbachfriedhof entfernt, wurde nach ihm benannt.

 

Johann Baptist Pischek, Kammersänger ( * 1814 in Mscheno, Tschechien,   † 1873 in Stuttgart)

 

Pischek studierte Rechtswissenschaften in Prag, wurde dann Klavierlehrer und ging schließlich als Sänger zum Theater. Ab 1838 sang er auf vielen Bühnen Europas, so in Brünn, Wien und Bratislava. Mit seinen Erfolgen wuchs sein Ruhm und er wurde Bariton am Frankfurter Staatstheater. 1843 begann er mit Gastspielen an der Stuttgarter Hofoper und erhielt den Posten eines Kammersängers auf Lebenszeit. Daneben hatte er immer wieder Gastspiele in London und Wien.

 

Nikolaus Friedrich von Thouret, Architekt ( * 1767 in Ludwigsburg, † 1845 in Stuttgart)

 

Er wurde bereits mit 11 Jahren an der Hohen Karlsschule zum Hofmaler ausgebildet und studierte in Paris und Rom Architektur. Als Hofbaumeister in der Zeit des Klassizismus arbeitet er unter Herzog Carl Eugen und König Friedrich I. Er schuf zwischen 1805 und 1807 die Innenausbauten des Neuen Schlosses nach dem großen Brand und für die Schlösser in Ludwigsburg (ab 1799), Monrepos (1804) und Solitude. Am einst barocken Schlösschen Favorite führte er die klassizistischen Änderungen durch. Außerdem entwarf er den Cannstatter Kursaal (1825 – 26) und arbeitete an den Schlössern in Hohenheim und Weimar. Zu seinen weiteren Werken gehörte der Marktbrunnen und der Brunnen am Alten Postplatz und der Umzug der evangelischen Kirche vom Schloss Solitude an den Untere Königstraße – heute Eberhardskirche. Er entwarf wichtige Straßen in Stuttgart und Privathäuser und ordnete die Schlossgartenanlagen neu. Nach ihm wurde die Thouretstraße beim Bahnhof benannt.

 

Luise Schall, geb. Rau ( * 1806 in Horkheim, † 1891 in Stuttgart)

 

Ein nur noch schwer lesbarer Grabstein erinnert an Luise Rau. Ihr Vater, der Pfarrer von Plattenhardt, starb 1829. Um den Pfarrdienst weiterhin zu versehen, wurde der junge Vikar Eduard Mörike hingeschickt. Er lebte eine Zeitlang im Haus der Witwe und Tochter Luise. Eduard und Luise fanden rasch Gefallen aneinander und verlobten sich noch im selben Jahr. Die Briefe an seine Braut und eine Federzeichnung von ihr sind erhalten geblieben. Im Jahr 1830 musste Mörike zur nächsten Vikarstelle nach Owen/Teck weiterziehen. Immer wieder berichtete er Luise, seinem „Gretchen“, von seinem Leben. Sie aber löste im Spätherbst 1833 die Verlobung und erbat ihre Briefe zurück. Eine der Gründe für die Entfremdung mag ihre Enttäuschung über die schlechten Berufsaussichten ihres Verlobten gewesen sein. Und vielleicht fühlte sie sich auch zu sehr als „Luftbild“ verehrt und zu wenig als „im Leben“ verstanden. Die Erfahrungen aus seiner Verlobungszeit verarbeitete Mörike in seine zweiteiligen Novelle „Maler Nolten“. Luise heiratete später den Pfarrer Schall aus Stuttgart.

 

Carl Friedrich Freiherr von Schiller   ( * 1793 in Ludwigsburg, † 1857 in Stuttgart)

 

Er war der älteste Sohn von Friedrich Schiller und Patenkind von Johann Wolfgang von Goethe, wuchs in Weimar auf und verbrachte fast jeden Tag in Goethes Haus am Frauenplan. Karl von Schiller widmete sich später nicht der Dichtkunst sondern sein Leben lang der Forstwissenschaft. 1828 wurde er Oberförster und hatte die Leitung der Forstämter in Rottweil und Lorch inne. 1845 wurde er von König Wilhelm I. in den erblichen Fürstenstand erhoben. Seinen Lebensabend verbrachte er mit seiner Frau in Stuttgart. In der gleichen Grabstätte sind auch sein Sohn, Friedrich Ludwig Ernst von Schiller (1826 – 1877), und dessen Frau Mathilde Freifrau von Schiller (1835 – 1911) beigesetzt. Sie war die letzte Trägerin des Dichternamens.

 

Vor einigen Jahren wurde die Fürstengruft in Weimar geöffnet. Man fand in Schillers Sarkophag anstatt eines einzelnen Skeletts Schädel und Knochen mehrerer Personen. Friedrich Schiller wurde nach seinem Tod zuerst in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt. 1826 wurde er wieder exhumiert, und Goethe soll seinen vermeintlichen Schädel für ein halbes Jahr an sich genommen haben. 1827 wurde dieser Schädel und das mutmaßlich zugehörige Skelett sowie weitere Knochen in der Fürstengruft beigesetzt. Goethes Leichnam wurde nach seinem Tod 1832 in einem gleichartigen Sarkophag neben Schiller beigesetzt.

 

Um die Authentizität der Knochen DNA technisch zu prüfen, wurden die seiner nahen Angehörigen mit untersucht. Dazu wurden die Gräber seiner älteren Schwester Christophine in Meiningen und der jüngeren Schwester Luise in Möckmühl, seiner Frau Charlotte in Bonn und das Grab ihres Sohns Karl von Schiller auf dem Fangelsbachfriedhof geöffnet. Außerdem wurden auf dem Gerlinger Friedhof die Gräber seiner am 23. März 1796 verstorbene Schwester Karoline Christiane, genannt Nanette, und des am 7. September 1796 verstorbenen Vater Johann Caspar geöffnet ebenso das Grab seiner Mutter Elisabetha Dorothea, geb. Kodweiß auf dem Friedhof in Cleversulzbach. Das Ergebnis der DNA Analyse brachte eine Überraschung: keiner der Schädel und Knochen stammten von Schiller. Sein Sarkophag in der Weimarer Fürstengruft ist seitdem leer.

 

Anton Kreidler, Fabrikant   ( * 1863 in Stuttgart,   † 1942 in Stuttgart)

 

Er hatte 1889 das Unternehmen Stuttgarter Telegraphendraht- und Kabelfabrik an der Böblinger Straße 52 in Stuttgart - Heslach gegründet, das handbetriebene Drahtumspinnmaschinen herstellte. Die beiden Gebäude mit schön restaurierten Außenfassaden im Gründerzeitstil nahe dem Eugen-Schöttle-Platz und den Benger Gebäuden sind erhalten geblieben. An der Mörikestraße 69 wurde ein Metallwerk gegründet und als Kreidler's Metall- und Drahtwerke Zuffenhausen GmbH an den Siegelberg verlegt. Daraus ging die Motorradherstellung hervor.

Sein Nachfahre Alfred Kreidler trat 1924 in die Leitung des Betriebs ein und übernahm die Firma 1942. 1949 begann er die Entwicklung von Kleinkrafträdern Mopeds, Mofas, Mokicks Klein- und Leichtkrafträdern mit 50 – 80 ccm mit den Namen „Florett“ und „Flory“. Ab 1955 wurden sie im Kreidler Werk II an der Schwieberdinger Straße in Zuffenhausen in der ehemaligen Lederfabrik Sihler und Cie hergestellt. Später wurde die Produktion als Fahrzeugbau Kornwestheim bei Stuttgart an den Güterbahnhof in Kornwestheim verlegt.

Mopeds waren in den 1960er Jahren der Hit für männliche und weibliche Teenagers und bekamen Kultcharakter. 1.3 Millionen Mopeds wurden allein von Kreidler hergestellt. Mit der Rennversion der „Kreidler Florett“ war die Firma bei vielen Weltmeisterschaften im Motorradrennsport erfolgreich. Der Betrieb ging 1982 in Konkurs, als Autos erschwinglicher wurden und für Mopeds Versicherungsprämien, Führerschein und Helmpflicht eingeführt wurden.

Die Marke Kreidler existiert in Form der Kreidler-Zweiradgesellschaft weiter. Zunächst wurden Garelli-Mofas – mit Tanks des Kreidler-Mofas Flory – unter dem Namen Kreidler verkauft. 1986 begann die Herstellung von Kreidler-Fahrrädern und 1996 wurde die Produktion von motorisierten Zweirädern wieder aufgenommen. Der Anteil der Eigenentwicklung an diesen Fahrzeugen ist gering; sie beschränkt sich auf die Zusammenstellung bewährter Komponenten asiatischer Hersteller. Kreidler wurde in den 1990er-Jahren vom Fahrradhersteller Prophete übernommen. „Florett“ Mofas sind auch heute noch gefragt und in eBay erhältlich.

 

Ein Stolperstein für Dr. Robert Gutmann

 

Vor dem Haus Markusplatz 1 ist im Gehweg ein „Stolperstein“ eingelassen. Er erinnert an den jüdischen Arzt Dr. Robert Gutmann, der hier zuletzt wohnte. Er wurde ein Opfer der verbrecherischen Behandlung der jüdischen Mitbürger durch die NS Machthaber.

Als Jude wurde er 1933 sofort aus dem Dienst entlassen und seine Approbation aberkannt. Statt Arzt war er jetzt nur noch „Judenbehandler“. In seinem Schicksal spiegelt sich das der Stuttgarter und aller Juden wider: Diskriminierung in der Lebensführung und in der Öffentlichkeit, Zwang zum Tragen des „Judensterns“ und des zusätzlichen Vornamens „Israel“, Einstempelung des „J“ in die Kennkarte, Entzug des Eigentums, zwangsweise Einweisung in ein „Judenhaus“ und schließlich Deportation, Ermordung oder elender Tod. Im Buch über die Stuttgarter Stolpersteine und im Internet findet man Ausführliches über ihn.

 

Die Markuskirche

 

wurde von 1906 bis 1908 vom Kirchenarchitekt Heinrich Dolmetsch im Jungendstil zwischen Gärten und Weinbergen erbaut. Als erste Kirche in Eisenbetonbauweise steht sie unter Denkmalschutz. Den Bombenkrieg überstand sie als einziges Gotteshaus in der Innenstadt nahezu unbeschädigt. Schon ihr äußeres Erscheinungsbild ist beeindruckend und ihre Innenausstattung sehr sehenswert. Ein mächtiges Tonnengewölbe schafft viel Licht und Raum. Zur Verbesserung der Akustik wurde es mit einer Schicht aus Korkschrot verkleidet. Dolmetsch hat viel Ideenreichtum und handwerkliche Kunst bis ins kleinste Detail aufgewandt. Ein schöner und reich bebilderter Kirchenführer erläutert den Bau und die Details im Inneren.

Am Eingang auf der rechten Seite erinnert eine Tafel an die „Stuttgarter Schulderklärung“ vom August 1945. Wir wollen uns für dieses interessante Thema vielleicht ein anderes Mal Zeit nehmen. Die Kirche ist täglich ab 15.30 Uhr geöffnet und einen Besuch wert. In der Markuskirche finden auch schöne Konzerte und viele andere Veranstaltungen statt.

 

Literatur:Wer sich über diesen und andere Friedhöfe und die Biographien der Verstorbenen informieren will, findet hier weitere Informationen:

 

„Stuttgarter Friedhofsführer“ von Werner Christopher Koch,

Silberburg-Verlag, ISBN 978-3-8425-1203-0

 

Im Internet: http://wo-sie-ruhen.de/friedhoefe/

 

Dr. Alfred Hinderer

Heimat, Kultur und Natur

 

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Der Sindelfinger Stiftsbezirk

ein Kurzbericht von Dr. Alfred Hinderer

 

Das erste Benediktinerkloster und die Martinskirche

Eine frühe Kapelle und ein Herrenhof

1973 wurden bei der grundlegenden Renovierung unter der Martinskirche Überreste eines ausgedehnten christlichen Friedhofs gefunden. Da Friedhöfe stets nahe einer Kirche angelegt wurden, ist dies der indirekte Nachweis einer christlichen Kapelle oder Kirche, die vermutlich dem heiligen Martin von Tours gewidmet war. Die Bereiche auf dem heutigen Kirchenvorplatz könnten weitere Zeugnisse liefern, blieben aber bisher unerforscht.

Man weiß, dass diese Gegend im Besitz des Grafen Adalberts II., genannt Atzimbart, war. Seine Vorfahren hatten in Sindelfingen einen Herrenhof erbaut, vermutlich ein Steinhaus mit angegliedertem Wirtschaftshof. Die starken Steinfundamente, die man im Westteil unter der Martinskirche fand, könnten die seines Wohnturms sein. Sie sind aber vermutlich eher die Fundamente einer nicht weiter gebauten Doppelturmanlage.

 

Ursprung in Hirsau

In Hirsau gab es seit 765 östlich der Nagold an der Kreuzung der heutigen Liebenzeller- und der Wildbader Straße eine kleine Nazariuskapelle oder -kirche. Um 830 überbrachte Bischof Noting von Vercelli die Gebeine des Heiligen Aurelius von Riditio von Mailand zur Beisetzung nach Hirsau. Aurelius war Bischof von Armenien und starb 475 in Mailand. Solche Reliquien hatten einen großen Zulauf von Gläubigen zur Folge. Deshalb bauten die Calwer Vorfahren die Nazariuskapelle in ein kleines Kloster mit dem Namen des Heiligen Aurelius aus. Es verfiel nach dem Jahr 1000.

Graf Adalbert II. gründete mit seiner Frau als Ersatz für dieses erste Aureliuskloster um 1050 in Sindelfingen ein neues Benediktiner-Doppelkloster mit Mönchen und Nonnen. Der Papst drängte aber darauf, das Hirsauer Aureliuskloster wieder herzustellen und die Gebeine des Aurelius darin beizusetzen. Adalbert löste daraufhin das Sindelfinger Doppelkloster wieder auf und führte die Mönche und Nonnen nach Hirsau zurück. Der Sindelfinger Herrenhof des Grafen Adalbert wurde nach Calw verlegt. Um 1050 wurde eine Burg erbaut und um 1256 die Stadt Calw gegründet. Die Herren nannten sich fortan Grafen von Calw.

Belegt ist, dass in Hirsau rechts der Nagold bis ca. 1070/75 ein Doppelkloster bestand. Nachdem es zu klein geworden war und auch immer wieder von der Nagold überschwemmt worden war, wurde 1082 auf der Anhöhe jenseits der Nagold das Benediktinerkloster St. Peter und Paul erbaut und die Gebeine des Heiligen Aurelius 1488 dorthin überführt. Im Zuge der Reformation wurden das Kloster und der Konvent 1536 aufgelöst. Die Herzöge von Württemberg erbauten darin ein Schloss und eine Schule. Das Schloss wurde 1692 im Pfälzer Erbfolgekrieg durch die Truppen Melacs zerstört. In seinen Mauern stand die durch das Gedicht von Ludwig Uhland berühmt gewordene "Ulme zu Hirsau". 1989 musste sie wegen dem gefährlichen Ulmenpilz gefällt werden.

 

Martinskirche

Die Martinskirche wurde um 1065 begonnen und über 70 Jahre mit mehreren Bau- und Stillstandsphasen weitergebaut. Am Langhaus steht außen die Jahreszahl 1083. Am 4. Juli, dem Jahrestag der Bischofsweihe des Heiligen Martin im Jahre 372 wurde der bis dahin schon fertig gestellte Teil als Provisorium eingeweiht. Dendrochronologische Untersuchungen wiesen aber nach, dass die Bäume für die Dachbalken und die Holzdecke des Langhauses im Jahr 1131 geschlagen wurden.

An der Südwand stand bis zu ihrem Abriss im Jahr 1863 die Michaelskapelle. Man nimmt an, dass sie der Rest der Vorgängerkirche war und in den Bau der Martinskirche integriert wurde. Sie enthielt eine Gerichtstüre mit einem Löwenkopf. Er symbolisierte die Gerichtsbarkeit des Landesherren, war aber zugleich das Symbol für Christus, den „Löwen von Juda“. Wer den Ring im Löwenmaul ergriff, genoss Kirchenasyl. Der Kopf symbolisiert also auch das Kirchenrecht. Im 19. Jahrhundert wurde die Michaelskapelle abgerissen und die Gerichtstüre an den Westeingang versetzt.

Nach dem Tod Adalberts führte sein Sohn Gottfried den Kirchenbau nur zögerlich fort. Zu Ende gebaut wurde sie bis 1135 von Herzog Welf VI. von Spoleto. Er hatte 1129 Gottfrieds Tochter und Alleinerbin Uta geheiratet. Die Form des Kirchenturms mit nur wenig spitzem Dach nach Art eines italienischen Campanile zeigt, dass Welf VI. mit dem Bau lombardische Architekten beauftragt hatte. Der Turm stand ursprünglich frei und wurde erst später mit dem Langhaus verbunden. Die Kirche war der Gottesdienstort der Chorherren und zugleich Pfarrkirche für die umgebenden Siedlungen und die spätere Stadt Sindelfingen. Die romanische Apsiden im Osten sehen stilistisch älter als das Langhaus aus. Sie wurden aber erst am 25. November 1100 von Bischof Gebhard von Konstanz eingeweiht.

Welf VI. starb im Dezember 1191. Nach dem Tod seiner Witwe Uta kam das Chorherrenstift in die Hände der Staufer, die es um 1200 den Pfalzgrafen von Tübingen als Lehen gaben. Wegen Misswirtschaft mussten diese im 14. Jahrhundert das Stift an den Graf Eberhard II. von Württemberg, „den Greiner und alten Rauschebart“ verkaufen. Er ließ es von seinem Vogt verwalten.

Im Inneren der Martinskirche fällt auf, dass die Basis der Pfeiler im Chorbereich etwa 2.50 Meter höher liegt als die im Langhaus, was auf eine früher vorhandene Zwischendecke hindeutet. Im oben liegenden Chor wurden die Gottesdienste der Chorherren abgehalten. Darunter befand sich bis 1576 / 77 eine Krypta, deren Boden etwa einen Meter unter dem Niveau des Kirchenraums lag. Diese war durch eine Mauer vom Kirchenraum getrennt. Der Eingang befand sich in der Mitte. Links und rechts davon führten zwei Treppen in den Chorraum. Ein Lettner zur Trennung zwischen dem Chorherren- und dem Laienbereich war deshalb nicht nötig und nicht vorhanden. 1576, nach der Reformation, wurde diese Zwischendecke entfernt und die Krypta ebenerdig aufgefüllt. Hinter der Martinskirche befindet sich, an die Kirche angebaut, die frühgotische Sakristei von 1270. Ihr Dach wurde später verändert.

Das Stift gehörte zum Bistum Konstanz. Die Grenze zwischen ihm und dem Bistum Speyer verläuft auf der Linie Weil der Stadt - Hohenasperg. Sie war die Grenze zwischen dem Reich der Franken und der Alemannen, und ist bis heute eine Sprachgrenze zwischen dem Mittleren Neckar und dem Unterland.

 

Sindelfinger Münzschatz

Bei den Grabungen von 1973 wurde unter dem Kirchenboden ein wertvoller Schatz mit 945 Silbermünzen in einem Tontöpfchen geborgen. Diese wurden 1180 geschlagen und tragen das Prägezeichen S für Sindelfingen aus der Münzstätte von Welf VI. Vermutlich wurden die Münzen bei einem Überfall der Böblinger Pfalzgrafen versteckt.

 

Das Chorherrenstift

Das verlassene Kloster wurde 1066 in ein Chorherrenstift umgewandelt. Chorherren sind eine Vereinigung von Klerikern, die gemeinsam nach der Art der Mönche lebten („vita canonica“) aber als Weltgeistliche keine Gelübde ablegten. Sie rekrutierten sich vermutlich aus der Sindelfinger Oberschicht. Sie wohnten ursprünglich gemeinsam nahe der Kirche in Gebäuden, die abgegangen sind. Später wohnten sie in separaten Gebäuden, Chorherrenhäusern, wie z.B. das Gebäude Stiftstraße 2, Ecke Ziegelstraße. Um 1420 wurde vom Chorherr Heinrich Tegen auf die innere Mauer die Propstei aufgesetzt. Der Stiftsbezirk umfasste den Bereich vom Wurmbergviertel bis zum Klostersee und zur Ziegelstraße. Er war mit dem Bannzaun eingezäunt und hatte drei Tore: am Stäbenheck das Flickers Tor, an der Kreuzung der heutigen Graben- und Maichinger Straße das Zimmer Jakobs Tor und bei der Ziegelhütte auf der Ziegelstraße das Falltor. Weitere stiftseigene und zinspflichtige Häuser standen im Bereich der späteren Stadt.

Das Stift entwickelte sich bis ins 15. Jh. zu einem der bedeutendsten und wohlhabendsten in Württemberg. Ab 1442, nach der Teilung Württembergs in einen Stuttgarter und einen Uracher Teil, fiel ihm im Uracher Landesteil eine kirchliche Führungsposition zu. Es besaß den an die Stadt nördlich angrenzenden Stiftsbezirk sowie Gebiete in der Propstei und zu Hinterweil und im Eichholz. Die Kirchen zu Weilimdorf, Dilgshausen mit Leonberg, Darmsheim, Dagersheim, Tailfingen, Feuerbach, Neckartailfingen, Grötzingen, sowie Vaihingen a.d. Fildern waren dem Stift inkorporiert; d.h. ihre Einkünfte flossen an das Sindelfinger Stift. In über 30 Orten im Neckar-Schönbuch Gebiet verfügte das Stift zudem über Güter oder Einkünfte, u.a. in Böblingen Darmsheim, Vaihingen, Maichingen, Magstadt, Nufringen, Altingen, Deufringen, Ehningen, Holzgerlingen, Haslach, Grötzingen, Hirschlanden, Bönnigheim, Korntal, Feuerbach, Schlaitdorf u.a.m. Die Sindelfinger Chorherren genossen als Gelehrte einen außerordentlichen wissenschaftlichen Ruf. Sie verwalteten vornehmlich ihre reichen Pfründe und ließen die seelsorgerlichen Pflichten mehr und mehr von Kaplanen erledigen.

 

Verlegung nach Tübingen

Graf Eberhard V. „im Bart“ (ab 1495 Herzog Eberhard I., Sohn von Graf Ludwig I., ab 1475 verheiratet mit Barbara Gonzaga von Mantua) gab 1475 mit der Genehmigung von Papst Sixtus den Sindelfinger Chorherren den Auftrag, ihr Stift nach Tübingen zu verlegen.

Eberhards Mutter Mechthild, eine Pfalzgräfin bei Rhein (Kurpfalz), war eine sehr gebildete Frau. Sie war in Heidelberg geboren, wo ihre Vorfahren 1386 die älteste deutsche Universität, die Ruprecht-Karls-Universität gegründet hatten. Nach dem Tod ihres Mannes, bezog sie das Böblinger Schloss als Witwensitz. Zwei Jahre danach heiratete sie in zweiter Ehe den Erzherzog Albrecht VI.von Österreich, den Bruder des Kaisers Friedrich III. des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nationen. Als Schwägerin des Kaisers nahm sie jetzt einen hohen Rang ein, und nach dem Tod der Kaiserin Eleonore war sie sogar die Erste Frau im Reich. Mechthild bewog ihren Mann, in Freiburg eine Universität zu gründen, die "Albertina", die heutige Albrecht-Ludwigs-Universität. Als ihr Mann bald darauf starb, nahm sie ihren Witwensitz im vorderösterreichischen Rottenburg und scharte einen Musenhof um sich.

Mechthild wurde bei der Heirat mit Graf Ludwig I. als Wittum (Witwengut) das gesamte Amt Böblingen und große Teile des Schönbuchs überschrieben. Nach ihrer Wiederheirat hätte sie das Wittum wieder zurückgeben müssen, aber ihr Sohn Eberhard schenkte es ihr. Er musste also seine Mutter bei der Verlegung des Stifts um Genehmigung bitten, und vielleicht war die Initiative zur Universitätsgründung sogar von ihr ausgegangen. Mit ihren vielen reichen Pfründen sollten die Sindelfinger Chorherren die Universität Tübingen gründen und ihr eine gesicherte materielle Grundlage geben. Der Sindelfinger Propst Johannes Degen wurde der erste Kanzler der Universität Tübingen und sein Chorherr Johannes Vergenhans ihr Rektor. Er gräzisierte später seinen Namen zu Nauklerus. Die Nauklerstraße in Tübingen erinnert an ihn.

Die Tübinger Universität erhielt den Namen Eberhard - Universität. Sein Leitspruch "attempto" ("ich wag's") steht über dem Eingang der Alten Aula. Herzog Carl Eugen fügte später dem Namen der Universität seinen Namen hinzu. Seitdem heißt sie Eberhard-Karl-Universität. Die Einnahmen aus den Sindelfinger Pfründen wurden im Stiftskeller, dem heutigen Storchenhaus, sowie in der - im Krieg zerstörten - Stiftszehntscheuer am Oberen Tor verwaltet und gelagert.

 

Steinrelief in der Martinskirche

Zu dieser Verlegung gibt es im Westschiff der Martinskirche eine Steinplatte mit Bildnis und Inschrift. Sehr wahrscheinlich war sie ursprünglich bemalt. In der Mitte ist der erhöhte Christus am Kreuz dargestellt, Mechthild kniet vor ihm auf der heraldisch (= aus dem Bild herausschauend) rechten, der bedeutenderen Seite. Auf der heraldisch linken Seite kniet ihr Sohn Eberhard. Auch die Inschrift besagt, dass Mechthild die bedeutendere Person ist: „Illustrissima Mechthildis... et illustris Eberhardus..“ d.h. „die hochedle Mechthild … und der edle Eberhard..“ Dabei war Eberhard der Landesherr, während seine Mutter Mechthild im vorderösterreichischen Rottenburg lebte.

Nach alten Unterlagen war diese Steintafel ursprünglich am Eingangstor zum Klosterbezirk hinter der heutigen Webschule angebracht gewesen und wurde erst später ins Innere der Martinskirche gebracht. Dafür sprechen die starken Beschädigungen und der Verlust der Farben. Es ist auch unverständlich, weshalb sich diese so wichtige Tafel im hintersten und dunkelsten Winkel des Langhauses statt im hellen Chorraum befindet.

 

Das Augustinerkloster

Papst Pius II. hatte Graf Eberhard V. gestattet, sämtliche klösterliche Einrichtungen in seinem Herrschaftsbereich zu reformieren. Er holte Augustiner Chorherren der besonders strengen Windesheimer Kongregation in das neu zu gründende Kloster, denen er nahestand.

In Sindelfingen waren nach der Verlegung des Chorherrenstifts die Martinskirche und die Stiftsgebäude vorhanden. Die noch verbliebenen Pfründe reichten immer noch gut aus, ein neues Kloster zu unterhalten. Auch ließen die Chorherren des Tübinger Stifts ihre Pfründe und den daraus entstandenen geistlichen Verpflichtungen von den verbliebenen Sindelfinger Chorherren erledigen.

Um 1517 wurde zwischen die Martinskirche und die Propstei ein neuer Gebäudeteil erbaut, der als Bibliothek der Stiftsherren bezeichnet wurde. Damit wurde der Westeingang, der in einer Kirche der wichtige Prozessionseingang ist, stark eingeengt und auf einen teilweise unter der Klosterbibliothek gelegenen schmalen Gang reduziert.

1605 wurde hinter der Martinskirche der Kleine Fruchtkasten erbaut. Östlich davon entstand in der Klosterzeit das "Refental (Refektorium = Speisesaal) und der Stiftsherren Behausung" und hinter der Martinskirche ein Kreuzgang. Um 1620 entstand die Geistliche Verwaltung, in der die Einkünfte der kirchlichen Pfründe und Bruderschaftsvermögen verwaltet wurden. Der ganze Klosterbezirk war von einer umlaufenden Mauer mit drei Toren umschlossen. Entlang der Seestraße und der Oberen Vorstadt sind Teile davon erhalten. Von den drei Toren zum Klosterbezirk in das kleine Törchen an der Seestraße erhalten geblieben.

 

Aufhebung des Klosters in der Reformation

Das Augustinerkloster bestand bis zur Säkularisierung 1536, als im Zuge der Reformation viele Klöster im Land aufgelöst wurden (z.B. Hirsau, Maulbronn, Alpirsbach).

Das Refental wurde danach in den großen Fruchtkasten der Stadt mit 6 Böden (Lagerbuch von 1590) umgewandelt und um 1860 abgebrochen.

Im vermuteten Kreuzgang nördlich der Martinskirche wurden 1973 bei archäologischen Untersuchungen 16 Bestattungen nachgewiesen.

 

Stiftsbezirk
Bild: Stadtarchiv Sindelfingen

Erhaltene Gebäude

Zu den noch erhaltenen Gebäuden gehören die an die Martinskirche angebaute Bibliothek, die Propstei und die Gebäude der geistlichen Verwaltung. Ihre Nutzungen und ihre Namen wurden über die Zeit verändert und sind nicht mehr völlig nachvollziehbar. Vom ehemaligen kleinen Fruchtkasten steht nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg nur noch der Kellerhals. Daneben liegt der 17 Meter tiefe, rund gemauerte Brunnen aus der Klosterzeit um 1500.

Das Haus der Geistlichen Verwaltung war vom Anfang des 19. Jahrhunderts in privater Hand. 1963 wurde das Fachwerk freigelegt. 1970 hat es die Stadt erworben und zum „Haus der Familie“ umgebaut.

Die Propstei, Obere Vorstadt 8, von 1420, ist eines der ältesten Sindelfinger Häuser und zeigt an Süd- und Ostseite mittelalterliches Fachwerk. Dieses unterscheidet sich vom späteren Fachwerk durch eine andere Art der Versteifung des Hausgerüstes („Verblattung“). Die schräg verlaufenden Hölzer sind nur etwa ein Drittel so stark wie die senkrechten und waagrechten und sind von außen in entsprechende Aussparungen eingelassen. Diese Bauweise wurde bis etwa 1500 angewendet und von Herzog Christoph verboten. In Sindelfingen kann sie noch an über 20 weiteren Häusern festgestellt werden.

Kein hiesiges Gebäude hat im Laufe der Jahrhunderte eine so mannigfaltige Nutzung erfahren. Erbaut wurde es von Magister Heinrich Tegen, Doktor des Kirchenrechtes an der Universität Bologna, vermutlich als Chorherrenhaus. Später war es Propstei des altes Stiftes, 1477 Sitz des Priors, später zusammen mit der Klosterbibliothek Wohnung des Schultheißen, des Vogts und des Oberamtmannes, Sitz des Kameralamtes bzw. Finanzamtes und schließlich des Staatlichen Schulamtes. Nach dem Rathausbrand von 1948 beherbergte es außerdem den Hauptteil der Stadtverwaltung und später für mehrere Jahre die Außenstelle des Staatlichen Vermessungsamtes.

Zum Stift gehörten zahlreiche weitere Gebäude an der Oberen Vorstadt und im ehemaligen Wurmbergviertel, das dem Bau des Warenhauses DOMO weichen musste. Auch das Haus Stiftstraße 2, der Chorherrenpfründhof, blieb erhalten. An der See - Gasse, heute Stiftstraße, stand von 1664 bis etwa 1905 das Helferhaus (Zweiter Stadtpfarrer) mit einer Scheune. Seine Außenmauer ist noch in der Klostermauer sichtbar. Im Inneren des Klostergartens wurde nach dem Krieg eine Grundschule und ein Kindergarten erreichtet. Hier sind keine Spuren der Vergangenheit mehr zu finden.

 

Gebäude im und um den Stiftsbezirk

 

Der Gasthof Zum Hirsch

Das Gelände, auf dem der Gasthof Hirsch steht, gehörte dem Stift. 1456 wurde es vom Propst und Kapitel an den Chorherren Konrad Widmann aus Dagersheim verkauft. Das Vorkaufsrecht verblieb aber beim Stift und war vom sog. Frongeld - einer Abgabe an die Herrschaft aus jedem Haus "darin Rauch hält" - befreit. Im Jahr 1580 besaß es Thomas Grieb (1545-1609), der Stammvater einer bis heute wohl bekannten Sindelfinger Familie. Im Gebäudeprotokoll von 1719 ist es als Hirsch im Mitbesitz der Witwe von Johann Jakob Schmidt (1661-1711).

Das heutige Gebäude ließ um 1803 der Hirschwirt Johann Jakob Mayer (1767-1815) erbauen. Als einer der ersten Gasthöfe der Stadt ist der Hirsch gegen 1900 von der Familie Uhland und dann mehrere Jahrzehnte von August Seeger geführt worden. August Seeger war Vorstand des Turnvereins. Unter den ehemaligen Nebengebäuden neben dem Gasthof ist bis heute ein großer Bierkeller der ehemaligen Brauerei erhalten. Er diente nach dem Krieg als beliebter Partykeller, ist aber heute aus Sicherheitsgründen nicht mehr öffentlich zugänglich.

Hier im Gasthof Hirsch wurde am 28. Dezember 1913 der Schwarzwaldverein Sindelfingen als Bezirksverein des Württembergischen Schwarzwaldvereins gegründet. Gründungsväter waren der Stadtschultheiß Wilhelm Hörmann, der Sattler Karl Ganzhorn und 8 weitere bekannte Sindelfinger, darunter der Hirschwirt August Seeger und der Gaswerksverwalter Schaarschmidt.

 

Die Alte Realschule

Vor 1790 standen auf der Fläche der späteren Alten Realschule im östlichen Bereich die deutsche und die lateinische Schule. Sie lassen sich bis zur ältesten Sindelfinger Schule zurückverfolgen, die schon vor 1395 nachweisbar ist und im Mittelalter zum Stift gehörte. Im westlichen Bereich standen zwei Wohnhäuser. Weiter nach Westen schloss sich daran die Brotlaube an, die um 1600 erbaut worden war und bis 1841 bestand. In ihr hatten die Bäcker Verkaufsbänke für ihre Waren.

Das jetzige Schulgebäude entstand am Ende des 18. Jahrhunderts als "deutsche, lateinische und Mägdleinschule". Ab 1897 beherbergte es eine sechsklassige Realschule. Hier haben die Sindelfinger Realschüler, spätere Ingenieure, Beamte, Betriebs- und Abteilungsleiter der Industriebetriebe die Schulbank gedrückt. Um 1940 wurde die Alte Realschule in das 1929 erbaute Goldberggymnasium überführt.

Noch um 1980 bestand für diese beiden historischen, aber ziemlich verwahrlosten und baufällig gewordenen Gebäude die Gefahr des Abrisses. Hier war sogar eine Tiefgarage geplant, die aber wegen dann drohender Einsturzgefahr der Martinskirche nicht realisiert wurde. Eugen Schempp und der Arbeitskreis "Freunde der Sindelfinger Altstadt" wandten sich an die Öffentlichkeit und setzte sich, auch mit Unterstützung der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde, intensiv für die Erhaltung des Ensembles um den Stiftsbezirk ein. Die Lösung bahnte sich an, als für den Neubau des Gemeindezentrums ein Platz an der Stiftstraße gefunden wurde. Aus der Alten Realschule wurde das Bürgerhaus.

 

Das Haus Wergo (später Haus Hagenlocher)

Im Jahr 1830 ließ sich in Sindelfingen ein Mann mit einem ungewöhnlichen Namen nieder: Panagiot Wergo junior (1802 - 1886). Er war in Stuttgart geboren und aufgewachsen. Sein Vater, Panagiot Wergo senior, stammte aus Konstantinopel und war Sohn eines Kaufmanns. In Wien lernte er die Tochter eines Hofgärtners in württembergischen Diensten kennen und heiratete sie. In Stuttgart versuchte er einen Handel mit roher Baumwolle und türkischen Garnen, damals sehr begehrte Waren. Er bemühte sich um das Untertanenrecht, das ihm 1798 endlich gewährt wurde, und trat dem lutherischen Glauben bei. Das Geschäft entwickelte sich mit der Zeit sehr positiv. Nachdem seine erste Frau starb, heiratete Panagiot Wergo 1800 ein zweites Mal. Seine zweite Frau, Charlotte Feuerlein, Tochter des Regierungsrats Carl Feuerlein, entstammte der württembergischen Oberschicht.

1802 wurde der Sohn Panagiot junior geboren und wuchs in Cannstatt in einem großen Landhaus am Neckar auf. Ab 1806 betrieb der Vater eine eigene Fabrik für Türkischrot-Garne. Dies war die erste ihrer Art in der Region. Die Garne waren in Deutschland und dem Ausland sehr begehrt. Aufgrund politischer Umwälzungen musste Wergo 1824 die Fabrik aufgeben, betrieb aber weiterhin in der Calwer Straße in Stuttgart eine Großhandlung. In seinem Haus trafen sich Dichter und Denker wie Justinus Kerner, Ludwig Uhland, Gustav Schwab und Friedrich Hölderlin. Die sogenannten Panhellenen waren fasziniert von der deutsch-griechischen Familie.

Panagiot Junior verlor mit 16 Jahren seine Mutter bei der Geburt der jüngsten Tochter. Als ältester Sohn führte er die Tradition der Familie fort und erlernte den Beruf des Kaufmanns. Nach einer Lehre im Indigo-Handel in Stuttgart bei seinem Onkel Carl Feuerlein begab er sich in die Schweiz und nach Straßburg zur weiteren Ausbildung. Im Jahr 1830 erwarb er das Haus Obere Vorstadt 2 und ließ sich in der Stadt nieder. Im Bürgerbuch wird er als "Kaufmann und Conditor" geführt. Er scheint mit seiner Frau Mathilde Fink, Tochter des Amtsnotars, ein gutes Auskommen mit seinem Geschäft gehabt zu haben. Das Gewerbekataster verzeichnet den Handel mit Garn, Farben, "Porcellan", Glas und "Specereien" (Gewürzen).

1834 wurde ihr Sohn Wilhelm geboren. Der machte eine Ausbildung in Genf, Paris und Italien. 1855 ging er in die Vereinigten Staaten, nach Kanada und Kuba. Er arbeitete als Drogist und Apotheker. 1863 erwarb er das amerikanische Bürgerrecht und war im amerikanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Nordstaaten als Feldapotheker tätig. 1863 kehrte er nach Sindelfingen zurück und übernahm das elterliche Geschäft. Der Vater Panagiot junior verstarb mit 84 Jahren. Auf dem Alten Friedhof in Sindelfingen befinden sich noch Grabsteine der Nachfahren.

Leider hat sich kein Porträt von Panagiot Wergo erhalten., und auch die Unterlagen und Dokumente, die für eine Familiengenealogie bereits zusammengetragen waren, sind im Zweiten Weltkrieg in Stuttgart zerstört worden.

(Aus "Sindelfingen und seine Altstadt - ein verborgener Schatz" von Horst Zecha, Seite 56-57)

 

Klostersee und Seemühle

Der "Herrschaftliche See", später als Klostersee bezeichnete See unterhalb des Stiftsbezirks gehörte nie zum Kloster, sondern war bis 1741 im Besitz der Herrschaft Württemberg und dann im Privatbesitz des Seemüllers. Am östlichen Ufer stand bis um 1970 seine Seemühle. In den 1920er Jahren betrieb die Firma Kienle die Seemühle. Im Sommer war dort die Badeanstalt geöffnet, und im Winter wurde Eis für die Brauereien gewonnen. 1958 erwarb die Stadt den See und die Mühle. 1976 wurde das Mühlengebäude abgerissen und an seiner Stelle für die Landesgartenschau 1990 eine hübsche Parkanlage mit zahlreichen japanischen Kirschbäumen geschaffen.

 

Armesünderfriedhof

Bis 1517 wurden die Verstorbenen auf dem Friedhof an der Martinskirche begraben. Als er zu klein wurde, richtete man außerhalb des Bannzauns am Ende des See-Gässles bei der Frauenkapelle am Klostersee einen neuen Friedhof ein.

Dann kam die Pest, und auch dieser Friedhof wurde zu klein. 1594 begann man den heutigen "Alten Friedhof" zu bauen. Der Friedhof am Klostersee wurde danach als "Arme-Sünder-Friedhof" weiter benutzt. Hier wurden Ausgestoßene, also Kriminelle und Selbstmörder, verscharrt, z.B. eine Frau, die ihr uneheliches Kind umgebracht hatte und selbst ertränkt wurde. Auch nicht getaufte Säuglinge, die nach damaligen Glauben als Heiden für ewig in einer Spezialhölle schmoren mussten, erhielten nicht die Gnade eines christlichen Begräbnisses.

Am Rest der Friedhofsmauer ist heute eine Tafel angebracht und der Ort als kleiner Park gestaltet. 2014 wurden für das Projekt „Poetische Orte“ zwei farbige Glasstelen des Künstlers Fritz Mühlenbeck aus Weil im Schönbuch - Neuweiler aufgestellt.

Das damalige See-Gässle endete am Armesünderfriedhof. Beim Bau der Wilhelm-Hörmann-Straße wurde sie – die heutige Stiftstraße - auf einem Straßendamm durch den Klostersee zum Herrenwäldlesberg hin verlängert. Der nördliche Seeteil wurde damals zugeschüttet und erst zur Landesgartenschau 1990 wieder ausgegraben.

 

Literaturhinweise (Auswahl):

 

„Sindelfingen und seine Altstadt – ein verborgener Schatz“, 2013

Herausgeber: Horst Zecha, Kulturamt der Stadt Sindelfingen, ISBN 978-3-00-041492-3, 503 Seiten

 

„Martinskirche Sindelfingen“, Herausgeber: Martinsgemeinde Sindelfingen, 2013, 103 Seiten